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8. Juni 2020

“Von der Insel für die Insel”: Rügen als Experiment für die Energie-und Verkehrswende

Neben seinen Meeresbuchten und Sanddünen könnte die Insel Rügen auch bald für ein innovatives Projekt der Energie- und Verkehrswende bekannt werden. Das ist zumindest das Ziel der Think Lab Gruppe „Inselkraftwerk – Meine Insel, meine Energie: Umsetzung der Sektorenkopplung im zellularen Ansatz auf der Insel Rügen“, die von der innogy Stiftung und der Stiftung der deutschen Wirtschaft unterstützt wird. Wie die Gruppe in Zusammenarbeit mit der Genossenschaft  „Energiewerk Rügen“ das Projekt konkret umsetzen möchte, erzählen Projektleiterin Julia Epp und Dirk Niehaus, Vorsitzender des Energiewerks Rügen, im Gespräch.

Der Begriff Sektorenkopplung wirkt auf den ersten Blick abstrakt. Was ist eigentlich  eine Sektorenkopplung?
Julia Epp: Das ist die Integration von erneuerbaren Energien im Wärme-, Energie und- Verkehrssektor und deren Vernetzung. Die Sektorenkopplung ist das Leitprinzip der Energiewende geworden. Ich glaube, dass vielen Menschen nicht bewusst ist, dass die Energiewende nicht nur eine Stromwende bedeutet, sondern auch eine Verkehrs- und Wärmewende. Das heißt, das komplette Energiesystem erlebt einen Paradigmenwechsel und versorgt sich nicht mehr mit fossilen Energien, sondern zusehends mit erneuerbaren Energien. Zudem finde ich, dass diese Schnittstelle zwischen Gesellschaftswissenschaften und Energiewirtschaft manchmal nicht so einfach ist. Die Energiewende ist ein Bürgerprojekt. Wenn neben dem Ausbau der erneuerbaren Energien, auch eine Verkehrs-und Wärmewende folgen soll, dann wäre es wichtig, dass Bürgerprojekte daran anknüpfen können.

Eine Insel als experimentelle Plattform für die Sektorenkopplung. Welche Schritte in Richtung Verkehrs- und Energiewende verfolgen Sie mit diesem Projekt?
Julia Epp: Wir möchten zeigen, dass die Energiewende nicht nur eine Stromwende ist, sondern auch im Verkehrsbereich stattfinden kann. Unsere ersten Schritte: Wie plant man eine Energiezelle, also ein System, welches mit anderen Systemen über ein Energieinformationsnetz kommuniziert. Und wie würde sie aussehen? Wie groß ist eine Energiezelle? Wie können wir diese organisieren? Wie kann die Genossenschaft das machen? Der zellulare Ansatz ist noch nicht so weit verbreitet, da er eine recht neue Idee ist. Deshalb haben wir uns als Projektgruppe überlegt, dass wir uns ein Fallbeispiel anschauen und die Ergebnisse dann auch gerne teilen.

Es gibt zum Beispiel die Überlegung, auch an neuen Standorten eine Infrastruktur für Solaranlagen, Elektrobatterien, Ladesäulen und elektrische Fahrzeuge anzuschaffen. Und wir planen jetzt, an welchen Standorten das sinnvoll sein könnte. Wer ist die Zielgruppe für die Angebote der Verkehrswende und wie können wir das auch auf den Wärmesektor übertragen?

Wie sind Sie mit Ihrem Team auf diese Idee gekommen? Und wie entstand die Zusammenarbeit mit dem Energiewerk Rügen?
J.E: Prof. Dr. Andreas Knie und das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung arbeiten schon seit längerem mit der Genossenschaft Energiewerk Rügen zusammen. Unsere Forschungsgruppe für Digitale Mobilität setzt sich mit dem Thema Sektorenkopplung auseinander. Das heißt, wir interessieren uns dafür, ob die Interaktion zwischen dem Strom-, Verkehrs- oder auch Wärmesektor möglich ist. Bislang hatten wir in Deutschland grundsätzlich eine Stromwende. Uns geht es jetzt darum, die Sektorenkopplung in einem zellularen Ansatz umzusetzen. Dieser Ansatz möchte die Energie dort nutzen, wo sie vor Ort anfällt.

Wir haben dann von dem Think Lab-Hackathon gehört, den die innogy Stiftung zusammen mit der Stiftung der Deutschen Wirtschaft veranstaltet. Dann haben wir zusammen mit anderen Alumnis und Stipendiaten die Projektgruppe „Inselkraftwerk – Meine Insel, meine Energie: Umsetzung der Sektorenkopplung im zellularen Ansatz auf der Insel Rügen“ gegründet und uns für den Hackathon beworben. 

Wieso haben Sie sich für die Insel Rügen entschieden? Und warum eignet sich spezifisch diese Insel dafür?
J.E.: Auf der Insel Rügen gab es in der Vergangenheit bereits viele Diskussionen, ob man im Rahmen der Energiewende ein Windrad bauen könnte. Schließlich brachte sich Prof. Andreas Knie in die Diskussion ein und regte an, ob wir anstatt über ein Windrad zu diskutieren nicht gleich überlegen, wie wir die Energie- und Verkehrswende insgesamt weiter vorantreiben können. Da Dirk Niehaus schon länger mit seiner Genossenschaft Energiewerk Rügen, die aus einer Bürgerinitiative entstanden ist, an diesem Thema arbeitet, haben wir mit ihm eine Kooperation begonnen.

D. N.: Die dörfliche Struktur der Insel Rügen eignet sich besonders gut für diesen Ansatz. Denn hier gibt es recht häufig 20 bis 50 Häuser mit 200 bis 350 Einwohnern. Im ersten Schritt möchten wir ein funktionierenden zellulares Stromnetz aufbauen. Das wird zwar noch ein paar Jahre dauern, aber andere Projekte können das dann schnell kopieren und hochskalieren. Zudem haben wir auf Rügen den Vorteil, dass wir eine große Solaranlage, ein Kraftwerk und auch Windkraftanlagen haben. Das sind sechs Standorte und einer ist auch Bestandteil eines High-Tech-Start-up-Programms. Das heißt wir müssen nicht viel neue Anlagen bauen.

 

Wie sieht die Umsetzung des Projekt konkret aus? Und was erhoffen Sie sich?
D.N: Wir haben auf Rügen ein großes Potenzial an Photovoltaik-Möglichkeiten und können unseren Strom selbst herstellen. Zudem wünschen wir uns auf Rügen nachhaltige Verkehrskonzepte, zum Beispiel Elektromobilität. Das heißt, in der Regel können die Menschen mit ihren Solardächern den Strom für ihre Elektroautos einspeichern. Vielleicht auch noch zusätzlich mit einem Batteriespeicher den Strom zwischenspeichern. Zudem können wir auch andere Anlagen, wie zum Beispiel Solarparks oder Windanlagen, nutzen, um das Strom-Management der Insel zu steuern. So könnten wir unseren Bedarf auch immer direkt selbst decken, ohne Strom zukaufen zu müssen. Dadurch könnten wir die Mobilität und unseren persönlichen Strombedarf bis hin zur Wärmeenergie selbst abdecken.

Wir träumen davon, das Kabel, welches das Festland mit der Insel verbindet, irgendwann einmal abzuschneiden, denn wir können schon jetzt unseren eigenen Strom herstellen. Es geht nur darum, das wirtschaftlich auch umzusetzen. Unser Leitspruch ist: „Von der Insel für die Insel“. 

Wie sieht Ihr Verkehrskonzept für die Sektorenkopplung aus?
J.N: Rügen hat ein massives Verkehrsproblem, da im Sommer viele Touristen mit dem eigenen PKW anreisen. Wir planen, den Verkehrssektor in das Konzept mit einzubeziehen, indem wir ein Elektro-Carsharing auf Rügen aufbauen. Durch die Corona-Krise ist die Carsharing-Industrie unter Druck geraten, weshalb wir aktuell überlegen, wie wir die Sektorenkopplung trotzdem ausbauen können.  

Sind Sie schon mit den Menschen vor Ort oder anderen Projekten vernetzt?
J.E: Gemeinsam mit den vier anderen Projektbeteiligten informieren wir die Inselbewohner regelmäßig darüber, was im Projekt passiert. Die Projektteilnehmer arbeiten alle im Umwelt- oder Energiesektor, oder sind Studenten aus der Energietechnik. Die vier Beteiligten meiner Projektgruppe vernetzen uns mit Akteuren im Mobilitätsbereich und anderen Start-ups, die die lokale Energiewende befürworten und mit vorantreiben wollen.  

Welche Vorteile bot das Think Lab?
J.E: Mir war es immer wichtig, mit jungen Leuten über die Energiewende zu diskutieren. Denn häufig sind sie es, die von dem Umstieg auf erneuerbare Energien betroffen sind. Aber manchmal wissen sie nicht, wie sie sich einbringen können. Zudem kennen nicht alle den Forschungsansatz mit dem zellularen Ansatz. Denn im Studium oder der Forschung ist es oft schwierig, an konkreten Projekten zu arbeiten, da man eher in einer abstrakten Ebene bleibt. Wir haben bei diesem Projekt den Vorteil, dass wir mit Praxisbezug arbeiten können, denn das Energiewerk Rügen ist unser Praxispartner.

 

Foto Credits:

Header: Heidi Scherm

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Kategorien: Allgemein


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