Das „Ruhr Ding“
Neues Ausstellungsformat erschließt künstlerisch Territorien

Welchen Beitrag können Mittel der Kunst zur öffentlichen Diskussion über urbane, soziale und politische Lebensbedingungen leisten – speziell angesichts zunehmender Globalisierung und transnationaler Abgrenzung? Diese Frage versucht das von Urbane Künste Ruhr neu entwickelte städteübergreifende Ausstellungsformat „Ruhr Ding“ zu beantworten. Dabei spielte das grenzüberschreitende Moment, das Kunst und Mobilität verbindet, eine entscheidende Rolle. Im Frühsommer 2019 ging das „Ruhr Ding“ unter dem Motto „Territorien“ an den Start und zeigte insgesamt 22 künstlerische Positionen an ganz unterschiedlichen Orten in den vier Ruhrgebietsstädten Dortmund, Bochum, Essen und Oberhausen – kostenlos und für jeden zugänglich.

Räume entdecken – Grenzen neu definieren

Das facettenreiche Ausstellungsportfolio bediente sich so unterschiedlicher Kunstformen wie Malerei, Fotografie, Installationen und Langzeit-Performances. Alle Kunstprojekte entstanden als Neuproduktionen und entwickelten sich zum großen Teil in der Auseinandersetzung mit den Orten und Räumen, die sie zugleich neu reflektierten. Vor dem Hintergrund erstarkender identitärer Bewegungen, Rechtsextremismus und Abschottungstendenzen europäischer Staaten stellten die beteiligten Künstler*innen und Kollektive die Frage nach territorialer Grenzziehung und Identität neu. Lassen sich kulturelle Identitäten wirklich nach Regionen abstecken? Wer bestimmt, wer dazugehört und wer ausgeschlossen wird? Und wie manifestieren sich solche Prozesse in der Gesellschaft?

Sam Hopkins: „Die Dauercamperin“

VISIT-Stipendiat Sam Hopkins war einer der Künstler. Auf einem Parkplatz neben dem ehemaligen Hoesch-Verwaltungsgebäude in Dortmund schuf der in Köln lebende Künstler eine Wohnwagen-Installation mit dem Titel „Die Dauercamperin“. In diesem „Trailer Park“ wurden die Besucher*innen vom 4. Mai bis zum 30. Juni 2019 mittels Hörspiels in die Zukunft entführt: Dauercamperin und Visionärin Lena Bauer ließ ihr smartes Leben hinter sich, um frei zu sein und mit Gleichgesinnten ein autarkes Leben außerhalb zentralisierter Systeme zu führen. Doch Europa wurde zur Dystopie zersplitternder Gesellschaften, bröckelnder Wirtschaftssysteme mit fremdenfeindlichem Populismus und Umweltkatastrophen: Lenas Erfindung, das New Internet, ist nun Teil des Systems. „Die Dauercamperin“ ist eine immersive Klanginstallation, die die abstrakten Prinzipien von Unabhängigkeit und Autonomie dramatisiert. Sie fragt nach dem Wesen der Freiheit, den Grenzen der Selbstbestimmung und der Veränderbarkeit von Systemen.

„Irrlichter-Touren“ zu den Ausstellungsorten

Physisch und geistig Grenzen zu überschreiten und neue Perspektiven zu gewinnen, war auch erklärtes Ziel der von der innogy Stiftung geförderten „Irrlichter-Touren”. Die Gruppenführungen zu Fuß, per Rad oder ÖPNV zu den verschiedenen Ausstellungsorten luden Besucher*innen ein, ganz bewusst vom Weg abzukommen und sich auf Unvorhergesehenes einzulassen, um neu und suchend zu entdecken. Durch dieses nachhaltige „Erfahren“ und Erlaufen der Kunststandorte und ihr Neuerleben über die Wechselwirkung mit den Kunstwerken wurden Grenzen neu definiert und als veränderbar erlebt. Die Annäherung an die Kunst über die Einbeziehung der Umgebung, in der sie sich befand, verband die Reflexion zum Thema „Mobilität“ mit dem Ziel, vielfältigen gesellschaftlichen Gruppen einen niederschwelligen Zugang zur Kunst zu ermöglichen. Zugleich wurden die Herausforderungen an die Infrastruktur und das Mobilitätsverhalten der Menschen in den Fokus gerückt.

Mobilitätsforscher Prof. Dr. Andreas Knie zum Verkehrssystem der Zukunft

Mobilität und das Verkehrssystem der Zukunft waren auch das Thema der Paneldiskussion am 26. Juni 2019 in Essen. Prof. Dr. Andreas Knie, Politikwissenschaftler am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, Hochschullehrer (TU Berlin) und Leiter der InnoZ GmbH zur Untersuchung von Innovationsprozessen im Mobilitätssektor, sprach über die Verkehrslandschaft von morgen sowie Innovationsbremsen und zukunftsgerechtes Denken. Knie rechnet in Zukunft mit einer vielfältigen, nachhaltigen und hoch performanten Mobilität, bei der die unterschiedlichen Verkehrsmittel nur als Mittel zum Zweck dienen. „Nutzen statt Besitzen wird die Zukunftsformel sein.“ Dieses Ziel scheitere derzeit eher am mangelnden Vorstellungsvermögen von Politikern, dass Menschen freiwillig vom eigenen Diesel-Pkw absehen könnten, als an der Lobbyarbeit der Autoindustrie.

Elektroautos oder Wasserstoffantrieb?

Für Knie keine Prinzipienfrage. Auf kurzen Strecken gäbe es künftig keine Alternative zum batterieelektrischen Auto, auf langen Strecken müsse man über Wasserstofffahrzeuge nachdenken. „Also sollten Lösungen mit Brennstoffzellen und batteriebetriebene Mobilitätsformen auch gemeinsam betrachtet und kombiniert realisiert werden. Für ein harmonisches Gesamtbild und eine nachhaltige Zukunft der Mobilität ist das essenziell.“

VISIT-Stipendiat Sam Hopkins auf der Website der innogy Stiftung Das „Ruhr Ding“ auf der Website der innogy Stiftung Interview mit Mobilitätsforscher Prof. Dr. Andreas Knie auf der Website der innogy Stiftung
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