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2. April 2020

„Pain Points“: Anthropozän und Klimawandel – Müssen wir uns abschaffen?

Brennende Regenwälder im Amazonas, immer neue Rekordtemperaturen, schwindende Insektenbestände, Plastik im Meer – die schlechten Nachrichten zum Zustand der Erde häufen sich. Und jetzt zeigt uns auch noch ein neuartiges Virus namens SARS-VoV-2, was passiert, wenn wir Menschen allzu hemmungslos Natur ausbeuten, etwa Fledermäuse, die auf dem Wochenmarkt landen.

Noch vor wenigen Jahrzehnten dachten viele Menschen, dass die Ressourcen der Umwelt eigentlich unerschöpflich sind und wir die Natur nur oberflächlich verändern. Inzwischen wird es für jedermann sichtbar, dass wir den ganzen Planeten massiv verändern.

Nun kommt noch eine Dimension hinzu: Wissenschaftler erforschen, wie langfristig die globalen Umweltveränderungen von heute andauern werden. Ihr Ergebnis ist erstaunlich. Wir Menschen, so hat es der Chemie-Nobelpreisträger Paul Crutzen formuliert, beeinflussen die Erde nicht nur kurzfristig, sondern auf der geologischen Zeitskala, also der Skala von Hundertausenden oder sogar Millionen von Jahren.

Crutzen hat dafür einen neuen Begriff geprägt, der derzeit weltweit heiß diskutiert wird: Der renommierte Wissenschaftler fordert, unsere geologische Erdepoche in „Anthropozän“ umzubenennen. Das kommt von den altgriechischen Wörtern anthropos für den Menschen und kainos für das Neue. Anthropozän: Die neue Erdepoche des Menschen. Geht es nach Crutzen, wird unsere heutige Erdepoche, das Holozän, das mit dem Ende der letzten Eiszeit vor knapp 12.000 Jahren begann, durch die neue Epoche abgelöst.

In einer eigens eingerichteten internationalen Arbeitsgruppe tragen Wissenschaftler die dramatischen Belege für das Anthropozän zusammen. Sie stufen die Erderhitzung als den wichtigsten Faktor ein, weil sie für Jahrzehntausende das Antlitz der Erde umkrempeln wird. Zu den wichtigen Faktoren gehört auch die Ausrottung und das Aussterben von Arten. Wenn Tiere und Pflanzen verschwinden, verändert das den Lauf der Evolution für immer. Nach Analysen des Weltrates für Biologische Vielfalt ist die Gefahr groß, dass im 21. Jahrhundert jede achte der schätzungsweise acht Millionen Tier- und Pflanzenarten auf der Erde ausstirbt. Das erinnert an frühere Massensterben, wie sie etwa am Ende der Dinosaurierzeit auftraten – nur dass diesmal kein Asteroid verantwortlich ist, sondern eine Primatenart namens Homo sapiens.

Wir Menschen schaffen urbane Gebilde aus Gestein, Metall und Glas, die sich über immer größere Teile der Landmasse erstrecken. Wir synthetisieren Mineralien sowie neuartige radioaktive Isotope und Elemente, die sich in Gesteinsschichten ablagern. Für unsere Elektrogeräte und unser Nahrung bringen wir Rohstoffe wie zum Beispiel Phosphor oder Koltan in riesigen Mengen aus den Förderregionen in die Städte. Ingenieure schaffen Hunderttausende Kilometer Straßen, Eisenbahnstecken und Kabel, die aus langlebigen Materialien bestehen, und bohren Zehntausende Kilometer Tunnel in Berge.

Unsere Landwirtschaft erzeugt riesige Mengen Fossilien – die Knochenrückstände von Hühnern, Rindern und Schweinen. Zudem führt die industrielle Landwirtschaft zu einer Bodenerosion, die natürliche Raten um ein Vielfaches übersteigt. Wir bohren nach Rohstoffen in der Tiefsee, gefährden im Meer die Existenz von Korallenriffen, umgeben die Erde mit einem Mantel an Weltraumschrott. Unser Hunger nach Ressourcen ist so groß, dass die bisher produzierten Betonmengen einem Kilogramm pro Quadratmeter Erde entsprechen und wir mit dem bisher produzierten Plastik einmal die Erde in Folie einwickeln könnten.

Was dabei heraus kommt, ist in den Worten von Paul Crutzen die „Menschenerde“ – ein grundsätzliches neues Gebilde, das nie wieder in einen unberührten Naturzustand zurückfallen wird, selbst wenn die Menschheit eines Tages ausgestorben sein sollte. Ein außerirdischer Geologe, der in einer Million Jahren auf unserem Planeten landet, würde demnach eindeutige Spuren unserer Zeit finden können.

Paul Crutzen und seinen Mitstreitern geht es nicht nur darum zu zeigen, wie groß unser Einfluss ist, sondern auch das Handeln zu verändern. Als „Zeitalter der Verantwortung“ hat der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung für Globale Umweltveränderungen das Anthropozän deshalb bezeichnet. Der Berliner Geologe Reinhold Leinfelder spricht statt von „Umwelt“ von einer „Unswelt“. Das bedeutet auch: Jede und jeder Einzelne ist direkt am Anthropozän beteiligt, indem wir Energie verbrauchen oder mit unserem Fleischkonsum zur Abholzung des Amazonas beitragen.

Diese neue Perspektive stellt bisherige Denkweisen in Frage – bis hin zur grundsätzlichen Unterscheidung von Natur und Kultur. Denn was ist noch natürlich an einem Hurrikan, der seine Energie aus der vom Menschen verursachten Erderhitzung bezieht? Oder an Gestein, das sich aus Plastiksedimenten oder Bergbauschlacke bildet? Und wie ist die menschliche Kultur von der Natur zu trennen, wenn wir Menschen einfach überall eingreifen und unsere Spuren an jedem Ort der Erde zu finden sind? Aus der früher unberührten Natur wird eine „berührte Natur“.

Noch ist offen, ob und wann das Anthropozän offiziell als neue Erdepoche ausgerufen wird. Dazu müssen die beteiligten Wissenschaftler sich zunächst darauf einigen, wann genau der Beginn der neuen Zeitrechnung angesetzt sein soll. Dazu gibt es unterschiedliche Auffassungen. Die offizielle Arbeitsgruppe spricht sich für ein Anfangsdatum im Zeitraum 1945 bis 1950 aus. Der Fallout der damaligen Kernwaffenexplosionen und die erste globale Welle von Plastikkonsum würden demnach den Beginn der neuen Erdepoche markieren. Andere Forscher wollen den Beginn schon in der Zeit der ersten großen Waldrodungen und der Ausbreitung der Landwirtschaft vor 3000 Jahren ansetzen.

In jedem Fall ist die Anthropozän-Idee mehr als die Summe aller Umweltprobleme. Vielmehr geht es darum anzuerkennen, wie groß die menschliche Verantwortung ist und wie langfristig das, was Individuen, Gesellschaft, Politik und Wirtschaft heute entscheiden, nachwirken wird. So haben sich bereits führende Politiker geäußert, auch Bundeskanzlerin Angela Merkel. Der Wissenschaftshistoriker Jürgen Renn sagt deshalb, das Anthropozän sei nicht nur eine Zeitrechnung, sondern ein Weg, uns unserer eigenen Rolle für die Erde der Zukunft bewusst zu werden.


In unserem ersten Podcast der Reihe „Pain Points“ Christian Schwägerl – Wissenschafts-, Politik- und Umweltjournalist sowie Autor und René Mono – Geschäftsführer der 100% erneuerbar Stiftung über das Anthropozän. Wir gehen der Frage nach, ob wir uns als Menschen nicht einfach abschaffen müssten. Und wenn nicht, was wir aus der Corona-Krise für den Umgang mit der KLIMA-Krise lernen können. Moderiert von Stephan Muschick – Geschäftsführer der innogy Stiftung für Energie und Gesellschaft.

Hören Sie alle Folgen unserer Podcast-Serie „Pain Points“: 

 

Foto © NASA EARTH OBSERVATORY/Craig Mayhew und Robert Simmon (Ausschnitt)

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Kategorien: Bildung und Gastbeitrag
Schlagwörter: Pain Points und Podcast


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