Blog

Beitrag: Gastbeitrag von Marina Weisband: Glück in Zeiten des Klimawandels

Sie sind hier: Startseite » Gastbeitrag von Marina Weisband: Glück in Zeiten des Klimawandels

26. März 2020

Gastbeitrag von Marina Weisband: Glück in Zeiten des Klimawandels

Die Klimakrise, aber auch Migrationsbewegungen und die Ausbreitung des Coronavirus zerren zurzeit an der Welt und jeder Riss, den es schon vorher gegeben hat, wird deutlich sichtbar. Diese Krisen zeigen, dass das derzeitige kapitalistische System einfach unfähig ist, auf globale Probleme zu reagieren. Der hoher Optimierungsdruck, das Streben nach Individualisierung und ewigem Wachstum und Gewinnmaximierung machen es überall dort unfähig, wo systemische Solidarität, langfristig vorausschauendes Handeln und Verzicht gebraucht werden. 

Das Coronavirus ist wie ein Miniaturmodell der Klimakrise. Ich merke es schon daran, dass ich ähnliche Ängste gegenüber beidem entwickle. Nicht Angst um mich selbst. Sondern Angst um die Gesellschaft im Ganzen. Um die Welt. Um die Zukunft. Das sind die Gedanken, mit denen wir uns tagtäglich beschäftigen müssen, während mehr und mehr schlechte Nachrichten über die sozialen Netze auf uns einprasseln. Ich schalte das Handy ein und es sagt mir: „Die Welt hat Probleme, die du nicht beheben kannst.“ Und obwohl ich weiß, dass ich natürlich meinen kleinen Teil tun kann, kann ich das Problem an sich nicht lösen. Ich fühle mich ohnmächtig. Und ich sehe so viele Menschen, die mächtiger sind als ich, die es teilweise sogar schlimmer machen, weil sie es nicht als Problem begreifen. Dass weckt Nervosität in mir. Ich versuche sie zu bekämpfen, indem ich mich besser informiere. Ich kehre zurück zu den Nachrichten, in die sozialen Medien, die mir den Stress in erster Linie bereiten. Aber was ist die Alternative? Ignorieren?

Sind wir nicht panisch genug?

Wie kann man in Zeiten der Klimakrise glücklich sein? Darf man es? Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist, weil es ein Schweigen über Klimaerwärmung einschließt? Sind wir nicht panisch genug? Können wir all die Zeit so panisch sein, wie es angemessen wäre, und dabei überhaupt noch funktionieren? Geistig gesund bleiben? 

Glück – das kann aus meiner Sicht nicht das einfältige Glück des Ahnungslosen sein, der einfach beide Augen vor den Problemen der Welt verschließt. Kann echtes Glück in der Verschuldung bei den zukünftigen Generationen liegen? Wie ist das Glück, das durch Ahnungslosigkeit entsteht, wertvoller als das passive Wohlbefinden einer Katze? Glück entsteht erst aus der nüchternen Betrachtung einer Situation und seinem eigenen Arrangement damit – und wenn das Arrangement im Kampf liegt. Glück, das ist, sich selbst im Spiegel in die Augen sehen zu können, ohne etwas zu verbergen zu haben. Tue ich in Anbetracht meiner Umstände, was ich kann und was angemessen ist? Geht es mir gut damit? Dann ja, bin ich glücklich.

Der Klimawandel stellt mich vor folgendes Problem: Ich tue offenkundig nicht genug. Ich bemesse es daran, dass wir alle kollektiv nicht genug tun. Folglich kann ich nicht zufrieden mit meinen Handlungen sein. Es wäre mehr möglich. Ich könnte mein Leben dem stärker verschreiben. Ich könnte zu mehr Demos gehen, mehr Aktionen fahren, mehr Bildungsarbeit betreiben. Aber es gibt noch die anderen Themen, die anderen Fronten. Und dann gibt es noch die Familie – und mich selbst. Vielleicht ist Glück, eine Balance zwischen Kampf und Alltag zu finden. Zwischen dem Großen und dem Kleinen. Dazwischen, die Defizite zu sehen und zufrieden zu sein mit dem, was man hat. Vielleicht gehört es zum Glück dazu, die Ungerechtigkeit der Welt für einige süße Stunden ignorieren zu dürfen.

Spielt meine Arbeit eine Rolle?

Ich arbeite hauptberuflich in einem Projekt, in dem ich Schüler*innen digitale demokratische Entscheidungsfindungen für ihre Schulen zur Verfügung stelle. Mehr als einmal war ich konfrontiert mit der Frage, wie man eigentlich in einem so langfristigen Projekt arbeiten könne. Spielt meine Arbeit eine Rolle, wenn in einigen Jahrzehnten Massenmigrationsbewegungen, Ressourcenkriege und Naturkatastrophen unsere fragile Zivilisation durcheinanderwerfen werden, überhaupt eine Rolle? Das sind die Momente der Panik. Und hier lerne ich, dass Panik selbst ob der Klimakrise unangebracht ist. Im Gegensatz zur Angst, nimmt sie uns die Handlungsfähigkeit. Was ich tue, ist wichtig. Denn gerade, wenn die Zeiten sich ändern, werden zukünftige Generationen viel mehr von der Selbstwirksamkeit, der Eigenständigkeit, der Verantwortlichkeit und der Fähigkeit zu Politik und Kommunikation brauchen, die ich hoffe, ihnen ein Stück weit zu vermitteln. An meinen einzelnen Schulen. In meinem kleinen Wirkungsradius. Denn vielleicht werden sie es schaffen. Wenn wir ihnen die richtigen Werkzeuge geben. Vielleicht erreichen wir morgen etwas. Vielleicht wird die Zukunft ein besserer Ort, als die Gegenwart.

Glück in Zeiten der Klimakrise ist Hoffnung. „Selbst wenn morgen die Welt untergeht, werde ich heute mein Apfelbäumchen pflanzen“. Hoffnung macht uns stark in dem, wie wir kämpfen, wie wir uns und unsere Mitmenschen vorbereiten, wie wir Ideen entwickeln. Hoffnung erlaubt mir aber auch, nach Feierabend heim zu gehen, mit meiner Tochter auf dem Spielplatz zu gehen, zu lachen, zu kochen und nicht an die Krisen unserer Zeit zu denken. Denn wir sind viele Schultern und die Last verteilt sich auf all diese Schultern. Wir können aufeinander hoffen. Und wenn wir dieses Aufeinander-hoffen füttern, in uns und unseren Kindern, dann wächst eine bessere Gesellschaft daraus. Hoffentlich. 


© Lars Borges (Marina Weisband, Wir nennen es Politik)

Marina Weisband wurde 1987 in Kiew geboren. Ihre Familie zog 6 Jahre später im Zuge der Regelung für Kontingentflüchtlinge nach Deutschland. Von 2011 bis 2012 war sie politische Geschäftsführerin der Piratenpartei Deutschland. Weisbands politische Schwerpunkte liegen in den Bereichen der Bildung und der Bürgerbeteiligung. In ihrem Buch „Wir nennen es Politik“ schildert sie die Möglichkeiten neuer demokratischer Formen durch Nutzung des Internets.
 Seit 2014 leitet sie bei politik-digital.de ein Projekt zur politischen Bildung und Beteiligung von SchülerInnen an den Angelegenheiten ihrer Schulen.

Weitere Gastbeiträge von Marina Weisband


Melden Sie sich für unseren Newsletter an!

Neugierig auf weitere Gastbeiträge von Marina Weisband oder unseren anderen Gastautoren Harald Welzer? Hier im Newsletter-Archiv werden Sie fündig. Für künftige Newsletter, melden Sie sich doch hier gleich an – das erspart Ihnen nachträgliche Downloads!

weiterempfehlen

Kategorien: Gastbeitrag
Schlagwörter: Marina Weisband


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Hiermit akzeptiere ich die Datenschutzbedingungen


Eine Reaktion

  • Ich verspüre beim Lesen des Artikels ein Abwägen zwischen Resignation und Einsatz und Ergebnis fürs Letztere.
    Persönlich sagt mein Verstand in vielen Dingen Resignation. Allerdings bin ich glücklicher, wenn ich etwas „Gutes“ tue. Wovon ich zumindest ausgehe, dass es gut ist. Ich kämpfe allerdings nicht mal im Ansatz bis zur Selbstaufgabe oder Burn.Out.
    (Im Übrigen halte ich Marina Weisband für eine sehr kluge Frau)