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Leseempfehlungen von Stephan Muschick

Wo stehen wir bei den Erneuerbaren Energien? Ist die Energiewende wirklich nachhaltig? Und vor allem: Ist sie gerecht? Stephan Muschick widmet sich mit Leidenschaft diesen Fragen – auch als Leser von FAZ und ZEIT bis zur aktuellen SPIEGEL-Bestsellerliste. In unserem Stiftungs-Newsletter gibt er ganz persönliche Leseempfehlungen: Welche der vielen Artikel und Neuveröffentlichungen sind wirklich lesenswert? Nicht unbedingt, weil sie seine persönliche Meinung reflektierten, sondern weil sie Debatten anstoßen, wichtige Themen aus verschiedenen Perspektiven beleuchten und zum Dialog einladen.

Leseempfehlungen im Juli 2019

Partizipieren kann nur der- oder diejenige, die dazugehört. Chancen auf ein gutes Leben, auf Lebensqualität, auf Mitreden und Gehört-Werden: All das setzt eine Gruppe und einen Kontext voraus, die erst die Grundlage für ein lebenswertes Miteinander schaffen.

Ob es – wie der Untertitel der Studie suggeriert, immer gleich „Gleichwertige Lebensverhältnisse überall“ sein müssen, um aus Deutschland ein lebenswertes Gemeinwesen zu machen, sei einmal dahingestellt. Ein Blick in den Bericht „Unser Plan für Deutschland“ lohnt aber allemal. Denn hier haben sich drei Bundesministerien unter Federführung des Bundesministeriums des Innern, für Bau und Heimat zusammengetan, um erstmal Eines festzustellen: Die Lebensverhältnisse und -wirklichkeiten in Deutschland driften immer weiter auseinander. Um dann, in Teil 2, aufzuzeigen, durch welche Maßnahmen gleichwertige Lebensverhältnisse künftig geschaffen werden können. Und da fällt es wieder, das Buzz- und Reizwort Digitalisierung – hier als Mittel für Viele, um überhaupt – Achtung: Themenschwerpunkt! – partizipieren zu können. Zur Veröffentlichung

Was aber den einen Verheißung ist, ist den anderen Bedrohung. Sibylle Berg zum Beispiel, die in der Schweiz lebende und aus der ehemaligen DDR stammende Erfolgsautorin und den eher popkulturellen Leser*innen unseres Blogs aus dem Umfeld von Schulz & Böhmermann bekannt, sieht in der Digitalisierung die Grundlage für eine neoliberale Überwachungsdiktatur. Ihr aktueller Roman „GRM. Brainfuck“ handelt aber nicht nur von der schönen neuen Welt im Zeitalter der Digitalisierung (auch das sich in China ausbreitende Social Scoring lässt grüßen), sondern auch von der Gemeinschaft stiftenden Kraft der Musik. In diesem Fall geht es um Grime, kurz GRM, eine Form des britische Hip-hop – schmutzig, direkt, klar, zärtlich. So einfach geht Partizipation. Im – fiktiven – Roman lehnt sich das eine, widerständige Milieu, gegen eine übermächtige, immer enger werdende Gesellschaft auf. Zum Buch

Ob wir es am Ende mit einem Kampf der einen gegen die andere Gruppe (oder noch schlimmer: aller gegen alle) zu tun bekommen, oder ob uns gemeinsame Interessen einen, entscheidet sich nicht zuletzt beim Kampf gegen den Klimawandel. Mittlerweile haben auch die Letzten erkannt, dass dieser Kampf auch ein Verteilungskampf ist. Der mit Einschränkungen verbunden ist. Oder doch nicht? In einer aktuellen Ausgabe des SPIEGEL geht die Titelstory der Frage nach: „Können wir die Welt retten, ohne uns einzuschränken?“ Zur Geschichte (PayWall)

Die ZEIT veröffentlicht passend dazu die Serie „Sinn und Unsinn von Verboten“. Im ersten Teil schreibt Wolfgang Uchatius unter dem Titel „Ich habe kein schlechtes Gewissen mehr“ darüber, weshalb es in Ordnung sei, Auto zu fahren, in den Urlaub zu fliegen und Fleisch zu essen und dennoch für den Klimaschutz einzutreten. Zum Artikel (PayWall)

Manchmal muss es also gar kein dickes Buch sein, um sich die Frage zu beantworten: Wie und woran will ich partizipieren? Wir wissen ja alle, wie einst Tocotronic diese Frage beantwortet hat: „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein.“ Zum Video

Leseempfehlungen im Mai 2019

Über das Ruhrgebiet ist schon viel gesagt und geschrieben worden – nicht zuletzt im vergangenen Jahr, als die letzte Steinkohlenzeche schloss. Und nun startete die diesjährige Ausgabe der Ruhrfestspiel mit einer Rede – über das Ruhrgebiet! Die Schriftstellerin Judith Schalansky ist nämlich Expertin für Verluste. Und ihr gelang, was nur ganz wenigen gelingt: das Gefühl des Verlusts und den Respekt vor einem Industriezweig, den es nun nicht mehr gibt, zu verbinden mit kritischer Reflexion und einem Blick in die Zukunft, in klaren Worten und poetischen Bildern. Großartig, unbedingt lesen! Zur Rede

Zuordnungswissenschaftlerin Frederike Otto schreibt in ihrem aktuellen Buch „Wütendes Wetter“ (Otto, Ullstein Buchverlage, April 2019, ISBN: 13 9783550050923): „Zum ersten Mal in der Geschichte verfügen wir über die Mittel um belastbare Aussagen über einzelne Wetterereignisse zu treffen.“ Sie holt damit die Klimawissenschaft aus der Zukunft in die Gegenwart, um festzustellen: Wie sieht die heutige Situation eigentlich wirklich aus? Das ist gut so, denn bevor wir über die Zukunft sprechen, müssen wir erst mal wissen, wie es um unsere aktuelle Situation steht. Zum Buch

Die einen lieben ihn, die anderen können einfach nicht mit ihm: der Journalist und Autor Sascha Lobo (übrigens auch schon Gast auf einem unserer Stiftungstage!). Auf der re;publica 2019 in Berlin war der Saal jedenfalls gerammelt voll, als Sascha Lobo seinen Vortrag hielt und erklärte, warum die Welt seiner Meinung nach plötzlich aus den Fugen geraten zu sein scheint. Passend dazu veröffentlicht er im Herbst sein neues Buch „Realitätsschock“ (Lobo, Kiepenheuer & Witsch eBook, September 2019, ISBN: 978-3-462-31991-0). Darin geht er den Fragen nach: Wer hätte damit gerechnet, dass Trump die Wahl gewinnt und die Briten für den Brexit stimmen? Dass so viele Demokratien nach rechts kippen? Dass der Klimawandel so schnell spürbar wird und über Nacht eine weltweite Klima-Jugendbewegung entsteht? In seiner Analyse untersucht Lobo, woher diese Veränderungen kommen und was wir daraus lernen können – und müssen. Zum Buch

Leseempfehlungen im März 2019

„Wenn es grundsätzlich unmöglich ist, Menschen mit anderen Lebenserfahrungen Empathie entgegenzubringen, dann wird es nie möglich sein, soziale Spaltungen zu überwinden.“ Das sagte der US-amerikanische Politologe Francis Fukuyama im vergangenen Februar in einem Interview mit der FAZ. Den meisten mag er wegen seines Essays „Das Ende der Geschichte“ bekannt sein.

Anlass für das Interview ist sein neuestes Buch „Identität – Wie der Verlust der Würde unsere Demokratie gefährdet“ (Fukuyama, Hoffmann & Campe, Februar 2019, ISBN:978-3-455-00528-8). Darin wartet der 66-Jährige erneut mit einer steilen These auf: Die übertriebene Identitätspolitik der Linken (und Rechten) vertiefe die Spaltung der Gesellschaft und führe zu Orientierungslosigkeit und populistisch-autoritären Regierungsformen.

Ob die heilende Einigkeit auf der Ebene der Nation zu suchen ist, wie Fukuyama vorschlägt, ist zumindest eine Diskussion wert. Viel interessanter finde ich jedoch die Frage, die viele Menschen, ob jung oder alt, Wissenschaftler, Künstler oder Politiker interessiert: Wie lassen sich gesellschaftliche Polarisierungen und soziale Spaltung überwinden?

Hier drei weitere lesenswerte Tipps:

  • Der Philosoph Marcus Quent kritisiert in seinem schmalen, aber überaus pointierten Buch „Kon-Formismen – Die Neuordnung der Differenzen“ (Quent, Merve Verlag, Juni 2018, ISBN: 978-3-96273-003-1) die Dogmatik und Sinnentleertheit zahlreicher – eigentlich auf Vielfalt zielender – Begrifflichkeiten. Er setzt dem eine politische Idee entgegen, die das allzu augenfällige Gerede von Identitäten und Differenzen durchkreuzt und jenseits dieser Schablonen fragt: „Was hält uns tatsächlich zusammen?“
  • Diese Frage treibt auch den 1954 geborenen Soziologen Heinz Bude um. In einem wunderbar klugen Gespräch mit der Deutschlandfunk-Redakteurin Karin Fischer erklärt Bude sein Rezept gegen die soziale Spaltung. Er plädiert für „gefährliche Begegnungen“ mit Andersdenkenden und eine Kultur, die die Dinge aufgreife, die auf der Straße lägen. Den ganzen Podcast hören Sie hier.
  • Noch elaborierter widmet sich Bude diesem Thema in seinem kürzlich erschienenen Buch „Solidarität“ (Bude, Hanser Literaturverlag, März 2019, ISBN 978-3-446-26184-6). Der Autor liefert darin Antworten auf die sozialen Fragen unserer Zeit. Und wer es schafft, sich durch die Seiten voller soziologischer und historischer Klugheiten zu wühlen, wird am Ende mit der Rehabilitierung eines Begriffs belohnt, der längst in der Mottenkiste des Klassenkampfes verschwunden zu sein schien: Solidarität.

Und was hat das alles mit der innogy Stiftung zu tun? Zum einen: Die Umsetzung der Energiewende, einst deklariert als Gemeinschaftswerk, gerät immer stärker in die Kritik. Bei genauerem Hinschauen wird deutlich, dass sich Befürworter und Gegner zunehmend unversöhnlich gegenüberstehen. Diese Form der Spaltung stellt auch das Soziale Nachhaltigkeitsbarometer der Energiewende fest, das wir als innogy Stiftung mitinitiiert haben. Wir behalten diese gefährliche Entwicklung im Blick und entwickeln Ideen für einen höheren gemeinsamen Nutzen dieser enormen Transformation.

Leseempfehlungen im Januar 2019

  • Wenn das Geleitwort nicht am Anfang steht, sondern unter „G“, und wenn die anderen Einträge „Germania“ oder „Iran“ oder auch „Zurück in die Zukunft“ lauten, hat man es kaum mehr mit einer Chronik zu tun, sondern mit einem assoziativen Spiel mit der Geschichte und den Grundsätzen der eigenen Arbeit. Die alt-ehrwürdige Alfried Krupp von Bohnen und Halbach-Stiftung hat sich für diesen Weg entschieden, ihr 50-jähriges Jubiläum zu begehen. Absolut lesenswert, aber auch sehenswert. Ein ideales Coffeetable Book mit Tiefgang! Zum Buch
  • Interessant übrigens, dass die Krupp-Stiftung nicht die einzige Institution ist, die ihre Gedanken einmal in eine alphabetische Ordnung bringt. Wir haben es auch getan – Reinlesen lohnt sich immer noch: Zum Glossar
  • Eckhart Nickel ist als Popliterat bekannt, er las beim Klagenfurther Bachmann-Wettbewerb und bekam den Kelag-Preis zuerkannt. Nun legt er seinen ersten Roman mit dem Titel „Hysteria“ vor. Welcher mit einem hammermäßig-gruseligen Satz beginnt: „Mit den Himbeeren stimmte etwas nicht.“ Was genau, ist in diesem Buch über den Protagonisten Bergheim beschrieben, der den Machenschaften einer Ökodiktatur-Clique, die das spurlose Leben will und dafür Pflanzen und Tiere züchtet, auf die Schliche kommt. Lehre daraus: Immer schön hinschauen. Und vor allem: Selber machen. Wie bei der Energiewende.  Zum Buch


Leseempfehlungen im November 2018

  • Woran es fehlt. Meinungsfreiheit darf nicht mit Verächtlichkeit und Liberalität nicht mit Rücksichtslosigkeit übersetzt werden – ein Plädoyer zur Autorität der Reflexion. Zum Artikel
  • Die Gesellschaft der Singularitäten. Die Neuveröffentlichung des Soziologen Andreas Reckwitz ist gerade mit Blick auf die Bedeutung von Dialog bemerkenswert. Reckwitz wirft die Frage auf, wie sich Dialog angesichts der von ihm konstatierten zunehmenden Abschottung einzelner Milieus voneinander realisieren lässt. Die Frage „Wie funktioniert Gesellschaft, wenn nur das Eigene zählt?“ lässt sich übertragen auf unser Schwerpunktthema Energiewende: Wie kann diese als Gemeinschaftswerk erfolgreich verlaufen, wenn jeder zunächst an sich selbst denkt? Zum Buch
  • Woran die Wachstumskritik krankt. Zwischen „Grünem Wachstum“ und gezielter Wirtschaftsschrumpfung – ist die „vorsorgeorientierte Postwachstumsposition“ der Ausweg aus dem „Wachstumszwang“ unserer Gesellschaft? Zum Artikel

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