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Beitrag: Energiewende ja, Datenteilen nein – Wie schaffen wir Vertrauen?

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27. Mai 2020

Energiewende ja, Datenteilen nein – Wie schaffen wir Vertrauen?

„Digitalisierung ist ein zentraler Treiber der Energiewende, sagt Michael Walter vom Wittenberg-Zentrum für Globale Ethik (WZGE). Der Soziologe betreut das von uns geförderte Projekt „Ethische Herausforderungen der digitalen Energiewende: Die Verantwortung der Unternehmen. Warum das Datenteilen und das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger so eine große Rolle für die Energiewende spielen, erklärt Walter im Beitrag. 

Rund 83 Prozent der Deutschen befürworten den Ausbau erneuerbarer Energien. Das zeigen die aktuellen Ergebnisse des Nachhaltigkeitsbarometers, das dynamis, der gemeinsame Think-Do-Rethink-Tank der innogy Stiftung und der 100 prozent erneuerbar stiftung jährlich erstellt. 

Chancen und Herausforderungen der digitalen Energiewende

„Für das Voranbringen der Energiewende spielt die Digitalisierung des Energiesystems eine entscheidende Rolle, erklärt Michael Walter. Der Soziologe leitet beim Wittenberg-Zentrum für Globale Ethik (WZGE) das Projekt „Ethische Herausforderungen der digitalen Energiewende: Die Verantwortung der Unternehmen. Gleichzeitig entstehe damit jedoch auch eine neue Herausforderung. „Daten sind eine Schlüsselressource für die digitale Energiewende“, betont der Soziologe. So ist die Verarbeitung von großen Datenmengen wie Wetterdaten oder individuelle Verbrauchsdaten unabdingbar, um das durch den Einbezug dezentraler erneuerbarer Energien wie Windräder immer komplexer werdende Zusammenspiel von Stromangebot und Strombedarf effizient aufeinander abstimmen zu können. Allerdings werfen das Bereitstellen und Verwerten solcher Daten zahlreiche ethische Fragen auf, die im Fokus des WZGE-Projekts stehen. 

Das „Digitalisierungstrilemma“

Mit Blick auf das Thema Datenteilen- und verwerten im Kontext der digitalen Energiewende sind verschiedene ethische Dilemmata zu beobachten, die zwischen den drei Ebenen der Gesellschaft, der Wirtschaft und des Individuums verlaufen. „Wir bezeichnen dies als „Digitalisierungstrilemma, erläutert Walter. 

Ein maßgebliches Dilemma besteht in der notwendigen Verarbeitung personenbezogener Daten durch die Energieunternehmen und der individuellen Sorge um den Schutz der Privatsphäre. Eine Studie der Deutschen Energie-Agentur stellt fest, dass Verbraucher ein grundsätzliches Vertrauensproblem in Bezug auf die Datenverarbeitung durch Unternehmen der Energiebranche haben. „Das reduziert die Bereitschaft von Bürgerinnen und Bürgern, ihre Daten zur Verfügung zu stellen“, sagt Walter. Besonders gut sichtbar machen lässt sich dieses Vertrauensdefizit anhand der Einführung sogenannter Smart Meter. Dabei handelt es sich um intelligente Messsysteme, die unter anderem in regelmäßigen Intervallen Energieverbrauchsdaten messen und automatisiert an Energieunternehmen senden können. Hier zeigt sich länderübergreifend, dass die Sorge von Verbrauchern um den Schutz und die Sicherheit ihrer Daten eine wesentliche Hürde für die Akzeptanz und Nutzung von Smart Metern darstellt. Dies erschwert die aktive Einbindung der Bürger in die digitale Energiewende – eines der erklärten Ziele des Smart-Meter-Rollouts.

Aber auch die Energieunternehmen selbst werden als Datengeber in die Pflicht genommen: Durch solidarisches und faires Datenteilen können sie im Zeichen von „Open Data“ zum Erfolg der digitalen Energiewende beitragen: Durch das Bereitstellen von Daten können etwa  Innovationen gefördert werden, die allen zugutekommen; eine bessere Datenteilhabe – Stichwort „Bürgerenergie“ – bietet die Möglichkeit, die Demokratisierung der Energieversorgung voranzutreiben. Allerdings besteht auch hier ein prinzipielles Dilemma zwischen diesem gemeinwohldienlichen Nutzen der Bereitstellung von Unternehmensdaten einerseits und unternehmerischen Interessen wie etwa der Wahrung von Geschäftsgeheimnissen oder dem potentiellen Verlust von Wettbewerbsnachteilen.

Abbildung 1: Digitalisierungstrilemma (Quelle: WZGE)

 

„Für eine schnelle und effiziente Energiewende ist das solidarische Teilen von Daten aller Stakeholder von buchstäblich grundlegender Bedeutung.“ 

Mit Blick auf die ethischen Chancen und Herausforderungen erarbeitet das Projekt des WZGE Empfehlungen, auf welche Weise Unternehmen im Energiesektor Verantwortung  übernehmen können und sollen – und wie sie durch Investitionen zur Vertrauensbildung im Zuge der digitalen Transformation des Energiesektors beitragen können. Der Vertrauensinvestition in das Teilen von Daten kommt dabei eine besondere Relevanz zu, so Walter: „Für eine schnelle und effiziente Energiewende ist das solidarische Teilen von Daten aller Stakeholder von buchstäblich grundlegender Bedeutung.“ 

Auf dem Weg zu diesen Empfehlungen hat sich das Projekt eine Reihe von Aktivitäten zur wissenschaftlichen Fundierung auf die Agenda gesetzt. So sind zum einen im Laufe des Projekts mehrere empirische Begleitstudien geplant. Zum anderen werden Interviews mit verschiedenen Stakeholdern (wie Unternehmen aus dem Energiesektor, politischen Akteuren, Verbraucherschützern oder NGOs) sowie Workshops und Dialogveranstaltungen durchgeführt.

Praxisprojekt Smart Meter

Derzeit führen DoktorandInnen und Doktorandinnen des WZGE-Doktorandenkollegs eine das Projekt begleitende Studie durch.  Ihre europäische Best-Practice-Studie nimmt den Smart-Meter-Rollout am Beispiel von Schweden, Großbritannien und den Niederlanden in den Blick. Bei diesen Ländern handelt es sich um sogenannte „Front Runners“, die besonders weit im Rollout-Prozess in Europa vorangeschritten sind. Ziel des Praxisprojekts ist es, positive Gestaltungsbeispiele zu finden, wie Vertrauen in digitale Innovationen im Energiesektor – insbesondere bezüglich des Teilens von Daten – erzielt werden kann. Zur empirischen Fundierung des Projekts werden Interviews mit Stakeholdern aus Politik, Wirtschaft und Verbraucherorganisationen in den drei genannten Ländern geführt. Die Ergebnisse der Studie werden Ende Juni erwartet.

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Foto Credits:

Header: Jörg Farys

 

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Kategorien: Allgemein und Soziale Innovation
Schlagwörter: Digitalisierung und Energiewende


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