Drittes Barometer zur sozialen Nachhaltigkeit der Energiewende

Die Ergebnisse 2019
Ist die Energiewende gerecht, sozial und nachhaltig? Wie stehen die einzelnen Bevölkerungsgruppen in den unterschiedlichen Regionen zum Klimaschutz? Welche Faktoren spielen dafür überhaupt eine Rolle? Belastbare Zahlen über die Haltung der Bevölkerung zur Energiewende werden seit 2017 jedes Jahr von dynamis, dem „Think-Do-Rethink-Tank“ der innogy Stiftung, dem Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) und der 100 prozent erneuerbar stiftung im „Sozialen Nachhaltigkeitsbarometer“ veröffentlicht. Das Monitoring 2019 basiert auf einer bundesweiten repräsentativen Längsschnittbefragung von 6.549 Haushalten.

Die wichtigsten Ergebnisse von 2019
Die Themen Energiewende und Klimaschutz haben 2019 viele Gemüter besonders bewegt. Das lag auch an den „Fridays for Future“-Demonstrationen, die den Handlungsdruck auf die Politik erhöht und dazu beigetragen haben, dass die Bundesregierung Deutschlands erstes Klimagesetz verabschiedet hat. Die Mehrheit der Befragten bewertet die „Fridays for Future“-Bewegung und ihre Auswirkungen grundsätzlich positiv – wenn auch nicht uneingeschränkt. Dabei scheinen ideologische und regionalkulturelle Einflussfaktoren die Einstellungsunterschiede zwischen den Bevölkerungsgruppen zu beeinflussen. Skeptische Stimmen kritisieren zudem den Unterrichtsausfall während der Demonstrationen und eine mangelnde Verhaltenskonsequenz der Schüler*innen.

Unverändert breite Zustimmung für die Energiewende
Die allgemeine Zustimmung für die Energiewende ist in der deutschen Bevölkerung nach wie vor sehr hoch. Eine deutliche Mehrheit der Befragten (82 Prozent) versteht sie als Gemeinschaftsaufgabe, zu der jedes Gesellschaftsmitglied einen Beitrag leisten kann. So zeigt sich auch eine Mehrheit bereit, höhere Kosten für den Klimaschutz zu zahlen, sofern diese zweckgebunden für den Ausbau eines klimafreundlichen Verkehrssystems und erneuerbarer Energiequellen genutzt werden. Mithin ist auch die Unterstützung für den Ausbau der erneuerbaren Energien leicht gestiegen. Etwa 68 Prozent der Westdeutschen stimmt für den Kohleausstieg. Unter den Ostdeutschen liegt der Anteil mit 51 Prozent deutlich niedriger. Die beschlossenen Maßnahmen zum sozialverträglichen Kohleausstieg seitens der „Kohlekommission“ haben in den betroffenen ostdeutschen Regionen nicht zu einem positiven Meinungsumschwung geführt. Dabei spielen allerdings auch politische Positionen eine Rolle.

Große Skepsis hinsichtlich politischer Umsetzung und Glaubwürdigkeit
Demgegenüber nimmt die Kritik an der politischen Planung und einer sozial gerechten Kostenverteilung zu. Beispielsweise fanden 2017 noch 66 Prozent der Befragten die Energiewende zu teuer, mittlerweile sind es schon 78 Prozent. Mehr als die Hälfte der Haushalte (55 Prozent) beurteilt sie als ungerecht, nur 18 Prozent als gerecht. Noch kritischer werden die Glaubwürdigkeit der Bundesregierung, die politische und operative Umsetzung sowie die eigenen Mitwirkungsmöglichkeiten beurteilt. Zwei Drittel (66 Prozent) der Deutschen erleben den Verlauf der Energiewende als chaotisch. Dabei lauten die zentralen Kritikpunkte ähnlich wie im Vorjahr: zu langsamer Fortschritt für effizienten Klimaschutz (57 Prozent); soziale Ungerechtigkeit (55 Prozent) und zu hohe Kosten (33 Prozent). Aus Sicht der Mehrheit der Befragten sollte für eine gerechte Verteilung der Kosten das Verursacherprinzip gelten.

Ambivalente Haltung beim Thema Mobilität
Im Rahmen des beschlossenen Klimapaketes stand die Mobilität stark im Fokus, weil hier bislang kaum etwas zur Treibhausgasminderung beigetragen worden ist. Die Zustimmungsraten für klimafreundlichere Alternativen zum Privat-Pkw liegen zwischen 73 Prozent und 92 Prozent. Andererseits stößt der Vorschlag zum Verbot von Autos mit herkömmlichen Motoren ab 2030 (bei Neuzulassungen) auf hohe Ablehnung (64 Prozent). Nicht zuletzt mangels praktikabler Alternativen besonders auf dem Land. Maßnahmen gegen den Autoverkehr sind aber auch in der Stadt unbeliebt. Vorschläge wie Zufahrtsbeschränkungen für Pkw in Innenstädten (52 Prozent) finden bislang ebenfalls nur knappe Zustimmung. Dagegen spricht sich mehr als die Hälfte der Haushalte für ein Tempolimit auf Autobahnen und die Abschaffung der Steuervorteile für Dieselkraftstoffe aus.

E-Mobilität – Skepsis hinsichtlich der Realisierung
Die Akzeptanz der Subvention von E-Autos ist eher gemischt: Der Anteil der Befürworter*innen liegt mit 34 Prozent etwas unter dem Niveau der Gegner (37 Prozent). Die Übrigen sind unentschlossen.

Viel Licht – viel Schatten
Die Akzeptanz der Energiewende und die Bereitschaft, dazu einen Beitrag zu leisten, sind in der Bevölkerung hoch. Allerdings befindet sich das Vertrauen in die Umsetzung, die Gerechtigkeit und die eigenen Mitwirkungsmöglichkeiten auf einem noch schlechteren Niveau als im letzten Jahr. Sozial gerechte Maßnahmen, erkennbare Zukunftsinvestitionen – etwa in die Verbesserung des öffentlichen Verkehrssystems – und eine entschlossenere politische Haltung sind gefordert. Denn die Einstellung stimmt, die Umsetzung jedoch (noch) nicht.

Das soziale Nachhaltigkeitsbarometer auf der dynamis-Website (1) Das soziale Nachhaltigkeitsbarometer auf der dynamis-Website (2)
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