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Beitrag: Eckart von Hirschhausen über Glück und seine Mitwelt

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19. März 2020

Eckart von Hirschhausen über Glück und seine Mitwelt

Buschbrände in Australien, schmelzende Polkappen – ob im Süden oder Norden, der Klimawandel ist bereits spürbar. Können wir in Zeiten der Klimakrise überhaupt noch (persönliches) Glück empfinden? Der Arzt, Autor und Komiker Dr. Eckart von Hirschhausen engagiert sich seit vielen Jahren für den Klimaschutz, aktuell mit seiner Stiftung „Gesunde Erde – Gesunde Menschen“. Im Gespräch erzählt er, warum es für ihn keine Umwelt, sondern eine Mitwelt gibt und was jeder Einzelne für deren Wohl tun kann.

Herr Dr. von Hirschhausen, denke ich an unsere Zukunft, bekomme ich Kopfschmerzen. Was können Sie mir empfehlen?
Als Therapeut gesprochen: den Schmerz zulassen! Wer über den aktuellen Stand der Welt nicht ein bisschen verrückt wird, ist nicht normal. Als Arzt wurmt mich, dass wir in den großen Zukunftsfragen nicht die wichtige und richtige Reihenfolge einhalten: erst die Diagnose klären, dann reden wir über Therapiemaßnahmen. Wenn Sie glauben, Sie haben einen Spannungskopfschmerz, der mit Aspirin weg geht, und ich verordne Ihnen Chemo, würden Sie mich für bekloppt halten und sich einen anderen Arzt suchen. Erst wenn ich Ihnen gesagt hätte, Sie haben etwas Ernstes, würden Sie verstehen, warum auch die Gegenmaßnahmen radikaler sein müssen. Wenn wir also über Umweltschutz reden, muss man es einmal deutlich sagen – wir müssen nicht das Klima retten, sondern uns. Denn gesunde Menschen gibt es nur auf einem gesunden Planeten!

Wie halten Sie sich als Gründer von zwei Stiftungen seelisch gesund? Was macht glücklich?
Bei HUMOR HILFT HEILEN und „Gesunde Erde – Gesunde Menschen“ versuche ich aktiv zu werden, denn das hilft enorm gegen das Gefühl von Ohnmacht und macht mich sehr glücklich. Ich habe tolle Mitarbeiter, Kooperationspartner und gemeinsam bewegen wir etwas, bohren kleine Löcher in dicke Bretter. Wir haben viel zu lange Verantwortung für Veränderung individualisiert. Für seine Gesundheit war jeder selber verantwortlich, und gegen den Klimawandel sollte der Verzicht auf Plastiktüten helfen. Bei der Recherche für mein Buch „Glück kommt selten allein“ wurde mir klar: wir sind viel stärker in Resonanz mit anderen, als die Psychologie der 80er Jahre suggeriert hat. Damals sollte man erstens Aggressionen rauslassen und dann tief in sich horchen, ob da noch wer ist. Heute ist klar: negative Gefühle nehmen wir aus evolutionären Gründen viel zu wichtig – positive entstehen oft nicht, indem man versucht sie zu maximieren, sondern eher „nebenbei“, wenn wir mit Gemeinschaft, mit Sinn und Humor in Kontakt mit uns und der Welt sind. Glück steckt an! Und der beste Tipp ist immer noch: Umgib dich mit Menschen, die du magst, und die dich mögen. Und „Vermögen“ bedeutet heute nicht primär Geld anhäufen, sondern ich „vermag“ etwas zu bewegen. Das können auch Ideen sein, Netzwerke oder Videos. Meinen Beitrag in dem Video „Rezo wissenschaftlich geprüft“ von Mailab zum Zusammenhang von Klimakrise und Gesundheit haben bei YouTube zwei Millionen Menschen gesehen. Und dieses Interview lesen wiederum Menschen, die Einfluss auf Millionen haben. (lacht)

Wie können Wirtschaft, Politik und die zivile Gesellschaft aktiv dem Klimawandel entgegentreten?
Durch gemeinwohlorientiertes politisches Handeln mit Blick auf unsere Verantwortung für die Erde, die Kinder- und Enkelgenerationen. Gesunde und glückliche Menschen gibt es nur auf einem gesunden Planeten. Wachstum ist kein Wert an sich. Im Gegenteil weiß ich als Arzt, wenn irgendetwas in unserem Körper permanent wächst, das auf Dauer nicht mit dem Leben vereinbar ist. Der Markt kann nur regeln, was einen Preis hat. Die Dinge, die uns glücklich machen, sind alles keine Dinge! Und wenn es etwas nur einmal gibt, wie die Erde, ist die auch nicht handel- oder verhandelbar. Wir brauchen ehrliche Preise. Wenn jemand den soliden Müll abholt, versteht jeder, dass dafür eine Gebühr gezahlt wird. Wenn unser Abwasser gereinigt wird auch. Warum nicht genauso selbstverständlich für gasförmigen Dreck? Unsere Atmosphäre ist nicht unendlich, wie unser Auge uns suggeriert – sie ist eine hauchdünne Haut, die uns in einem lebensfeindlichen Universum schützt. Wir verhalten uns wie Raucher, die mit der Hand fuchteln, damit sich die wabernden Rauchschwaden im Zimmer „auflösen“. Aber der Dreck ist nicht weg, nur woanders. Die wunderbare Jane Goodall hat mich direkt gefragt: „Wenn der Mensch so intelligent ist, wie er immer behauptet – warum zerstören wir dann unser eigenes Zuhause?“

Können Sie über den Klimawandel noch lachen?
Von Karl Valentin stammt der weise Satz: „Wenn es regnet, freue ich mich. Denn wenn ich mich nicht freue, regnet es auch.“ Humor ist überhaupt nichts oberflächliches, sondern das tiefe Einverständnis in die Widersprüchlichkeit, in die Absurdität und die unauflösbaren Rätsel unserer Existenz. Und das Tragische bei der Zerstörung der Artenvielfalt, der Böden und der Meere ist ja: Wir sind Täter und Opfer zugleich. Wir nehmen uns selber in den Schwitzkasten – das ist tatsächlich absurd. Und unsere Antwort ist noch mehr Fleisch, noch mehr Flüge, noch mehr SUVs. Dafür braucht es neue Regeln. Wer sehr unwegsam wohnt, braucht einen Geländewagen, klar. Aber wer meint, dann auf öffentlichen Straßen zwei Tonnen Stahl und die PS von einem Traktor zu brauchen, sollte genauso schnell fahren dürfen wie ein Traktor. Mit 25 km/h Höchstgeschwindigkeit erledigt sich das Problem dieser übermotorisierten Schüsseln von alleine! 

Was ist neben Energieerzeugung und Mobilität unser größter Hebel?
Unsere Ernährung. Die Idee einer „Planetary Health Diet“ verbindet das, was dem Körper gut tut, mit dem, was dem Planeten gut tut. Und das ist vor allem weniger Fleisch, weniger Zucker und Milchprodukte, mehr Nüsse, Hülsenfrüchte und buntes Gemüse. Das kann man den Menschen nicht „vorschreiben“ aber „verschreiben“. Aus ärztlicher Sicht kann man mit einer pflanzenbasierten Ernährung, die hilft Diabetes und Übergewicht zu vermeiden, Millionen Herzinfarkte und Schlaganfälle, praktisch alle großen Zivilisationskrankheiten verhindern. Es ginge uns und dem Planeten besser. Gerade weniger Fleisch zu essen ist sehr sinnvoll, weil wir die Erde zugrunde richten mit Ackerflächen, die für Futtermittel gerodet werden, und, und, und… Alles bekannt, aber wir erleben das nirgends. Es bleibt so herrlich abstrakt, dass für eine Kalorie aus Fleisch, Tausende Liter Wasser und 20 Kalorien erstmal verfüttert werden müssen. Und die lösen sich nicht in Luft auf, sondern in Klimagase – als Rülpser, Pupse und Fäkalien –, um mal deutlich zu werden. Wie wäre es, wenn man ein Kilo Fleisch im Supermarkt kauft und an der Kasse dazu dann automatisch einen 20 Liter Eimer Gülle mit ausgehändigt bekommt: „So, Herr von Hirschhausen, das gibt es ab heute nur noch im Doppelpack. Das haben Sie gekauft. Brauchen Sie einen Deckel oder geht das so? Viel Spaß beim Grillen!“

Welche Beziehung haben Gesundheit und Klimawandel?
Eine sehr enge, die leider immer noch zu wenig beachtet wird. Die Diskussion um „Umweltschutz“ wurde viel zu lange sehr theoretisch geführt. Es gibt keine „Umwelt“, sondern eine Mitwelt. Oder haben Sie Zuhause Um-Bewohner? Unsere Mutter Erde ist krank, sie hat hohes Fieber, und das steigt weiter. Wir sind als ihre Kinder existentiell darauf angewiesen, dass wir sauberes Wasser , saubere Luft, gesundes Essen und eine erträgliche Außentemperatur haben. Alle diese Dinge, die wir für selbstverständlich hielten, sind es nicht. Der Körper ist ein guter Lehrmeister, um uns zu zeigen, wie schnell wir bei einer steigenden Außentemperatur buchstäblich zusammenbrechen. Hitzewellen und Hitzetote ist aber nur eine der vielen Auswirkungen. Mücken, die Tropenkrankheiten übertragen, können sich wieder ansiedeln. Allergien nehmen zu und die Abgase und insbesondere die kleinen Feinstaubteilchen gehen durch die Lunge direkt ins Blut und tragen zu Herzinfarkt, Schlaganfall und sogar zu Diabetes bei, weil unser Körper sich in einem permanenten Abwehrkampf befindet.

Die Klima-Frage belastet auch unser gesellschaftliches Klima – sie hat das Potential, sich zu einem neuen Generationenkonflikt zu entwickeln. Sie scheinen eine Rolle als Mittler eingenommen zu haben und wurden als Mitglied der sogenannten Boomer-Generation sogar schon von „Fridays for Future“ eingeladen, um auf einer Aktion zu sprechen. Wie können wir die Generationen an einen Tisch und die verschiedenen Bedürfnisse unter einen Hut bringen?
Ich glaube nicht, dass der Konflikt zwischen den Generationen besteht. Nachhaltigkeit ist keine Erfindung oder Bewegung der Neuzeit, sondern viele ältere Menschen leben völlig selbstverständlich und oft auch unbewusst nachhaltig. Mein Vater ist zum Beispiel der Nachhaltigste in unserer Familie. Er ist noch nie in seinem Leben auf die Malediven geflogen, weil es ihn nicht wegzieht und während sich gerade Turnschuhhersteller loben, dass sie jetzt Plastik recyceln, hat er immer noch sein Originalpaar „Adidas Rekord“, das plötzlich wieder voll angesagt ist.

Sie haben aber natürlich Recht: Der Klimawandel stellt unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt vor große Herausforderungen. Er macht einen umfassenden gesellschaftlichen Wandel notwendig – und viele Menschen sehen in diesem Wandel eine Bedrohung, statt die Chancen wahrzunehmen. Viele Maßnahmen, die wir zum Schutz der Erde und des Klimas ergreifen können, sind nicht nur Verzicht, sondern tragen zu einem gesunden, lebenswerten Alltag bei. Eine Verkehrswende und Stadtplanung, die sich an den Bedürfnissen von Menschen und nicht Autos orientiert, eine „grünere“ Landwirtschaft und Ernährung, die gut für die eigene Gesundheit und für den Planeten ist, oder auch eine Energiewende, die Deutschland wieder zum Vorreiter in neuen Technologien macht. Wir brauchen positive Zukunftsbilder, um aus der Klimakrise einen Neuanfang zu machen. 

Sie haben Ihrem Engagement für das Klima den Rahmen einer Stiftung gegeben. Warum?
Ich engagierte mich zuerst mit „Scientist for Future“, dann mit der Klimawandel Allianz und Gesundheit, mit #healthforfuture und dem Klimastreik an der Charité sowie mit Vorträgen, vielen Hintergrundgesprächen und persönlichen Netzwerken. Das Feld ist ungemein dynamisch und beruht zu weiten Teilen auf Selbstausbeutung von einzelnen Engagierten in ihrer Freizeit. Damit dies nicht im Burnout mündet, braucht es viel mehr Profis, stabile Finanzierungen, und Kommunikation. Die Wissenschaft ist sich einig: Das Leben der Menschen auf der Erde ist existentiell gefährdet. Es gibt ein Zeitfenster von wenigen Jahren, in dem entschieden wird, ob wir dauerhaft und unwiderruflich das Erdsystem überhitzen oder eine enkeltaugliche Welt erschaffen. Wissenschaft alleine verändert kein Verhalten und keine politischen Entscheidungen, die jetzt notwendig sind – um die Not zu wenden. Deshalb möchte ich dazu beitragen, dass diese notwendige Transformation von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft neues Futter und neuen Schwung bekommt. Dazu braucht es einen neuen „Spirit“: überparteilich, kooperativ, generationsübergreifend und mit ansteckend guter Laune. Es gilt, Menschen in der Mitte der Gesellschaft zu begeistern und existierende Netzwerke mit hohem Einfluss für das Thema zu gewinnen. Wir schaffen es gemeinsam oder gar nicht. Wir sind überzeugt von den positiven Kräften in Wissenschaft, Demokratie und einer engagierten Zivilgesellschaft. Und auch wenn die Chancen gerade nicht gutstehen, wir geben unser Bestes. Unsere Zeit, zündende Ideen und unsere Zuversicht! Lösungsorientiert, humorvoll, verständlich und beseelt. Wir brauchen ein „Hin zu“, eine positive Vision einer gesünderen, gerechteren und nachhaltigeren Welt. Deshalb bin ich auch Fan der Agenda 2030.  

Was sollten wir 2020 unbedingt erreichen?
Wir brauchen in einer Demokratie einen Grundkonsens. Wir reden über „Verzicht“ und „Verbote“ statt darüber zu reden, wie wir denn zusammenleben wollen. Wir erleben Hass, Fake und Vertrauensverlust in Politik, Wissenschaft und Medien und eine unheilige Allianz von Klimaleugnern und Rechtspopulisten. Wem wird noch geglaubt? Ärzte und Pflegekräfte werden gehört, ebenso Kirchen, öffentliche Multiplikatoren wie Schauspieler, Sportler, Musiker und Stiftungen! Und wenn jeder an seiner Stelle sagt: „Die Klimakrise ist da, sie ist echt und bedrohlich. Sie ist menschengemacht. Die Wissenschaftler sind sich einig. Wir können etwas tun.“ Dann gibt es Hoffnung. 2020 ist ein entscheidendes Jahr. Und wenn wir irgendwann von unseren Kindern und Enkeln gefragt werden: „Ihr habt alles gewusst, ihr wart in einem freien, reichen und kreativen Land – was war euch wichtig? Wart ihr Teil des Problems, oder Teil der Lösung?“ Ich wünsche uns allen, dass wir dann gute Antworten haben.

 

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Foto Credits:

Dominik Butzmann

 


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Kategorien: Allgemein und Bildung
Schlagwörter: Energiewende, Fridays for Future, Klimaschutz, und klimawandel


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