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Beitrag: Energievergessene Gesellschaft: Vier Fragen an Prof. Dr. Baecker

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14. Februar 2020

Energievergessene Gesellschaft: Vier Fragen an Prof. Dr. Baecker

Energie und Gesellschaft, das ist ein weites Feld. Und nicht nur eines, das durch die innogy Stiftung reflektiert wird. Wie stehen Philosophen, Soziologen oder auch Künstler zum Energiebegriff? Welche Fragen, aber auch welche Antworten haben sie zu den aktuellen Fragen der Transformation unsere Gesellschaft? Gemeinsam mit der Universität Witten/Herdecken haben wir im Wintersemester 2019/2020 die Ringvorlesung „Energie und Gesellschaft – Fusion oder Spaltung” initiiert. Das erste Semester liegt hinter uns – im Interview fragten wir Prof. Dr. Baecker, Dekan der Fakultät für Kulturtheorie und Management, nach seiner Perspektive, den Hintergründen der Kooperation und was in Zukunft daraus entstehen soll.

Herr Prof. Dr. Baecker, Ihr Vortrag mit dem Titel „Energievergessene Wissenschaft“ eröffnete die Ringvorlesung. Das klingt erstmal komplex. Welche Idee steckt dahinter?
Prof. Dr. Baecker: Der Titel ist eine Anspielung auf Heideggers These von der Seinsvergessenheit der europäischen Philosophie. Die Philosophie, so Heidegger, fragt nur nach dem Seienden, nicht aber danach, wie und warum dieses dem Menschen überhaupt gegeben sein kann. Dazu müsste das „Da-Sein“ des Menschen selbst in den Blick genommen werden. Eine ähnliche Frage hat mich auch in meinem Vortrag beschäftigt. 

Was heißt es für uns und unsere Gesellschaft, dass wir in einem maximalen Sinne von Energie abhängig sind? Was heißt es für unsere Erde, dass wir die in Jahrmillionen gespeicherte fossile Energie in wenigen Jahrzehnten verpulvern? Was heißt es für unser industrielles Wachstum, dass wir annehmen, dass Energie quasi unbegrenzt gegeben ist? Was heißt es für unser individuelles Leben, dass wir jederzeit die Nacht zum Tag machen und jederzeit mit unseren Computern, Tablets und Smartphones beliebige Informationen abrufen können? Unser Dasein wäre ohne Energie unmöglich. Wir merken noch nicht einmal, wie abhängig wir von ihr sind, weil sie überall, fast überall, so problemlos zur Verfügung steht.

Welches Fazit ziehen Sie nach der Veranstaltungsreihe?
Wenn ich nicht nur an meinen Vortrag, sondern auch an die Vorträge von René Mono und Ortwin Renn sowie an die Vorführung des Films „Keine Arbeitsromantik“ der VISIT-Stipendiatin Céline Berger denke, überzeugt mich ein Plädoyer für kleine Schritte zur Annäherung an ein großes Ziel am meisten. Am Ende steht der Ausstieg aus dem System der Ausbeutung fossiler Energien. Vermutlich ist es nicht damit getan, eine unerschöpfliche Energiequelle wie die Atomkraft an ihre Stelle treten zu lassen. Zum Schutz unserer Erde brauchen wir Recyclingmodelle des gesellschaftlichen Energieverbrauchs.

Dazu gehört zum einen, das Bewusstsein für die Abhängigkeit fast aller unserer Aktivitäten vom Energieverbrauch zu schärfen. Gleichzeitig kommt es darauf an, den Sinn für gemeinschaftliche Projekte zu schärfen, die in Betrieben, Haushalten und Städten den Energieverbrauch senken, ohne auf Innovation und qualitatives Wachstum zu verzichten. Wir müssen Wege finden, den Klimaleugnern entgegenzutreten. Dazu gehört auch aufzudecken, dass Lobby-Organisationen wie Heartland Unsummen an Geldern in Kampagnen investieren, die Zweifel an wissenschaftlichen Ergebnissen wecken. Im Fall der Wissenschaft ist das leicht. Der Zweifel an der Wahrheit gehört hier dazu. Ohne diesen Zweifel gibt es keine Erkenntnisse. 

Man könnte sogar sagen, dass eine wichtige Funktion der Wissenschaft darin besteht, dort Zweifel zu wecken, wo es keinen gibt. Einen anderen Weg zur Aufklärung über unsere Vorurteile gibt es nicht – selbst wenn wir dadurch nur zu neuen Vorurteilen kommen. Aber das kann nicht bedeuten, dass wir jede wissenschaftliche Erkenntnis in den Wind schlagen. Das würde uns handlungsunfähig machen. Die Wissenschaft ist die einzige Institution, die den Zustand unseres Planeten verlässlich untersuchen kann, eben weil sie sich laufend selber korrigiert.

Aber wir sind auch auf die Kunst angewiesen. Denn sie konfrontiert uns mit uns selbst und unserer Neigung, den Kopf in den Sand zu stecken. Céline Bergers Film zu Managementstrategien und „New Ways of Working“ beispielsweise, zeigt eindrücklich, welches Missverhältnis zwischen den Aufgaben besteht, die zu lösen wären, und den Mitteln, die uns zur Verfügung stehen.

Die Veranstaltung wird im Sommersemester 2020 fortgesetzt und geht dann raus aus der Universität und rein in die Stadt. Was erwarten beziehungsweise wünschen Sie sich?
Wir wünschen uns eine größere Resonanz. Bei allem Respekt vor den Seminaren an der Universität haben wir doch den Eindruck, dass die Dinge, die die Studierenden bewegen, abends in den WGs, Workspaces und Gaststätten der Innenstadt noch einmal anders diskutiert werden als im Seminar. In der Universität bleiben die Themen der Studierenden abstrakt, in den abendlichen Veranstaltungen hingegen gewinnen sie Lebensnähe und Dringlichkeit. 

Außerdem wissen wir, dass die Bürger der Stadt ein wachsendes Interesse an den Debatten haben, die an einer Universität geführt werden. Und natürlich müssen wir versuchen, diesen Übergang von Theorie zu Praxis herzustellen, akademische Diskussionen in die Gesellschaft zu tragen und sie auf ihre Relevanz hin zu beurteilen. Die Universität Witten/Herdecke schreibt sich seit jeher Praxisorientierung und Persönlichkeitsbildung auf die Fahnen. Bisher hat sie das vornehmlich für die Arbeit in Krankenhäusern, Unternehmen und kulturellen Einrichtungen genutzt. Die UW/H sucht jedoch zunehmend auch ein zivilgesellschaftliches Engagement.

Vorträge und Präsentationen sind dafür nur ein erster Schritt. Eigentlich geht es darum, transformativ zu forschen – das heißt, mit Praxispartnern an komplexen Problemstellungen und neuen Handlungsmodellen zu arbeiten. In Witten fällt uns auf, dass damit erhebliche Ansprüche an Studierende wie Wissenschaftler gestellt werden. Wir müssen lernen miteinander zu reden und Räume bauen, in denen sowohl Probleme der Wissenschaft als auch der Praxis ausgesprochen werden können. Und wir müssen uns auf Prozesse einlassen, in denen jeder Schritt ein Experiment und das Ergebnis ungewiss ist.

Welche Schritte sollen folgen?
Aktuell konzentrieren wir uns darauf, den Sinn für die Problemstellung und für mögliche Wege aus dem Dilemma der Energieabhängigkeit zu schärfen. Das bedeutet, Anschluss an eine bundesweite Debatte sowie einen Überblick über eine Vielzahl bereits laufender Maßnahmen und Projekte zu gewinnen.

Wo steht die Industrie, wo steht die Politik, wo steht die Wissenschaft? Ob unsere Vortragsreihe dazu führt, dass sich Leute treffen, die miteinander weitere Projekte starten oder sich bereits laufenden Projekten anschließen, wird sich zeigen. Wichtig ist: Unsere Vortragsreihe verfolgt keine moralischen Ziele. Wir sind keine Missionare, so drängend die Problemstellung auch ist und so sehr uns die Zeit davonzulaufen scheint.

Außerdem geht es uns trotz allem um einen kühlen Blick. Dafür gibt es ein berühmtes Vorbild, den Erzähler in Edgar Allen Poes Kurzgeschichte „Hinab in den Maelström“ aus dem Jahr 1841. Sehr zu empfehlen.

Sind Sie neugierig geworden? Die Veranstaltungsreihe „Energie und Gesellschaft: Fusion oder Spaltung” geht am 23. April weiter. Diesmal eröffnet Stephan Muschick gemeinsam mit Martin von Broock den Dialog. Das Thema: Energie und Digitalisierung. Alle Termine ab März auf der Homepage der Universität Witten/Herdecke.

 

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Foto Credits:

Universität Witten/Herdecke, Prof. Dr. Baecker

Jürgen Appelhans

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Kategorien: Bildung und Soziale Innovation
Schlagwörter: Bildung, Energiekultur, und Energiewende


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