Die erste Matinee der innogy Stiftung

Richard David Precht fordert Umbau des Bildungssystems
Ein sonniger Sonntagvormittag, ein gut gelauntes Publikum, Folkwang Jazz vom Feinsten und ein Stargast, der Klartext redet. Zur ersten Matinee der innogy Stiftung im Essener „Filmstudio Glückauf“ war Erfolgsautor, Philosoph und Hochschuldozent Richard David Precht geladen worden. In seiner Vorlesung über Bildung und Digitalisierung machte er alles andere als Schönwetter. Vielmehr zeigte er auf, was sich alles ändern müsste, wenn die Aussichten nicht trübe werden sollten.

Einzig mithilfe eines radikalen Umbaus des Schul- und Bildungssystems sowie der Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens – finanziert durch eine internationale Finanztransaktionssteuer – ließen sich die Folgen der Digitalisierung – der „vierten industriellen Revolution“ – bewältigen. Denn nicht nur im Niedriglohnsektor, sondern gerade auch in der Mittelschicht würden zahlreiche Berufe durch künstliche Intelligenz obsolet. Gleiches gelte für alle MINT-Fächer.

„Sollten wir nicht vielmehr so viele Menschen wie möglich befähigen, ein erfülltes Leben zu leben?“, lautete daher seine Frage. Ein überkommenes, eher militärisch organisiertes Schulsystem aus dem 19. Jahrhundert sei völlig ungeeignet, um für eine derart ergebnisoffene Zukunft zu qualifizieren. Das beginne schon mit dem pädagogisch völlig unsinnigen Unterrichten von sechs verschiedenen Fächern an einem Tag. „Wenn ich von Ihnen verlangen würde, sechs Dinge an einem Vormittag zu erledigen, die nichts miteinander zu tun haben, und sie würden darin noch geprüft, dann würden Sie doch sagen: „So kann ich nicht arbeiten!“ und würden sofort kündigen.

Stattdessen plädierte Precht als Kontrast zur durchdigitalisierten Zukunft für einen analogen Grundbildungssockel von sechs Jahren, „damit man auch ohne technisches Gerät klarkommt und nicht seine Gedächtnisleistung und die Kenntnis enorm wichtiger Kulturtechniken zum Selbstmanagement verschenkt, weil man sie ins Telefon auslagern kann.“ Danach solle dann nur noch in Teams und Themen – und nicht in hermetisch abgeschotteten Fächern – gelernt werden. Lernprojekte wie die Energiewende oder Elektromobilität seien zielführender.

Darüber hinaus sollten diese Lernteams nicht nur von Lehrer*innen, sondern auch von Fachexpert*innen – zum Beispiel pensionierten Max-Planck-Forscher*innen – geleitet werden, allein schon, um den Unternehmergeist der Schüler*innen zu wecken. „Alles, was mit Neugier, Motivation und Sinn gelernt wird, hat eine große Chance, hängen zu bleiben.“ Unabhängig vom jeweiligen Sujet. „Im Mittelpunkt einer zukünftigen Pädagogik in digitalisierten Zeiten steht die Förderung von intrinsischer Motivation (eigenem inneren Antrieb), Kreativität, Urteilskraft und Teamfähigkeit“, so das Fazit seiner Rede, die mit viel Publikumsapplaus belohnt wurde. Eine rundum gelungene Matinee.

Blog der innogy Stiftung Interview Muschick – Precht
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