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Beitrag: Gastbeitrag von Harald Welzer: Zeit für utopischen Realismus

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29. Januar 2020

Gastbeitrag von Harald Welzer: Zeit für utopischen Realismus

„Ich spreche von einem Zukunftsteam für die Zukunft, noch offen lassend, wie das aussehen kann.“ So teilte CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer unlängst mit, und sprach damit – wohl unabsichtlich – aus, dass ihrer Partei und der von dieser geführten Regierung eines ganz gewiss nebulös ist: die Zukunft. Tatsächlich, und das gilt für die transzendental komplett obdachlose Mit-Regierungspartei SPD genauso, scheint dem Führungspersonal der Bundesrepublik nichts so fremd zu sein wie die Zukunft. Angesichts der Herausforderungen, die im 21. Jahrhundert eben andere sind als im 20., fällt ihnen nie etwas anderes ein als auf die Erfolgsrezepte von früher zurückzugreifen: Wirtschaft ankurbeln, Wachstum schaffen, Arbeitsplätze sichern. 

Wie solches Rezeptwissen freilich in einer Welt funktionieren soll, deren Problem – zumindest in der reichen Gesellschaft – nicht mehr das „zuwenig“, sondern das „zuviel“ ist, ist mehr als unklar. Aber wie der Betrunkene, der im Schein der Laterne seine verlorenen Schlüssel sucht, weil es nur da hell ist, kreisen sie alle, die Altmeiers wie die Scholzens, die AKKs wie die Eskens, um das Licht, das aus der Vergangenheit herüber scheint. Aber nicht nur sie: auch die sogenannten Entscheider aus der Wirtschaft hängen vielfach im fossilen Zeitalter fest – denn das war das Zeitalter, in dem ihre Unternehmen groß und erfolgreich gewesen sind. Man nehme pars pro toto nur die unfassbar peinliche Aktion von Siemens-Mann Joe Kaeser, der seine Company nicht nur wegen eines geradezu lächerlichen Auftragsvolumens von 19 Millionen Euro in einen australischen Problemzusammenhang von Kohlebergbau und Zerstörung des Great Barrier Reef bringt und einen gigantischen Imageschaden anrichtet. Nein, der auch noch habituell so sehr im Gestern lebt, dass er der Klimaaktivistin Luisa Neubauer allen Ernstes einen Aufsichtsratsposten anbietet – als wäre er eine Figur aus einem Helmut-Dietl-Film („Ich scheiß Dich zu mit meinem Geld“). 

Wir stellen uns die falschen Fragen

Joachim Müller-Jung hat kürzlich in der FAZ völlig zu recht beklagt, dass alle Notwendigkeiten, die der Klimawandel als Epochenereignis mit sich bringt, in den Chefetagen der Wirtschaft überhaupt noch nicht angekommen sind, und das ist allerdings ernster zu nehmen als die Kinderfrage, warum die Leute denn immer nichts machen, obwohl sie doch so viel wissen. Diese Frage individualisiert nämlich das fundamentale wirtschaftspolitische Handlungsproblem, anstatt endlich die Korporationen und Institutionen an ihre Pflichten dem Gemeinwohl und dem Generationenvertrag gegenüber zu erinnern.

Aber, leider, AKK und Kaeser stehen nur pars pro toto, nämlich als Mitglieder einer Form von Gesellschaft, für die Zukunft essentiell war, der sie aber abhanden gekommen ist. Moderne Gesellschaften des westlichen Nachkriegstyps – also liberale, rechtsstaatlich verfasste Demokratien – sind für ihren Zusammenhalt und für ihre Entwicklung auf eine Vorstellung von Zukunft angewiesen, die man gemeinsam zu erreichen strebt. Das ist der emotionale Kern des Apollo-Projekts genauso wie der sozialen Marktwirtschaft der 1960er Jahre, natürlich auch der des „mehr Demokratie wagen“ der Ära Brandt oder der ökosozialen Modernisierung der rot-grünen Ära. Ohne Zukunftsvorstellung verlieren solche Gesellschaften, wie wir live sehen, ihre integrative Kraft und verzetteln sich in einer Diktatur der Gegenwart, in der immer nur kurzfristige Perspektiven von Bedeutung sind – der Quartalsbericht oder die nächste Wahl. Aber kurzfristiges Denken ist untauglich für die Bewältigung langfristiger Problemstellungen, und Zukunftsvergessenheit ist tödlich für moderne Gesellschaften.

Wenn die Welt untergeht, will man ja wenigsten noch was von ihr gehabt haben

Um es nicht beim vielleicht allzu billigen Politiker- und Managerbashing zu belassen, kann ich die Optik erweitern auf meine eigene Wissenschaft – schauen Sie mal, ob Sie aus der Soziologie, der Politikwissenschaft, der Sozialpsychologie oder anderen Kulturwissenschaften eine Theorie der Moderne im 21. Jahrhundert finden. Oder nennen Sie mir den utopischen Roman, den utopischen Film, das positive Zukunftsbild einer gelingenden Gesellschaft im 21. Jahrhundert, die Demokratie, Recht und Freiheit bewahrt und mit den Öko- und Klimaproblemen fertig wird. Gibt’s nicht. Was es stattdessen ohne Ende gibt, sind Dystopien und Fantasy, und aus der Wissenschaft parallel dazu jede Menge Apokalypse. Kein Wunder, dass die Leute SUVs kaufen und Kreuzfahrten buchen wie besessen – wenn die Welt untergeht, will man ja wenigsten noch was von ihr gehabt haben…

Die gesellschaftspolitische Aufgabe lautet daher: mutet Euch Verantwortung für die Zukunft zu! Entwickelt positive Zukunftsbilder! Hört auf, die Gegenwart gegenüber der Zukunft zu privilegieren, das ist noch nie gut gegangen! Tatsächlich ist es, wie Volker Mosbrugger, der Direktor der Senckenberg-Gesellschaft, gesagt hat, den Menschen noch nie so gut gegangen wie heute und der Natur noch nie so schlecht. Das ist das stärkste Argument, den Krieg der Gegenwart gegen die Zukunft zu beenden und sich dem dringenden Erhalt des Zukünftigen zu widmen. Zeit für utopischen Realismus.


Unser Gastautor Harald Welzer:

Harald Welzer, geboren 1958, ist Direktor von Futurzwei – Stiftung Zukunftsfähigkeit und Professor für Transformationsdesign an der Universität Flensburg. Daneben lehrt er an der Universität St. Gallen. Er hat unter anderem Bücher wie ›Selbst denken‹ (2013), ›Autonomie. Eine Verteidigung‹ (zus. mit Michael Pauen, 2015), ›Die smarte Diktatur. Ein Angriff auf unsere Freiheit‹ (2016) und zuletzt ›Wir sind die Mehrheit. Für eine offene Gesellschaft‹ (2017). Seine Bücher sind in 21 Ländern erschienen.

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Kategorien: Gastbeitrag
Schlagwörter: Gastbeitrag und Harald Welzer


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Eine Reaktion

  • Der Gastbeitrag ist ein gestelztes Gesülze von pseudeo- wissenschaftlichem Anstrich (gleich zweimal“pars pro toto“), der keine einzige Antwort gibt. Er reiht sich ein in alle derzeitigen Propheten, wie schlecht doch mit bewährten Mitteln der Vergangenheit und Gegenwart die Zukunft zu gestalten ist. Dabei ist die Antwort einfach, aber schmerzhaft: Nur unter totalitären Bedingungen ist es möglich, dass Verhalten der Menschen zu verändern. Und niemand stellt die Frage, ob nicht die Anpassung in das vermeidlich Unaufhaltsame, nämlich den Klimawandel, viel besser ist, als der überhöhte Glaube, der Mensch könne die Erderwärmung verhindern. DAS ist die Lebenslüge der heutigen Zeit!!