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Beitrag: Der Spaziergangsprofi – Ein Gespräch mit dem Performance-Künstler Jens Eike Krüger

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2. Juni 2020

Der Spaziergangsprofi – Ein Gespräch mit dem Performance-Künstler Jens Eike Krüger

Ein ausgiebiger Spaziergang ist für den Performance-Künstler Jens Eike Krüger nicht einfach eine Freizeitbeschäftigung: Er will professioneller Spaziergänger werden. Dazu geht er im Rahmen seines Kunstprojekts „call for a walk” mit vielen fremden Menschen spazieren. In Corona-Zeiten kein einfaches Anliegen – doch die Herausforderungen haben ihn kreativ werden lassen. Krüger entwickelt seine Idee weiter und konzipiert den “call for an audio walk”, der von der innogy-Stiftung unterstützt wird. 

Bereits seit einiger Zeit gehen Sie bei ihrem Projekt „call for a walk“ mit fremden Menschen spazieren, um professioneller Spaziergänger zu werden. Wie sind Sie auf die Idee gekommen?
Das war ein Findungsprozess. Ich musste das Exposé für meine Masterarbeit schreiben, und meine Idee war es, ein Museum voller Bilder einzurichten. Dort sollte das Publikum für jedes Bild eine Nummer ziehen und dann zu jedem Bild eine individuelle Geschichte hören. Das wäre dann eine Mischung aus Popkultur und Wissenschaft geworden. Aber dann erschien mir das Format zu statisch und ich fand es spannender, nur mit Menschen spazieren zu gehen und mich mit ihnen auszutauschen. Dazu brauche ich das Museum nicht mehr.

Außerdem habe ich mir gedacht, dass es professionelle Köche und professionelle Fußballspieler gibt – warum sollte es nicht auch professionelle Spaziergänger geben? Ich habe inzwischen diverse Varianten des Spaziergangs mit unterschiedlicher Länge und zu verschiedenen Uhrzeiten ausprobiert. Ob professionelles Spaziergehen tatsächlich möglich ist, ist Teil meiner Forschungsfrage und das möchte ich im Laufe meines Projekts heraus finden.

Auf Ihrer Homepage heißt es: „call for a walk oszilliert “zwischen wissenschaftsnaher Raumforschung, einer klassischen Performance und einem skurrilen PR-Ereignis. Können Sie das näher erklären?
Bei meinen künstlerischen Projekten mag ich es besonders gerne, wenn ich den Ausgang nicht exakt kalkulieren kann. Bei diesem Projekt ist das ganz klar der Fall. Bei einem Film zum Beispiel habe ich ein Drehbuch und einen festgeschriebenen Ausgang. Das habe ich bei meinem Projekt nicht. Denn jeder Spaziergang ist immer anders: die Protagonisten, das Ziel und sogar die Art des Laufens. Zudem stellt sich beim Spaziergang die Frage: Wie funktioniert der Spaziergang mit dem Raum, der uns umgibt? Im Zusammenhang mit der Stadt heißt das: Wo funktionieren die Wege gut, wo eher weniger?

Zu Beginn meines Projekts habe ich geheime, versteckte Performances gemacht, für die ich Visitenkarten verteilt habe, damit mich die Leute anrufen. Aber das hat überhaupt nicht funktioniert. Ich möchte viele Menschen erreichen, weshalb ich jetzt so viele Aufrufe wie möglich mache. Hier möchte ich auch auf den Kern der Sache verweisen: „call for a walk” ist ein Projekt bei dem jeder mitmachen kann, und es ist sehr einfach. 

Ist Ihr „call for a walk eine Kunstform?
In der Kunstschule, aus der ich komme, gibt es in der Performance das klassische 1:1 Format. Das ist eine eingeschliffene Kunstform, die auch auf ganz vielen Kunst-Festivals stattfindet. Ich habe aber gemerkt, dass die Leute mein Projekt „call for a walk” besser annehmen, wenn es eher als PR-Ereignis verpackt ist. Denn bei Kunst winken die meisten Menschen schnell wieder ab. 

Den Effekt von PR-Ereignissen können Sie zum Beispiel auch bei Hape Kerkelings Wanderung auf dem Jakobsweg sehen. Das Buch hat in Deutschland einen Trend ausgelöst, auf dem Jakobsweg zu wandern. Es gibt sogar einen Wikipedia-Eintrag über diesen Effekt. Deshalb möchte ich gerne ein Advokat für den Spaziergang werden. 

Der Flaneur, der durch die leere Großstadt streift, hatte in der Philosophie und Kunst im 19. Jahrhundert eine enorme Bedeutung. Spielen Sie auf diesen Flaneur an? Und wird er heutzutage wieder wichtiger?
Viele Menschen fragen mich, was „call for a walk mit Kunst zu tun hat. Ich spiele auf diverse Strömungen der Philosophie und Kunstgeschichte an. So gibt es in der Philosophie den Flaneur, einen Protagonisten, der durch die Straßen streift. Bei den Situationisten gibt es den Begriff des „dérive, was für das ziellose Umherstreifen in der Stadt steht, aus dem sich neue Situationen ergeben. Im französischen Raum ist der Künstler Guy Debord ein wichtiger Vertreter des Spaziergangs, und in der deutschen Tradition ist es Lucius Burckhardt, ein schweizer Spaziergangsforscher. Aber diese Theorien, welche die Wahrnehmung des Raums durch das Spazieren erforschen, sind heutzutage wieder in Vergessenheit geraten. 

Neben der philosophischen Dimension wird der Raum für die Fußgänger in Zeiten der E-Mobilität immer kleiner. An allen Ecken und Enden der Stadt werden die Straßen und Fahrradwege verbreitert, um Platz für elektrische Fahrzeuge und elektrische Fahrräder zu schaffen. Das will ich nicht schlecht machen, aber auch die Fußgänger brauchen jemanden, der ihre Interessen vertritt. 

Was kann man sich unter ihrem neuen Projekt „call for an audio walk“ vorstellen und welchen Zweck verfolgt es?
Beim gemeinsamen Spazierengehen geht es darum, die Ergebnisse über die Vorgänge des Gehens zu erforschen, aber auch, über diese Ergebnisse zu sprechen. Wie könnte ich meine Überlegungen zum Stadtraum besser vermitteln als bei einem Audiowalk? Meist ist es so, dass konventionelle Audiowalks ein zuweilen langweiliges Setting mit einer vorher festgelegten Strecke und Tonspur haben. Wir kennen diese aus dem Museum. Zudem gibt es schon Apps, die bestimmte Punkte in der Stadt erreichen, die mit einer bestimmten Soundspur belegt sind. Dabei ist es schade, dass die Entdeckung des Fremden und Unbekannten in der Stadt verloren geht. Die Menschen schauen dann immer auf ihr Smartphone und gehen wie blind durch die Stadt. Hier will ich ansetzen und einen Audiowalk entwickeln, der dazu einlädt, sich treiben zu lassen und über das Spazierengehen nachzudenken. Ein weiterer Zweck ist es, sich wie die Situationisten die Stadt anzueignen. Denn der Raum ist begrenzt und wir beschreiten immer nur einen limitierten Bereich. 

Wie unterscheidet sich der „call for an audio walk” von Ihrem früheren Projekt „call for a walk”? Können Sie uns Einzelheiten zum Ablauf verraten?
Ich sehe den Audiowalk als ein Sprachrohr für die Erkenntnisse meiner bisherigen Spaziergänge und meiner philosophischen Gedanken. Das ist eine schönere Form als einen Vortrag darüber zu halten. Außerdem finde ich es schön, die Leute vor die Türe zu locken. Denn wir sollten uns trotz Corona fragen, was wir Sinnvolles tun können. Die unmittelbare Interaktion mit dem Spaziergänger, wie bei „call for a walk“ mag aufgrund der Ansteckungsgefahr aktuell das falsche Signal sein, dennoch möchte ich meine Gedanken über das Spazierengehen teilen. Es ist noch nicht klar,, wie die Handlungsanweisungen konkret erfolgen sollen. Aber grundsätzlich ist der Kosmos der unterschiedlichen Straßenecken – die kleinen Codes und Geheimnisse, die wir gehend erfahren können – Teil des Audiowalks. Dennoch wird jeder Audiowalk, wie der Titel verspricht, unterschiedlich sein. Denn es ist „Call for an audio walk“ und nicht „Call for the audio walk“. Das ist mir wichtig.

 

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Jens Eike Krüger

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Kategorien: Kultur
Schlagwörter: Kunst, Performance und Stadt


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