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Beitrag: Gastbeitrag von Harald Welzer: Palim! Palim! Oder: Was sind eigentlich Daten?

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28. Mai 2020

Gastbeitrag von Harald Welzer: Palim! Palim! Oder: Was sind eigentlich Daten?

Wir sind umstellt von Daten. Das Robert-Koch-Institut informiert über die neuesten Corona-Daten, die bis dato den meisten außerhalb der Wissenschaft völlig unbekannte Johns-Hopkins-Universität auch, und natürlich noch all die wunderbaren Apps von ZDF, ARD undsoweiterundsofort. Die Talkshows der letzten Wochen waren voller Menschen, die von Daten zu berichten hatten, und im Wust der Zahlen ging dann doch unter, dass zum Beispiel Epidemiologen oft Mathematiker und keine Mediziner sind und dass sie keine Befunde aus der wirklichen Welt referieren, sondern mögliche Resultate von Modellrechnungen. Oder dass man eine Mortalitätsrate aufgrund eines Virus nicht berechnen kann, wenn man die Zahl der Infizierten nicht kennt. Sei es drum, all das zeigt nur, dass die Menschen es gerade in Zeiten höchster Unsicherheit gern haben, wenn sie sich an etwas festhalten können. Zum Beispiel an Daten.

Aber das Datum – lateinisch für „das Gegebene“ – ist an sich nichts, es wird nur zu etwas, wenn man es interpretiert. Und das ist das eigentlich Wichtige in einer Welt voller Daten: Wozu eine „Datenbasis“ dient, welches Argument oder welche Maßnahme ich damit begründe oder stütze, hängt vom Kontext ab und von der Kenntnis, worüber das Datum eine Aussage erlaubt oder nicht. Und das wiederum hängt davon ab, wie die Daten gewonnen wurden. Daten sind deshalb, noch so ein Unfug, keineswegs „der neue Rohstoff“, sie brauchen Rohstoffe, um erhoben und verarbeitet zu werden, und zwar in ganz erheblichem Umfang.

„Die Welt ist nicht unendlich komplex geworden, wir haben einfach nur mehr Daten”

Wenn man dann noch weiß, dass sich die weltweite Datenmenge alle zwei Jahre verdoppelt (und man dafür immer wieder neue Einheiten erfinden muss – Zettabytes sind es gerade), weiß man auch, dass mit dieser Menge nicht parallel das Wissen und die Erkenntnis zunehmen, sondern nur die Menge dessen, was der Deutung und Interpretation bedarf. Allenthalben ist heute die Rede davon, dass die Welt so unendlich komplex geworden sei. Aber das stimmt gar nicht. Wir haben einfach nur mehr Daten über die Welt und blicken deshalb manchmal nicht mehr durch.

Karl Popper, der große Wiener Philosoph, hat die Erkenntnis formuliert, dass mit der Menge unseres Wissens proportional die Menge unseres Nichtwissens wächst, weshalb man durchaus auf dem Teppich bleiben sollte, was den wachsenden Datenfetischismus und den zunehmenden Aberglauben angeht, es gäbe einen Zusammenhang zwischen Fortschritt und Datenmenge. Auch das lässt sich am Beispiel der Corona-Krise illustrieren:

„Die erfolgreiche Bekämpfung der Pandemie hatte kaum mit Daten, aber sehr viel mit medizinischer Expertise, politischer Entscheidungskompetenz, bürgerschaftlichem Mitziehen, dem Sozialstaat und am Ende vielleicht auch mit Glück zu tun.”

Zweifellos ist die Virologie eine Disziplin, die seit Robert Koch und Louis Pasteur einen phantastischen Fortschritt für die Menschheit bedeutet hat und heute noch bedeutet. Was die kompetenten Fachvertreter gerade zu Beginn der Pandemie der Politik raten konnten, war unglaublich wichtig und hilfreich und insgesamt ein eindrucksvoller Beleg dafür, wie nützlich die Wissenschaft für die Gesellschaft sein kann. Dass man aber ausrechnen konnte, dass die Infektionszahl exponentiell wachsen würde, wenn keine geeigneten Gegenmaßnahmen ergriffen würden, hatte mit den aktuell vorliegenden Daten eher wenig zu tun – das beruht auf epidemiologischem Wissen aus früheren Infektionsgeschehen. Und die sinnvollerweise ergriffenen Maßnahmen waren darin begründet, dass auch dieses Virus per Tröpfcheninfektion weitergegeben wird, weshalb man auf eine soziale Großmaßnahme gesetzt hat: das Social Distancing. Die war erfolgreich, weil die Leute Einsicht in die Notwendigkeit hatten und auf breitester Ebene mitgemacht haben. Die andere Maßnahme – den raschen Ausbau der intensivmedizinischen Versorgung – konnte man in Deutschland nur deshalb so erfolgreich machen, weil hier das Gesundheitssystem noch nicht (wie etwa in England) völlig kaputtgespart war, sondern mitsamt seinem großartigen Personal hervorragend funktionierte. Daten kamen eigentlich erst ins Spiel, als wir alle begannen, jeden Tag gebannt darauf zu schauen, ob die kollektive Aufgabe „flatten the curve“ gelingen würde. Hier waren sie, die Daten, die man zum Festhalten brauchte.

Heißt: Die erfolgreiche Bekämpfung der Pandemie hatte kaum mit Daten, aber sehr viel mit medizinischer Expertise, politischer Entscheidungskompetenz, bürgerschaftlichem Mitziehen, dem Sozialstaat und am Ende vielleicht auch mit Glück zu tun. Dass die Datenindustrie trotzdem als einer der großen Gewinner aus der Krise herauskommt, liegt vor allem daran, dass sie kommunikativ genau in die Lücke springen konnte, die das Prinzip des social distancing gerissen hatte: Streaming statt Kino, Videokonferenz statt Meeting, Home-Office statt office, Homeschooling statt Schule. Aber alle Segnungen der digitalen Kompensation des sozialen Vakuums konnten nicht verdecken, dass so die analogen Probleme der Gesellschaft noch stärker hervortraten: Geschlechterungerechtigkeit, Bildungsungerechtigkeit, ungerechte Verteilung der Arbeit und der Einkommen.

„Der größte Verlierer der Virtualisierung der Kommunikation ist die Kultur”

Daten sind eben nur Daten, und virtuelle Kommunikation nur virtuell. Der größte Verlierer der Virtualisierung der Kommunikation ist daher die Kultur. Ernsthaft: Wer hat denn die Lust und den Nerv, sich zwei Monate lang Theater, Konzerte, Gespräche, Tagungen, Vorträge, Performances im Netz anzuschauen? Nie wurde die Eingebundenheit der kulturellen Sphäre in die soziale Praxis so deutlich wie in diesen Wochen, nie waren wir kulturell so verarmt wie in dieser Zeit. 

Also zurück zu den Daten. Ihre Erhebung und Verarbeitung sind Mittel zu anderen Zwecken: Menschen etwas anzudrehen, sie zu überwachen, zu kontrollieren, zu manipulieren, ihnen beim Problemlösen zu helfen, sie zu informieren, zu unterhalten, zu bilden und vieles mehr. Aber ob und wie sie das tun, hängt vom gesellschaftlichen Gebrauch ab, den man von ihnen macht. Deshalb werden Daten in einer Diktatur anders gebraucht als in einer Demokratie, von den großen Datenkonzernen anders als von der Stadt Bühl, die in Zeiten von Corona mit einer eigenen Plattform namens Palim! Palim! die Kommunikation ihrer Bürgerinnen und Bürger ohne Datenablieferung an die Googles dieser Welt erlaubte.

Die Verantwortung bleibt analog

Das Leben, auch das lehrt diese Krise, ist analog. Das Sterben auch. Wie man leben will, welche Gesellschaft man sein will, das sind soziale, kulturelle und politische Fragen. Daten können helfen, die Suche nach Antworten zu informieren und zu unterstützen. Aber was man mit diesen Antworten macht, fällt in die Rubrik Verantwortung. Und die bleibt unausweichlich analog. Gerade in Zeiten der Krise.


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Foto Credits:

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Martin Kraft

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Kategorien: Gastbeitrag
Schlagwörter: Corona-Krise, Daten, Digitalisierung und Klimaschutz


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