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15. April 2020

„Pain Points“: Was ist wichtiger – Klima oder Demokratie?

Es ist nicht so, dass mir diese populistische Frage nicht schon öfter begegnet wäre. Der Gedanke dahinter: die Mühlen der Demokratie mahlen langsam, Klimaschutzmaßnahmen brauchen wir schnell. Wäre da nicht ein wohlmeinender Diktator praktisch? Im Podcast „Pain Points“ mit Stephan Muschick und René Mono steht diese Frage am Anfang. Und danach wird es erst so richtig interessant.

Erstens. Wir können nicht für ein inhaltliches Ziel alle Werte, allen zivilisatorischen Fortschritt, alle Grundrechte aus dem Fenster werfen, weil uns irgendwas nicht schnell genug geht. Dann könnten wir die klimatischen Bedingungen für Zivilisation vielleicht bewahren – hätten sie aber auf unterwegs dennoch zerstört. Zweitens, selbst wenn wir bereit wären, das alles zu opfern, wäre eine Diktatur – so gütig sie auch sei – ungeeignet, der Klimakrise zu begegnen. Ein wohlmeinender Diktator könnte jetzt notwendige Schritte erlassen. Doch wie lange würde es dauern, bis er gestürzt, korrupt oder von jemandem gefolgt würde, der diese Ziele nicht teilt?

Die Klimakrise betrifft alle Menschen und muss langfristig bekämpft werden. Eine Linie effektiv langfristig zu verfolgen, zeigt die Geschichte, ist keine Stärke von Diktaturen. Es braucht den Konsens der Menschen, dass das Problem wichtig ist. Nur so ist die notwendige Verhaltensänderung möglich. Also doch wieder zur guten, alten, behäbigen Demokratie. Aber das ist der Knackpunkt.

Wenn Demokratie so behäbig ist, wir aber schnelle Entscheidungen brauchen – wie kriegen wir das hin? René Mono geht ausführlich darauf ein, warum die Demokratie an sich zwar geeignet ist, wo sie aber gerade nicht funktioniert. „Sie ist vermachtet“, sagt er. Wo jede*r Bürger*in eine Stimme haben sollte, üben in Wirklichkeit Lobbygruppen großen Einfluss aus. Wo und wie Entscheidungen genau getroffen werden, ist undurchsichtig. Menschen bemerken das und es hilft der Demokratie nicht. Wie „entmachten“ wir Demokratie, wie erneuern wir sie? Wir haben hierzu gute Beispiele und Vorbilder im Ausland gefunden. Doch auch die müssen richtig eingebunden werden. Es lässt sich ein ganzer Forderungskatalog aufstellen. Denn die Demokratie, wie sie jetzt ist, hat dringenden Veränderungsbedarf. Und es geht hin zu mehr Demokratie!

Demokratie krankt ja auch daran, dass viele so daran gewöhnt sind, dass Partizipation über Wahlen hinaus kaum was bringt, dass Partizipation selbst dann nicht stattfindet, wenn sie möglich wäre. Erlernte Hilflosigkeit ist das. Wie werden wir es los, dieses Gefühl der erlernten Hilflosigkeit, diese Konsumhaltung? Wie können sich schon junge Menschen stärker verantwortlich fühlen für die Politik des Landes? Und was muss schon die Schule beibringen, um auf die digitalisierte Welt zu reagieren, in der plötzlich jeder – Aktivist*innen und Klimaleugner*innen – ihre Meinung potenzieren können? Ja, das Bildungssystem stellt sich als einer der zentralen Schaltpunkte heraus. Auch hier bleibt es im Podcast nicht beim oberflächlichen „wir brauchen mehr Bildung“ oder „mehr Medienkompetenz“. Es gibt sehr konkrete Forderungen, was sich wie verändern muss – und was dieser Veränderung noch im Wege steht. Und notwendige Veränderung steht nicht nur der Schule bevor. Die betrifft auch den Wissenschaftsbetrieb. Gerade in einer Zeit, in der die Objektivität und Glaubwürdigkeit von Wissenschaftler*innen so stark angezweifelt wird, wie selten zuvor. René Mono skizziert, in welcher uneindeutigen Rolle sich die wenigen Wissenschaftler*innen finden, die sich aus dem geschlossenen akademischen Betrieb heraus an die Öffentlichkeit trauen. Die Art, wie wir Wissenschaft betreiben und in die Breite kommunizieren, fordert er, muss sich verändern.

Es sind dicke, dicke Bretter, die da gebohrt werden müssen. „Dauert das nicht alles zu lange?“, fragt Stephan Muschick zurecht. Wir stimmen zu. Doch wir finden am Ende einen Silberstreifen am Horizont. Und eine Utopie, auf die sich hinleben lässt. Und Utopien, stellen wir fest, sind wichtig.


Über das Spannungsfeld von Klimawandel und Demokratie sprechen in unserem dritten und letzten Podcast der Reihe „Pain Points“ Marina Weisband – Diplom-Psychologin, Aktivistin in der politischen Bildung, erfahrene Rednerin in den Bereichen politische Partizipation, digitale Gesellschaft und Krisen und René Mono – Geschäftsführer der 100% erneuerbar Stiftung. Moderiert von Stephan Muschick – Geschäftsführer der innogy Stiftung für Energie und Gesellschaft mbH.

Hören Sie alle Folgen unserer Podcast-Serie „Pain Points“: 

 

Foto Credit: Markus C. Hurek

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Kategorien: Bildung und Gastbeitrag
Schlagwörter: Marina Weisband, Pain Points und Podcast


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