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14. Mai 2020

EYP „Digital-Session”: Ein Format mit Zukunft

Gelingen politische Debatten während der Corona-bedingten Reisebeschränkungen? Und wie sehen diese aus? Das von der innogy Stiftung geförderte European Youth Parliament hat mit seiner ersten „Digital Session” vom 16. bis 19. April gezeigt, dass das geht. Warum dieses Format auch über die Corona-Krise hinaus Potenzial hat, erklären die Projektmanagerin des EYP, Helena Nepp, und Christopher Nölte, Head-Organiser der Digital-Session. 

Wie lief die erste Digital Session ab und wer war dabei?
Christopher Nölte: Das war das erste Mal, dass eine Online-EYP-Sitzung stattgefunden hat, und es lief sehr rund. Wir hatten insgesamt 110 Teilnehmer aus 32 Ländern. Es gab insgesamt zehn Arbeitsgruppen mit je sieben Gesprächsteilnehmern. Für jede Gruppe gab es einen Moderator. Wir hatten lange Zeit Bedenken, ob wir die Teilnehmer vor den Computern so lange bei der Stange halten können – und, ob dieses Format überhaupt interessant genug ist. Daher haben wir versucht, alles möglichst interaktiv zu gestalten: ein Morgen-und Abendprogramm, gemeinsam miteinander Sport machen oder abends gemeinsam Spiele spielen. Das hat aber bestens funktioniert. Die Teilnehmer waren wirklich zu hundert Prozent mit dabei, als ob es ein richtiges Offline-Event wäre.

Helena Nepp: Normalerweise laden wir Politiker und Experten nur bei großen internationalen Sitzungen mit über 300 Menschen ein. Der organisatorische Aufwand wäre sonst zu groß. Beim digitalen Format war es aber viel leichter und einfacher als bei unseren Offline-Sitzungen, Experten und Politiker zu gewinnen. Mit dabei waren unter anderem: Réné Mono, einer der Geschäftsführer der 100 Prozent erneuerbar Stiftung, Helen McEntee, Irlands Ministerin für europäische Angelegenheiten, Alexander von Gabain, Mikrobiologe und Beiratsvorsitzender von EIT Health sowie Katie Anastasi-Frankovics, Innovationsdirektorin des Wellcome Trust. Zudem waren  in den Arbeitsgruppen vier junge Mitglieder des Europäischen Parlaments dabei: Eva Kaili, Damian Boeselager, Rasmus Andresen und Victor Negrescu.

Wie war die Stimmung bei der Online-Sitzung?
H.N.: Wir haben bei der digitalen Sitzung unterschiedliche interne Traditionen gepflegt. So haben wir zum Beispiel am Ende der Sitzung das Lied „Imagine” von John Lennon gesungen. Das machen wir seit mehr als 30 Jahren. Ich habe mich im Vorfeld gefragt, ob diese Tradition auch digital funktionieren wird – und das hat sie perfekt. Ich glaube, einige hatten sogar Tränen in den Augen.

Könnt ihr euch vorstellen dieses Online-Format auch nach Corona zu nutzen?
H.N: Ja, denn sie eignen sich unter anderem für Jugendliche, die sich die Anreise zum EYP- Sitzung nicht leisten können, in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt sind oder nicht mehr fliegen wollen, da sie bewusst nachhaltig leben möchten. Das digitale Format wäre eine tolle Möglichkeit, damit sie sich trotzdem am europaweiten EYP-Netzwerk beteiligen und Teil dieser Organisation werden können. Wir würden dann vielleicht nicht alles digital durchführen. Aber wir hoffen, dass dieses neue Format auch dann weiterhin besteht, wenn das Reisen in der EU wieder möglich ist.

Was war anders als sonst?
C.N: Wir haben zum Beispiel das Format der parlamentarischen Vollversammlung verändert, das am Ende der Debatten stattfindet. Für die Online-Diskussion haben wir eine Plattform genutzt, um allen Teilnehmern die Möglichkeit zu geben, ihre Beiträge einzureichen. Normalerweise debattieren die Teilnehmer nacheinander. Dank der Online-Plattform konnten mehrere Leute gleichzeitig ihre Standpunkte einreichen und diese dann gegenseitig kommentieren. Wir haben das Format überall ein bisschen angepasst, so dass möglichst alle Leute aktiv mitmachen konnten. Vielleicht waren einige sogar aktiver als sonst.  

Was war überraschend?
H.N: Normalerweise ist es für junge Menschen schwer, sich bei der parlamentarischen Vollversammlung zu konzentrieren. Dabei präsentiert jede Gruppe ihre Lösungen, und das dauert normalerweise von 10 bis 17 Uhr.  Es ist schwer, bei diesem Format aufmerksam zu bleiben. Wir hatten Bedenken, dass es jetzt bei dem digitalem Format noch schlimmer wird, etwa, dass die Dropout-Rate jede Stunde immer mehr zunimmt. Aber das ist nicht passiert. Im Feedback meinten viele, es sei viel entspannter gewesen, weil sie die Kamera für eine Stunde ausmachen konnten, um nur zuzuhören. So konnten sie währenddessen auch mal eine Pause machen.

Außerdem fand ich es lustig, dass sich viele Teilnehmer förmlich gekleidet haben. Normalerweise sind wir bei den regulären Veranstaltungen gegen diese förmliche Kleidung. Aber das hat uns gezeigt, dass unsere Mitglieder mit Herzblut bei der Sache waren. 

Über welche Themen wurde denn diskutiert?
H.N.: Wir hatten zwei Gesundheitsarbeitsgruppen, die die Corona-Krise aus den unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet haben und sich unter anderem mit den Folgen für das Gesundheitssystem und die Wirtschaft beschäftigt haben. Aber es war uns auch wichtig, die Themen Nachhaltigkeit und Energie zu behandeln, gerade weil diese wegen der Corona-Krise in den Hintergrund gerückt sind. Daher hatten wir zwei Arbeitsgruppen, die den European Green Deal diskutiert haben. Das Thema: Klimaneutralität bis 2050. Zudem ging es noch um Diskriminierung, die aktuelle Situation der Flüchtlinge, Staatenlosigkeit und ein paar Themen der Digitalisierung wie E-Voting. 

Wie kann man sich die Abstimmung am Ende der Debatten vorstellen?
C.N.: Die haben wir in diesem Fall mit Hilfe von Moderatoren abgehalten. Wir hatten uns vorher über verschiedene Plattformen informiert, bei denen die Teilnehmer online abstimmen können. Dafür brauchst du entweder einen Account oder du machst die Abstimmung per Link. Dann können Leute potenziell zwei, drei, vier Mal abstimmen. Daher haben wir uns letztendlich für die traditionelle Variante entschieden. Die einzelnen Teilnehmer haben ihre Stimmen an den Arbeitsgruppen-Moderator weitergegeben. Die Moderatoren haben während der Vollversammlung über die Anwendung Discord kommuniziert. Da können die Teilnehmer miteinander sprechen oder auch chatten. So konnten alle ihre Stimmen abgeben. Und dann haben die Arbeitsgruppen-Moderatoren die Ergebnisse live in dem Meeting vorgelesen. 

Wie geht es dieses Jahr weiter? Sind schon weitere Online-Summits in Planung?
H.N: Ende Mai ist die nächste nationale Digital-Sitzung in der Türkei geplant. Zudem planen wir ein internationales „Digital Health Forum“, und wir hoffen, dass viel Input aus unserem Netzwerk kommt. Wir haben die große Hoffnung, dass das EYP auch in dieser stillen Zeit weiterläuft. Wir warten jetzt ab, ob sich noch Personen finden, die sich wie Christopher Nölte als Head-Organiser für einen Online-Summit engagieren wollen. 

Wie wurde die digitale Konferenz von den Teilnehmern angenommen?
C.N: Grundsätzlich war das Feedback sehr gut. Das einzige, was manche Leute hervorgehoben haben, war der fehlende physische Kontakt. Manche Teilnehmer hätten sich ein noch kürzeres Programm gewünscht, da für sie die Zeit vor dem Computer zu lang war.   

H.N: 21 Prozent der EYP-Teilnehmer haben das erste Mal an einer Sitzung teilgenommen, und sie haben sich bei der digitalen EYP-Sitzung kennengelernt – und waren von dem neuen Format überzeugt. Sie werden auch weiterhin beim EYP bleiben und sich engagieren.

 

Foto Credits:

Header:

Nikita Salukvadze

 

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Kategorien: Bildung und Soziale Innovation
Schlagwörter: Corona-Krise, Digitalisierung, EYP und klimawandel


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