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25. Mai 2020

Drei Fragen an… Viola Schulze Dieckhoff

Ende März hat die Bundesregierung im Zuge der Corona-Pandemie den nach eigener Darstellung bisher wohl größten Hackathon veranstaltet. 48 Stunden lang arbeiteten mehr als 28 000 Menschen zusammen an digitalen Lösungen für die Corona-Krise – aus gegebenem Anlass natürlich virtuell. Eine davon ist Diplom-Ingenieurin Viola Schulze Dieckhoff. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Fakultät Raumplanung an der TU Dortmund. Schulze Dieckhoffs Forschungsschwerpunkte liegen unter anderem auf raumbezogener Transformation, Postwachstumsplanung, Klimaanpassung und gemeinschaftlicher Stadtentwicklung. Gemeinsam mit anderen Teilnehmern hat sie Möglichkeiten erarbeitet, wie Deutschland die Corona-Krise positiv für das Klima gestalten könnte. In „Drei Fragen an…“ erzählt sie uns davon:

Was haben Sie aus dem Hackathon-Projekt „Zukunft25: Corona-Krise zur Klimachance machen“ gelernt?
Ich habe sehr viel darüber gelernt, wie man mit fremden Menschen digital an der Lösung eines Problems arbeitet. Die Teilnehmer unserer Gruppe kamen aus ganz verschiedenen Bereichen, und jeder konnte seine Expertise gewinnbringend einfließen lassen. Obwohl wir uns vorher nicht kannten, herrschte von Beginn an eine positive Stimmung, und wir waren alle darauf aus, mit einem lösungsorientierten Ansatz aus diesem Experiment herauszugehen. Außerdem habe ich festgestellt, dass solche unkonventionelle Allianzen aus Wissenschaft, Wirtschaft, aber auch der Kunst unfassbar bereichernd sind. Es ergeben sich ganz neue Perspektiven und Lösungsansätze.

Der Hackathon hat mir generell ein sehr gutes Gefühl gegeben. Er hat mir geholfen, aus meiner Ohnmacht etwas Konstruktives zu machen. Ich arbeite in keinem systemrelevanten Beruf, und hier hatte ich endlich die Möglichkeit, anzupacken und etwas gegen diese Krise zu tun. Daraus schöpfe ich auch jetzt im Nachhinein noch unheimlich viel Energie.

Welche Zukunftsaussichten hat unser Klima?
Was für uns systemrelevant ist, hat sich in den vergangenen Jahren verändert. Während der Bankenkrise waren es zum Beispiel die Banken. Die Autoindustrie mit zahlreichen Arbeitsplätzen gilt bei der Bewertung der Klimakrise und bei der Suche nach Handlungsansätzen als systemrelevant. In der aktuellen Corona-Krise sind es nun Bildung, Gesundheit und der öffentliche Dienst, die als systemrelevant gelten. Unser Narrativ hat sich verändert. Und das macht mir Hoffnung.

In den letzten Wochen ist viel passiert. So hat Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, gesagt, Corona sei der letzte Sargnagel für den Neoliberalismus. Auch das Wuppertal Institut ist ganz klar der Meinung, dass wir an die Post-Corona-Zeit denken müssen und hat ein Diskussionspapier mit dem Titel „European Green Deal: Geeignete Grundlage für Konjunkturprogramme im Kontext der Corona-Krise?“ herausgebracht. Wir sind jetzt in einer akuten Phase, in der wir das Virus beherrschen müssen und wo es um kurzfristige ökonomische Krisenabwehr geht. Wir dürfen aber die langfristige Transformation nicht aus dem Blick verlieren. Erst kürzlich hat Angela Merkel beim Petersberger Klimadialog bestätigt, dass wir den Klimaschutz bei all den Konjunkturprogrammen nicht vergessen dürfen. Beim Hackathon haben wir dabei an Finanzhilfen für Unternehmen gedacht, die jedoch mit Bedingungen für Klimaneutralität verknüpft sind. Oder die Unterstützung für die Bereiche Kohle, Gas und Öl zu streichen und stattdessen Menschen proaktiv zu fördern, deren Arbeitsplätze durch die Transformation möglicherweise bedroht sind. 

Frankreich geht nun mit gutem Beispiel voran. Air France erhält staatliche Hilfen, muss dafür aber die CO2-Emissionen auf das Niveau von 2005 herunterfahren und auf Inlandsflüge nahezu verzichten. Es ist viel im Gange, das ist für das Klima ermutigend. Es birgt aber natürlich viele neue Herausforderungen für die wir kreative Lösungen brauchen.

Sie haben beim Hackathon die Backcasting-Methode angewendet. Was können wir uns darunter vorstellen und welche Rolle spielen Daten dabei?
Beim Backcasting geht es darum, sich die Zukunft zu einem bestimmten Zeitpunkt, in unserem Fall 2025, vorzustellen. Von dieser Vorstellung geht man zurück in die Gegenwart zieht Schlüsse, was wir heute tun müssten, um diese Zukunft wahr werden zu lassen. Beim Hackathon haben wir das anhand eines digitalen Whiteboards erarbeitet. 20 Leute konnten so gleichzeitig an einer Vision arbeiten. Die Expertise der einzelnen Teilnehmer beruht in zahlreichen Fällen ja auf wissenschaftlichen Erkenntnissen. Somit ist das auf jeden Fall ein wichtiger Bestandteil bei der Entwicklung einer Strategie, um 2025 in der Zukunft zu leben, die wir uns heute wünschen. Natürlich haben wir das Rad nicht neu erfunden. Stattdessen sind unsere Überlegungen eng mit bereits existierenden Forderungen der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung und dem Pariser Abkommen verknüpft. Es geht nun einfach darum, diese endlich aktiv anzugehen.

Eines der Ergebnisse von „Zukunft25: Corona-Krise zur Klimachance machen“ ist ein offener Brief an Kanzlerin Angela Merkel, Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier und Bundesfinanzminister Olaf Scholz und eine damit verbundene Petition. Erfahren Sie mehr.

 

Foto Credits:

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Kategorien: Allgemein
Schlagwörter: Corona-Krise und klimawandel


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