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Leseempfehlungen von Stephan Muschick

Wo stehen wir bei den Erneuerbaren Energien? Ist die Energiewende wirklich nachhaltig? Und vor allem: Ist sie gerecht? Stephan Muschick widmet sich mit Leidenschaft diesen Fragen – auch als Leser von FAZ und ZEIT bis zur aktuellen SPIEGEL-Bestsellerliste. In unserem Stiftungs-Newsletter gibt er ganz persönliche Leseempfehlungen: Welche der vielen Artikel und Neuveröffentlichungen sind wirklich lesenswert? Nicht unbedingt, weil sie seine persönliche Meinung reflektierten, sondern weil sie Debatten anstoßen, wichtige Themen aus verschiedenen Perspektiven beleuchten und zum Dialog einladen.

Leseempfehlungen im März 2020

„Ich habe nun fast achtzig Menschen nach ihrem letzten bewussten Glücksmoment gefragt“, schreibt die Schriftstellerin Gila Lustiger in der Einleitung zu ihrem Buch „Glück auf! Geschichten aus dem Leben im Ruhrgebiet“. Auf Einladung der in Essen ansässigen Brost-Stiftung war die in Frankfurt geborene Autorin in den Jahren 2017 und 2018 Stadtschreiberin Ruhr, wohnhaft in Mülheim und unterwegs auf den Straßen und Plätzen, in den Eisdielen, Schwimmbädern und Friseursalons des Ruhrgebiets. Sie traf auf Menschen und stellte ihnen immer dieselbe Fragen: Was ist für Sie Glück? Und: Wann warst Du zum letzten Mal glücklich? Die Antworten waren erwartungsgemäß vielfältig, zu sehr kam es Gila Lustiger darauf an, die gesamte menschliche und soziale Realität der Region in den Blick zu nehmen.

Ein nettes Buch, dachte ich damals, als mir die Brost-Stiftung ein Exemplar ins Büro schickte. Jetzt ist es mir wieder in die Hand gefallen. „Glück“, das Thema des März-Newsletters der innogy Stiftung, erscheint flüchtiger denn ja. Kaum niedergeschrieben, erscheinen viele Beiträge wie aus der Zeit gefallen, fast unangemessen. Die Corona-Krise und das Gefühl der Angst scheinen nicht nur den öffentlichen Diskurs, sondern auch das individuelle Fühlen zu dominieren. Und dennoch lohnt es auch heute, die Frage zu stellen: Was ist Glück? Ein Buch wie das von Gila Lustiger zusammengestellte hilft, zu sehen, was flüchtig ist und was bleibt. Das „Pils in der Eisdiele“, einer der beschriebenen Glücksmomente – passé. Viele Dinge bleiben jedoch. Die Sehnsucht nach Menschlichkeit. Hilfsbereitschaft. Und, nicht zuletzt, „die welterschließende Kraft der Literatur“ (190), wie sich Gila Lustiger im Interview überzeugt gibt.

Sie weiß natürlich auch, dass längst andere Medien an die Stelle der (literarischen) Bücher getreten sind. Soziale Netzwerke. Mehr oder weniger ausufernde TV-Serien. Videos zu allen möglichen Themen. Das muss nicht schlecht sein. Auch diese Medien transportieren Wissen, Meinungen, Perspektiven, Debatten. Wer einen Roman zur Hand nimmt, kann das Glück verspüren, einen Blick in andere Welten werfen zu dürfen. Gerade in Zeiten der Krise kann das überlebensnotwendig sein.

Aber auch Youtube bietet den einen oder anderen erhellenden Moment. Volker Quaschning, Professor an der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft und führender Kopf der Scientists for Future, pflegt seit einiger Zeit seinen eigenen Youtube-Kanal, den er Fragen der Klimakrise widmet. In seinem vorerst letzten Beitrag denkt er darüber nach, wie Corona-Krise und Klimakrise zusammenfallen. Quaschning kann der aktuellen Situation viel Positives abgewinnen: Er lobt die Politik, weil sie schnell und effizient alles tut, um sich einer Entwicklung entgegen zu stemmen und Menschenleben zu retten. Er lobt die Politik, weil sie endlich auf die Wissenschaft hört. Und er schlägt – Stichwort „Kipppunkt“ – den Bogen zur Klimakrise und fordert hier ein ähnlich entschlossenes Handeln. Aber ist es so einfach? Lassen sich Corona-Krise und Klimakrise gleichsetzen? Und ist eine so massive staatliche Intervention, wie sie  jetzt in der Corona-Krise stattfindet, immer der beste Weg? Am besten: selbst hier reinschauen. In gut 17 Minuten schlau werden zu einem komplexen Thema – das schafft man mit keinem Roman!

Etwas mehr Zeit kann das Anschauen von TV-Serien in Anspruch nehmen. Je nach Pausenlänge ist der Binge-Watcher in einigen Stunden/Tagen/Nächten durch. Wer sich für die Verfilmung von Juli Zehs Roman „Unterleuten“ entscheidet, hat es schon nach drei Folgen in Spielfilmlänge geschafft. Was ist Glück, fragt sich jede einzelne Bewohnerin des Dorfs in der brandenburgischen Provinz, die das menschliche Panorama des 2016 erschienenen Bestsellers bilden. Welche sozialen und menschlichen Verwerfungen bringt eine Transformation wie die Energiewende mit sich, fragt die Autorin, bevor viele andere diese Dimension in den Blick genommen haben. Und wir fragen uns, wie wir auch in Zeiten der Corona-Krise weiter zu sinnvollen Investitionen in Wind und Sonnenkraft kommen können. Das alles geht jetzt vom Sofa aus – auf der Fernbedienung ist die Mini-Serie „Unterleuten – Das zerrissene Dorf“ dank gut sortierter ZDF-Mediathek nur wenige Tastendrücke entfernt.

Leseempfehlungen im Januar 2020

Noch immer ist nicht klar, mit welchen Maßnahmen die Klimakrise bewältigt werden kann. Das zeigt nicht zuletzt das Klimapaket der Bundesregierung: nicht nur in der Ansammlung von Einzelmaßnahmen, sondern auch als Mix ganz unterschiedlicher ordnungspolitischer Ansätze – mit einer moderaten CO2-Bepreisung im Zentrum. Holger Lösch vom BDI kritisiert diese als wettbewerbsverzerrend und bringt – neben staatlichen Investitionsprogrammen (und mit ihnen in Verbindung stehend) – eine ganz neue Technologie ins Spiel: grünen Wasserstoff. Doch während in Deutschland noch um Fördermittel gerungen wird, um solche Technologien auf den Weg und in den Markt zu bringen, stürmen andere optimistisch nach vorn. Bill Gates, zum Beispiel, unterstützt das Startup Heliogen, das mit Hilfe von KI dafür sorgt, dass die Kraft der Sonne nicht nur eingefangen, sondern so stark konzentriert wird, dass Temperaturen von 1.500°C erreicht werden und damit die klimaneutrale Produktion von Zement und Stahl möglich wird. Wie das genau funktionieren soll, können Sie hier Magazin der Süddeutschen Zeitung lesen.

Aber reichen solche Einzelmaßnahmen aus? Und kommen sie rechtzeitig? Die neue EU-Kommission hat verstanden, dass noch ganz andere, konzertierte Kraftanstrengungen notwendig sind, um dem Klimawandel rechtzeitig Einhalt zu gebieten. „Green Deal for Europe“ heißt das Programm, mit dem Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen ihre Amtszeit verbindet: ein umfassendes Programm, um Europa bis zum Jahr 2050 zum ersten klimaneutralen Kontinent zu machen – und gleichzeitig ein umfassendes Wachstums- und Umbauprogramm für Wirtschaft und Gesellschaft. Vor dem diesjährigen Word Economic Forum hat von der Leyen ihren Green Deal ausführlich vorgestellt. Für alle, die keine Bücher oder Zeitungen lesen, hier das Video ihres Auftritts in Davos.

Doch die Fragen nehmen kein Ende. Meinen diejenigen, die von einem neuen Wirtschaftssystem reden, dasselbe? Bundespräsident a. D. Horst Köhler sprach in seiner beachtlichen Rede zum zehnjährigen Kulturhauptstadtjubiläum auf der Essener Zeche Zollverein von tiefgreifenden Reformen unseres Wirtschaftssystems. Aber geht er so weit wie die renommierte Publizistin und Aktivistin Naomi Klein? 1970 geboren in den USA geboren und nunmehr in Kanada lebend, wurde sie mit ihrem 2000 veröffentlichten Buch „No Logo!“ bekannt. Der Titel ihres aktuellen Werkes „Warum nur ein Green New Deal unseren Planeten retten kann“ (ISBN: 978-3-455-00693-3) ist Programm: Klein fordert ein radikal neues Wirtschaftssystem und macht den Kapitalismus als solchen für die Klimakrise verantwortlich. Wer so weit ausholt, muss sich allerdings auch einen kritischen Blick auf das Geschriebene gefallen lassen. Sind in Deutschland tatsächlich nur hunderttausende neuer Arbeitsplätze in der Erneuerbaren-Branche entstanden und nicht auch mehreren zehntausend durch die Krise der Windkraftindustrie wieder verloren gegangen? Und liegen wirklich hunderte von „Übertragungsnetzen“ nunmehr in den Händen von Städten, Gemeinden und Genossenschaften? Wer so wie Klein im Sinne eines „Alles oder nichts“ argumentiert (und mit einem ansteckenden Gemeinsinn durchaus Mut macht), sollte alles tun, dass die vorgebrachten Ideen nicht im Reich der Schwärmereien und des Idealismus angesiedelt werden. Wer sich davon inspirieren lassen mag und weder Zeit noch Lust hat auf ein 350 Seiten dickes Buch, dem sei die Instant-Fassung von Kleins Ideenwelt empfohlen: In der Süddeutschen Zeitung vom 25. Januar 2020 findet sich ein ausführliches Interview (SZ-Plus) mit ihr.

Leseempfehlungen im November 2019

Die #fridaysforfuture-Bewegung hat die unumstößlichen Erkenntnisse der Wissenschaft zum globalen Klimawandel ins Zentrum der Gesellschaft gerückt (etwas, was vielen Klimaforschern über Jahre nicht hinreichend gelungen ist) und den Druck, jetzt konsequent zu handeln, um die schlimmsten Szenarien zu verhindern, massiv erhöht. Aber wer fühlt sich nun angesprochen? Die Profis, die nun endlich mit ihren technologischen Patentlösungen um die Ecke kommen? Der Staat, der nun endlich die richtigen Rahmenbedingungen für wirkungsvollen Klimaschutz zu setzen möge – oder jede und jeder Einzelne, der oder die das Klima durch individuelle Verhaltensänderungen retten soll?

Das Interessante an Bernd Ulrichs aktuellem Buch „Alles wird anders. Das Zeitalter der Ökologie“ (KiWi-Paperback, 1. Aufl. 2019, 224 Seiten, ISBN: 978-3-462-05365-4) besteht darin, dass er seine Hinwendung zu ökologisch konsequenten und wirkungsvollen Handeln zunächst aus einer sehr individuellen, biographischen Geschichte und Motivation heraus betreibt (Hinwendung zur gegangen Ernährungsweise und zur autofreien Mobilität). Ulrich – langjähriger stellvertretender Chefredakteur der ZEIT – ist aber journalistisch versierter Beobachter und Kommentator des politischen Geschehens genug, um dabei auch in den Blick zu nehmen, was sich an den Rahmenbedingungen unseres Handelns ändern muss, wo die Gegner von Veränderungen sitzen und mit welchen argumentativen Tricks – Stichwort: Lasst die Profis mal machen! – diese arbeiten.

Zentrale These von Ulrich, welcher der klassischen intellektuell-liberalen Mitte der Gesellschaft entstammt, ist, dass sich ebendort, im Koordinatensystem der Mitte, vieles ändern muss. Dass einzelne Maßnahmen desorientierter Einzelner nicht mehr ausreichen: Wachstum, individuelle Erfolgskriterien, unser Verhältnis zur Natur – alles muss laut Ulrich auf den Prüfstand. Dass er am Ende dann doch wieder bei gefühligen Appellen wie „weniger Egoismus“ oder „mehr Schonung“ und „weniger Leistungsdruck“ landet, trübt meinen Blick auf ein Buch, das eine in großen Teilen sehr intelligente und kenntnisreiche Analyse der Position der Ökologie in der Gesellschaft darstellt – ein wenig. Denn am Ende müssen viele konkrete Fragen beantwortet werden. Von der Rolle und der Definition von Wachstum, der Gestaltung des Industriewandels, der Ausgestaltung von sozialer Gerechtigkeit und Teilhabe sowie auch – gelungener Schlenker zum Titelthema unseres November-Newsletters – des Einsatzes von Daten und künstlicher Intelligenz nicht nur der Erhebung und Modellierung klimatischer Entwicklungen, sondern auch – Vorsicht, China! – bei der Steuerung von klimafreundlichem Verhalten.

Auf diese tiefgreifenden Fragen gibt auch Luisa Neubauer, das Gesicht der #fridaysforfuture-Bewegung in Deutschland, die kürzlich gemeinsam mit ihrem Co-Autor Alexander Repenning das Buch „Vom Ende der Klimakrise. Eine Geschichte unserer Zukunft“ (Klett-Cotta, 1. Aufl. 2019, 304 Seiten, ISBN: 978-3-608-50455-2) veröffentlicht hat, keine Antworten. Muss sie vielleicht auch nicht. In ihrer Analyse ist Neubauer, angetrieben von der Entrüstung ihrer Generation über das Nichtstun der Älteren, erwartungsgemäß ähnlich scharf und konsequent wie Bernd Ulrich: Wir müssen jetzt handeln, da ist kein Planet B. Die Klimakrise ist keine individuelle, sondern eine gesellschaftliche Krise.

In einem Punkt erscheint das Buch von Neubauer und Repenning besonders frisch: in der Aufforderung, die Zukunft mit guten Ideen und gemeinsamem Handeln – und jenseits des „fossilen Kapitalismus“ – zu gestalten. Das liest sich, nicht zuletzt für eine Stiftung wie unsere – wie eine Einladung. Die beiden Autor*innen scheuen sich nicht, die Konflikte, die ein wirksamer Klimaschutz mit sich bringt, zu benennen – soziale Gerechtigkeit und ein offenbar manifester Generationenkonflikt sind nur zwei davon. Gespannt darf man nun darauf sein, an welcher Stelle der Gesellschaft Aktivistinnen wie Luisa Neubauer künftig gestaltend in die Rettung des Weltklimas und unserer Lebensgrundlagen eingreifen.

Die Lektüre zweier Bücher von Vertreter*innen zweier völlig unterschiedlicher Generationen macht jedenfalls Hoffnung, dass dabei eine „Verständigung der Willigen“ möglich ist.

Leseempfehlungen im September 2019

In seinem aktuellen Buch setzt sich Nachhaltigkeitsforscher Ortwin Renn mit gefühlten Wahrheiten (Renn, Verlag Barbara Budrich, Juni 2019, 978-3-8474-2271-6) auseinander. Zu seinem Buch komme ich gleich –zuvor ein kleiner Exkurs in eine Welt, in der gefühlte Wahrheiten nicht problematisch, sondern geradezu der Treibstoff des Diskurses sind: die Literatur. Hier führen innere Befindlichkeiten oder die Fiktionalisierung gesellschaftlicher Konstellationen zuweilen zu tieferen Einsichten als es politische oder wissenschaftliche Debatten vermögen.

Grandioses Beispiel beim Thema Energiewende ist Juli Zehs 2016 erschienener Roman „Unterleuten“ (Zeh, btb Taschenbuch, September 2017, ISBN: 3442715733), der zum Thema „Soziale Nachhaltigkeit einer dezentralen Energiewende“ eindringlicher ist als manches Manifest. Zum Buch

Ob Burkhard Spinnens kürzlich erschienenes Buch „Rückwind“ (Spinnen, Schöffling & Co., Juli 2019, ISBN: 978-3-89561-049-3) auf einem ähnlichen Niveau anzusiedeln ist, sei dahingestellt. Immerhin wirft ihm der Rezensent des Deutschlandfunks „Geschwätzigkeit“ vor.

Andererseits, so ist in der ZEIT zu lesen, spielt der Roman über den Aufstieg und Fall des Windkraftunternehmers Hartmut Trössner in einer fiebrigen Jetztzeit und verrät viel über die Nöte eines politisch ambitionierten Öko-Popstars.

Es lohnt sich also durchaus, diesen sehr persönlich gefärbten und manchmal ins Groteske überzeichneten Roman – Trössners Frau wird beim Versuch, ihr Kind zu retten, ausgerechnet von einem Windrad erschlagen – zu lesen und sich selbst ein Bild zu machen, ob Spinnen mit seinen subjektiv gefühlten Wahrheiten übertreibt – oder einfach gute Literatur fabriziert. Zum Buch

Dem Soziologen Ortwin Renn geht es um etwas ganz anderes. Ihn beunruhigt das weit verbreitete Misstrauen in die Problemlösungsfähigkeit der Politik, und er will, basierend auf einer kritische Analyse postmoderner und poststrukturalistischer Theorien, die er für das Chaos, dass jeder die Realität anders wahrnimmt und interpretiert (Fußnote Seite 23), verantwortlich macht, Orientierung bieten. Auch wenn er in meinen Augen mit seiner Kritik an der Postmoderne das Kind mit dem Bade ausschüttet – seine Verantwortung als Wissenschaftler nimmt er ernst. Sein Buch endet mit einem überaus lesenswerten 10-Punkte-Programm zum persönlichen Umgang mit der postfaktischen Gesellschaft. Sich auf belastbares Wissen verlassen (zum Beispiel zum Klimawandel), Skepsis gegenüber der selbstreferentiellen Logik von Filterblasen zu üben und vor allem Komplexität aushalten – als das hilft dagegen, Menschenfängern mit vermeintlich einfachen Lösungen auf den Leim zu gehen. Ein schöner Lösungsbeitrag der Wissenschaft! Zum Buch

Leseempfehlungen im Juli 2019

Partizipieren kann nur der- oder diejenige, die dazugehört. Chancen auf ein gutes Leben, auf Lebensqualität, auf Mitreden und Gehört-Werden: All das setzt eine Gruppe und einen Kontext voraus, die erst die Grundlage für ein lebenswertes Miteinander schaffen.

Ob es – wie der Untertitel der Studie suggeriert, immer gleich „Gleichwertige Lebensverhältnisse überall“ sein müssen, um aus Deutschland ein lebenswertes Gemeinwesen zu machen, sei einmal dahingestellt. Ein Blick in den Bericht „Unser Plan für Deutschland“ lohnt aber allemal. Denn hier haben sich drei Bundesministerien unter Federführung des Bundesministeriums des Innern, für Bau und Heimat zusammengetan, um erstmal Eines festzustellen: Die Lebensverhältnisse und -wirklichkeiten in Deutschland driften immer weiter auseinander. Um dann, in Teil 2, aufzuzeigen, durch welche Maßnahmen gleichwertige Lebensverhältnisse künftig geschaffen werden können. Und da fällt es wieder, das Buzz- und Reizwort Digitalisierung – hier als Mittel für Viele, um überhaupt – Achtung: Themenschwerpunkt! – partizipieren zu können. Zur Veröffentlichung

Was aber den einen Verheißung ist, ist den anderen Bedrohung. Sibylle Berg zum Beispiel, die in der Schweiz lebende und aus der ehemaligen DDR stammende Erfolgsautorin und den eher popkulturellen Leser*innen unseres Blogs aus dem Umfeld von Schulz & Böhmermann bekannt, sieht in der Digitalisierung die Grundlage für eine neoliberale Überwachungsdiktatur. Ihr aktueller Roman „GRM. Brainfuck“ handelt aber nicht nur von der schönen neuen Welt im Zeitalter der Digitalisierung (auch das sich in China ausbreitende Social Scoring lässt grüßen), sondern auch von der Gemeinschaft stiftenden Kraft der Musik. In diesem Fall geht es um Grime, kurz GRM, eine Form des britische Hip-hop – schmutzig, direkt, klar, zärtlich. So einfach geht Partizipation. Im – fiktiven – Roman lehnt sich das eine, widerständige Milieu, gegen eine übermächtige, immer enger werdende Gesellschaft auf. Zum Buch

Ob wir es am Ende mit einem Kampf der einen gegen die andere Gruppe (oder noch schlimmer: aller gegen alle) zu tun bekommen, oder ob uns gemeinsame Interessen einen, entscheidet sich nicht zuletzt beim Kampf gegen den Klimawandel. Mittlerweile haben auch die Letzten erkannt, dass dieser Kampf auch ein Verteilungskampf ist. Der mit Einschränkungen verbunden ist. Oder doch nicht? In einer aktuellen Ausgabe des SPIEGEL geht die Titelstory der Frage nach: „Können wir die Welt retten, ohne uns einzuschränken?“ Zur Geschichte (PayWall)

Die ZEIT veröffentlicht passend dazu die Serie „Sinn und Unsinn von Verboten“. Im ersten Teil schreibt Wolfgang Uchatius unter dem Titel „Ich habe kein schlechtes Gewissen mehr“ darüber, weshalb es in Ordnung sei, Auto zu fahren, in den Urlaub zu fliegen und Fleisch zu essen und dennoch für den Klimaschutz einzutreten. Zum Artikel (PayWall)

Manchmal muss es also gar kein dickes Buch sein, um sich die Frage zu beantworten: Wie und woran will ich partizipieren? Wir wissen ja alle, wie einst Tocotronic diese Frage beantwortet hat: „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein.“ Zum Video

Leseempfehlungen im Mai 2019

Über das Ruhrgebiet ist schon viel gesagt und geschrieben worden – nicht zuletzt im vergangenen Jahr, als die letzte Steinkohlenzeche schloss. Und nun startete die diesjährige Ausgabe der Ruhrfestspiel mit einer Rede – über das Ruhrgebiet! Die Schriftstellerin Judith Schalansky ist nämlich Expertin für Verluste. Und ihr gelang, was nur ganz wenigen gelingt: das Gefühl des Verlusts und den Respekt vor einem Industriezweig, den es nun nicht mehr gibt, zu verbinden mit kritischer Reflexion und einem Blick in die Zukunft, in klaren Worten und poetischen Bildern. Großartig, unbedingt lesen! Zur Rede

Zuordnungswissenschaftlerin Frederike Otto schreibt in ihrem aktuellen Buch „Wütendes Wetter“ (Otto, Ullstein Buchverlage, April 2019, ISBN: 13 9783550050923): „Zum ersten Mal in der Geschichte verfügen wir über die Mittel um belastbare Aussagen über einzelne Wetterereignisse zu treffen.“ Sie holt damit die Klimawissenschaft aus der Zukunft in die Gegenwart, um festzustellen: Wie sieht die heutige Situation eigentlich wirklich aus? Das ist gut so, denn bevor wir über die Zukunft sprechen, müssen wir erst mal wissen, wie es um unsere aktuelle Situation steht. Zum Buch

Die einen lieben ihn, die anderen können einfach nicht mit ihm: der Journalist und Autor Sascha Lobo (übrigens auch schon Gast auf einem unserer Stiftungstage!). Auf der re;publica 2019 in Berlin war der Saal jedenfalls gerammelt voll, als Sascha Lobo seinen Vortrag hielt und erklärte, warum die Welt seiner Meinung nach plötzlich aus den Fugen geraten zu sein scheint. Passend dazu veröffentlicht er im Herbst sein neues Buch „Realitätsschock“ (Lobo, Kiepenheuer & Witsch eBook, September 2019, ISBN: 978-3-462-31991-0). Darin geht er den Fragen nach: Wer hätte damit gerechnet, dass Trump die Wahl gewinnt und die Briten für den Brexit stimmen? Dass so viele Demokratien nach rechts kippen? Dass der Klimawandel so schnell spürbar wird und über Nacht eine weltweite Klima-Jugendbewegung entsteht? In seiner Analyse untersucht Lobo, woher diese Veränderungen kommen und was wir daraus lernen können – und müssen. Zum Buch

Leseempfehlungen im März 2019

„Wenn es grundsätzlich unmöglich ist, Menschen mit anderen Lebenserfahrungen Empathie entgegenzubringen, dann wird es nie möglich sein, soziale Spaltungen zu überwinden.“ Das sagte der US-amerikanische Politologe Francis Fukuyama im vergangenen Februar in einem Interview mit der FAZ. Den meisten mag er wegen seines Essays „Das Ende der Geschichte“ bekannt sein.

Anlass für das Interview ist sein neuestes Buch „Identität – Wie der Verlust der Würde unsere Demokratie gefährdet“ (Fukuyama, Hoffmann & Campe, Februar 2019, ISBN:978-3-455-00528-8). Darin wartet der 66-Jährige erneut mit einer steilen These auf: Die übertriebene Identitätspolitik der Linken (und Rechten) vertiefe die Spaltung der Gesellschaft und führe zu Orientierungslosigkeit und populistisch-autoritären Regierungsformen.

Ob die heilende Einigkeit auf der Ebene der Nation zu suchen ist, wie Fukuyama vorschlägt, ist zumindest eine Diskussion wert. Viel interessanter finde ich jedoch die Frage, die viele Menschen, ob jung oder alt, Wissenschaftler, Künstler oder Politiker interessiert: Wie lassen sich gesellschaftliche Polarisierungen und soziale Spaltung überwinden?

Hier drei weitere lesenswerte Tipps:

  • Der Philosoph Marcus Quent kritisiert in seinem schmalen, aber überaus pointierten Buch „Kon-Formismen – Die Neuordnung der Differenzen“ (Quent, Merve Verlag, Juni 2018, ISBN: 978-3-96273-003-1) die Dogmatik und Sinnentleertheit zahlreicher – eigentlich auf Vielfalt zielender – Begrifflichkeiten. Er setzt dem eine politische Idee entgegen, die das allzu augenfällige Gerede von Identitäten und Differenzen durchkreuzt und jenseits dieser Schablonen fragt: „Was hält uns tatsächlich zusammen?“
  • Diese Frage treibt auch den 1954 geborenen Soziologen Heinz Bude um. In einem wunderbar klugen Gespräch mit der Deutschlandfunk-Redakteurin Karin Fischer erklärt Bude sein Rezept gegen die soziale Spaltung. Er plädiert für „gefährliche Begegnungen“ mit Andersdenkenden und eine Kultur, die die Dinge aufgreife, die auf der Straße lägen. Den ganzen Podcast hören Sie hier.
  • Noch elaborierter widmet sich Bude diesem Thema in seinem kürzlich erschienenen Buch „Solidarität“ (Bude, Hanser Literaturverlag, März 2019, ISBN 978-3-446-26184-6). Der Autor liefert darin Antworten auf die sozialen Fragen unserer Zeit. Und wer es schafft, sich durch die Seiten voller soziologischer und historischer Klugheiten zu wühlen, wird am Ende mit der Rehabilitierung eines Begriffs belohnt, der längst in der Mottenkiste des Klassenkampfes verschwunden zu sein schien: Solidarität.

Und was hat das alles mit der innogy Stiftung zu tun? Zum einen: Die Umsetzung der Energiewende, einst deklariert als Gemeinschaftswerk, gerät immer stärker in die Kritik. Bei genauerem Hinschauen wird deutlich, dass sich Befürworter und Gegner zunehmend unversöhnlich gegenüberstehen. Diese Form der Spaltung stellt auch das Soziale Nachhaltigkeitsbarometer der Energiewende fest, das wir als innogy Stiftung mitinitiiert haben. Wir behalten diese gefährliche Entwicklung im Blick und entwickeln Ideen für einen höheren gemeinsamen Nutzen dieser enormen Transformation.

Leseempfehlungen im Januar 2019

  • Wenn das Geleitwort nicht am Anfang steht, sondern unter „G“, und wenn die anderen Einträge „Germania“ oder „Iran“ oder auch „Zurück in die Zukunft“ lauten, hat man es kaum mehr mit einer Chronik zu tun, sondern mit einem assoziativen Spiel mit der Geschichte und den Grundsätzen der eigenen Arbeit. Die alt-ehrwürdige Alfried Krupp von Bohnen und Halbach-Stiftung hat sich für diesen Weg entschieden, ihr 50-jähriges Jubiläum zu begehen. Absolut lesenswert, aber auch sehenswert. Ein ideales Coffeetable Book mit Tiefgang! Zum Buch
  • Interessant übrigens, dass die Krupp-Stiftung nicht die einzige Institution ist, die ihre Gedanken einmal in eine alphabetische Ordnung bringt. Wir haben es auch getan – Reinlesen lohnt sich immer noch: Zum Glossar
  • Eckhart Nickel ist als Popliterat bekannt, er las beim Klagenfurther Bachmann-Wettbewerb und bekam den Kelag-Preis zuerkannt. Nun legt er seinen ersten Roman mit dem Titel „Hysteria“ vor. Welcher mit einem hammermäßig-gruseligen Satz beginnt: „Mit den Himbeeren stimmte etwas nicht.“ Was genau, ist in diesem Buch über den Protagonisten Bergheim beschrieben, der den Machenschaften einer Ökodiktatur-Clique, die das spurlose Leben will und dafür Pflanzen und Tiere züchtet, auf die Schliche kommt. Lehre daraus: Immer schön hinschauen. Und vor allem: Selber machen. Wie bei der Energiewende.  Zum Buch


Leseempfehlungen im November 2018

  • Woran es fehlt. Meinungsfreiheit darf nicht mit Verächtlichkeit und Liberalität nicht mit Rücksichtslosigkeit übersetzt werden – ein Plädoyer zur Autorität der Reflexion. Zum Artikel
  • Die Gesellschaft der Singularitäten. Die Neuveröffentlichung des Soziologen Andreas Reckwitz ist gerade mit Blick auf die Bedeutung von Dialog bemerkenswert. Reckwitz wirft die Frage auf, wie sich Dialog angesichts der von ihm konstatierten zunehmenden Abschottung einzelner Milieus voneinander realisieren lässt. Die Frage „Wie funktioniert Gesellschaft, wenn nur das Eigene zählt?“ lässt sich übertragen auf unser Schwerpunktthema Energiewende: Wie kann diese als Gemeinschaftswerk erfolgreich verlaufen, wenn jeder zunächst an sich selbst denkt? Zum Buch
  • Woran die Wachstumskritik krankt. Zwischen „Grünem Wachstum“ und gezielter Wirtschaftsschrumpfung – ist die „vorsorgeorientierte Postwachstumsposition“ der Ausweg aus dem „Wachstumszwang“ unserer Gesellschaft? Zum Artikel

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