Blog

Beitrag: „Kein Staat strebt Klimaschutz an, wenn der Preis dafür der eigene Wohlstand ist“

Sie sind hier: Startseite » „Kein Staat strebt Klimaschutz an, wenn der Preis dafür der eigene Wohlstand ist“

27. Januar 2020

„Kein Staat strebt Klimaschutz an, wenn der Preis dafür der eigene Wohlstand ist“

Trotz sinkender CO2-Emissionen verfehlt Deutschland seine Klimaziele für 2020 deutlich. Für die neuen Ziele bis 2050 soll das nicht passieren. Doch wie bekommt Deutschland die Kurve? Holger Lösch, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Industrie e.V. (BDI), ist trotz schwieriger Aussichten optimistisch. Im Interview erklärt er, warum Klimaschutz jedoch nicht ohne Wettbewerbsfähigkeit funktioniert, was er von der Fridays-for-Future-Bewegung hält – und was er sich für 2020 vorgenommen hat.

Herr Lösch, die Klimaziele für 2020 haben wir verfehlt. Was erhoffen Sie sich nun vom neuen Jahr?
Ich wünsche mir, dass sich die Welt endlich wieder auf die Stärke gemeinschaftlichen Handels besinnt. Das gilt sowohl für Handels- und Forschungsthemen als auch in besonderer Weise für alle Energie- und Klimathemen. Wir müssen unsere Kräfte bündeln, um diese Herausforderungen zu meistern.

 Woran hakt es Ihrer Meinung nach?
Bedauerlicherweise ist die Welt momentan in hohem Maße auf einem gegensätzlichen Kurs: weg von multilateraler Kooperation, dafür hin zu nationalem Egoismus, Protektionismus und Abschottung. Den entsprechenden Ländern müssen wir zeigen, dass es Alternativen gibt, die sich für sie lohnen.

„Geplante CO2-Bepreisung verzerrt den Wettbewerb“


Was wären solche Alternativen?
Beim Thema Energiewende wäre das zum Beispiel Wasserstoff. Das ist für mich dieses Jahr ein großes Thema. Mit der Stromumstellung alleine ist es nicht getan. Wir benötigen enorme Mengen von CO2-neutralen gasförmigen und flüssigen Brennstoffen, um sowohl unser Leben als auch unsere Wirtschaft zukunftssicher zu entwickeln. Allerdings sind wir dabei wirtschaftlich noch nicht dort, wo wir sein sollten. Deshalb müssen wir intensiver erforschen, wie wir Wasserstoff und seine Derivate als Energieträger nutzen können, beispielsweise für Mobilität und in der Industrie. Das wäre eine saubere Alternative, die in Kombination mit erneuerbaren Energien ein echter Gamechanger sein könnte. 

Sie haben im Dezember 2019 die von der Bundesregierung neu verhandelte CO2-Bepreisung kritisiert. Wieso?
Grundsätzlich haben wir die Bundesregierung ja dazu ermuntert, sich mit der Bepreisung auseinanderzusetzen. Das Ergebnis ist jedoch ein politischer Kompromiss, der an vielen Stellen unvollständig und nicht zu Ende gedacht ist. Die Regierung schafft beispielsweise eine Situation, in der Zehntausende von kleinen und mittelständischen Unternehmen mit enorm hohen Zusatzbelastungen konfrontiert würden. Im Vergleich zu ausländischen und sogar nationalen Konkurrenten entstünden immense Wettbewerbsnachteile für diese Unternehmen.

Welche Lösung schlagen Sie vor?
Eine, die es in vielen anderen Bereichen bereits gibt: Wettbewerbsverzerrungen gegenüber Konkurrenten, in diesem Fall gegenüber dem europäischen Ausland, durch Entlastungen auszugleichen. Wir müssen unsere Unternehmen schützen, die im Wettbewerb mit weniger ambitionierten Unternehmen stehen. Europas Green Deal wird ein Lackmustest werden, inwieweit die Staatengemeinschaft bereit ist, einen ambitionierteren Weg zu gehen. In der aktuellen geopolitischen Situation muss ein erheblicher Rest Skepsis erlaubt sein, ob Deutschland und Europa als Vorreiter den Rest der G20-Staaten nachhaltig von diesem Kurs überzeugen können.

Drei Strategien, um Energiewende zu schaffen


Wie erreichen wir dann unsere Klimaziele?
Vor zwei Jahren haben wir dazu eine große Studie gemacht, die weiterhin Grundlage vieler Diskussionen ist. Am Ende dreht sich alles um Investitionen. Für viele Bereiche gibt es heute bereits Alternativen oder zumindest Pläne dafür. Das Problem: 80 Prozent dieser Alternativen rechnen sich wirtschaftlich noch nicht. Nehmen wir das Elektroauto. Es ist vergleichsweise teuer, die Infrastruktur und Reichweite sind mangelhaft. Da sagen die Leute: „Ich bekomme für zu viel Geld zu wenig Mobilität“ und entscheiden sich dagegen. Diese Problematik lässt sich auf viele weitere Bereiche übertragen, zum Beispiel auf Wasserstoff. Der ist zu teuer, nicht wirtschaftlich – bisher zumindest. Wir erreichen die Klimaziele daher nur, wenn Politik und Wirtschaft entsprechende Bedingungen herstellen, damit ein Wechsel für Konsumenten und Unternehmen attraktiv wird. Das gilt übrigens auch für Länder. Die Investitionsfrage ist für mich der Dreh- und Angelpunkt dieser Diskussion.

Holger Lösch
Holger Lösch ist stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Bundesverband der Deutschen Industrie e.V. (BDI) © BDI


Wie kann der Staat die Attraktivität erhöhen?
Es gibt drei Möglichkeiten. Erstens: Förderung. Die Lücke zwischen Rentabilität und Kosten könnte durch staatliche Investitionen geschlossen werden. Angesichts der notwendigen Billionen-Investitionen bis 2050 sind hier allerdings Grenzen der Staatsfinanzen absehbar. Die zweite Möglichkeit: Ordnungsrecht. Bei Anordnungen und Ordnungsrecht stellt sich besonders in einem demokratischen Rechtsstaat sehr schnell die Frage der Akzeptanz. Die dritte Möglichkeit: Bepreisung von CO2. Was wir brauchen ist eine kluge Kombination dieser drei Strategien. Wir brauchen Förderung, Bepreisung und vermutlich auch eine gewisse Regulierung und Deregulierung, um die Alternativen schmackhaft zu machen. Das heutige Miet- und Wohnrecht gibt beispielsweise keinen Anreiz, Häuser klimagerecht zu sanieren. Für die öffentliche Hand und den Privatmann wird sich in erster Linie die Frage der Finanzierbarkeit stellen. Bei Unternehmen kommt hinzu, inwieweit sie sich das in ihrer Wettbewerbssituation tatsächlich leisten können. 

Wovon hängt das ab?
Schauen wir uns die Stahlproduktion an. Ich kann Stahl umweltfreundlich herstellen oder „schmutzig“, also mit hohem Ressourcenverbrauch. Die klimafreundliche Produktion ist wesentlich kostenintensiver, dadurch steigt der Preis, den ich für meinen Stahl verlangen müsste. Stellt mein Konkurrent sein Produkt weiterhin schmutzig her, kann er ihn günstiger anbieten. Am Ende entscheidet sich der Kunde bei einem weltweit gehandelten Produkt wie Stahl natürlich für das Produkt mit dem niedrigeren Preis. So habe ich zwar umweltfreundlich produziert, bin aber nicht mehr wettbewerbsfähig. Daraus folgt die Frage: Wie kann unsere Wirtschaft klimafreundlich und gleichzeitig global wettbewerbsfähig sein? Kein Staat wird Klimaschutzpolitik umsetzen, wenn der Preis dafür der eigene Wohlstand ist.

„Die bestehende Industrie muss CO2-neutraler werden“


Wie realistisch ist es dann, dass Klimaschutz auf internationaler Ebene betrieben wird?
Es gibt Hoffnung. Deutschland hat enorm viel Geld ausgegeben, um erneuerbare Energien zu einer attraktiven Alternative zu machen. Mit dieser Entwicklung gibt es plötzlich Alternativen für Nationen, in denen Photovoltaik- oder Windkraftanlagen viel bessere Voraussetzungen haben als bei uns. In Ländern wie Saudi-Arabien, Oman, Australien, Afrika oder auch Südeuropa entstehen so echte Alternativen zur fossilen Energieerzeugung. Das ist ein Anfang, da bewegt sich etwas. In vielen anderen Schwellen- und Industrieländern sehen wir aber auch, dass zwar zunehmend Klimaschutz betrieben wird, dies aber immer sehr eng an den politischen und wirtschaftlichen Interessen der Länder angelehnt ist. Trotzdem geschehen Dinge, die gut und wichtig sind. Es entwickelt sich vielleicht nicht so schnell, wie sich das manch einer wünscht, aber ich bin optimistisch – die Wirtschaft jedenfalls setzt sich intensiv mit dem Thema auseinander.

Reicht das?
Der Industrie sind die Klimaziele wichtig, allerdings will sie dort „lebend“ ankommen. Dabei spielt die Politik eine entscheidende Rolle. Sie muss mit klugen Strategien die klimafreundlichen Alternativen für Bürger, Unternehmen und Länder attraktiv machen.

Welchen Anteil haben erneuerbare Energien in der deutschen Industrie?
Der Gedanke, man könne die heute bestehende Industrie mit ihren Millionen von Arbeitsplätzen und Milliarden von Wertschöpfung durch eine komplett andere, „grüne“ Industrielandschaft ersetzen, ist naiv. Stattdessen müssen wir dafür sorgen, dass unsere bestehende Industrie CO2-neutraler wird und wir Chancen für zusätzliche Wertschöpfung in Bereichen wie Erneuerbare Energien, Speicherung, Kreislauf- und Wasserstoffwirtschaft erschließen. Nur mit Windrädern und Solarpanelen werden wir dieses Niveau von Wohlstand und Beschäftigung nicht erhalten können.

Das Ziel: praktikable Lösungen finden statt dauernd streiten und kritisieren


Sorge um den Klimawandel, Energiewende, Nachhaltigkeit – das sind Begriffe, die vor allem mit der Fridays-for-Future-Bewegung in Zusammenhang gebracht werden. Was halten Sie persönlich davon?
Ich finde, jede Generation sollte sich Gedanken über ihre Zukunft machen und sich fragen: „Wie wollen wir weitermachen?“ Fridays for Future spielt da heutzutage natürlich eine wichtige Rolle. Aber wir haben uns dem Thema schon angenommen und Studien dazu gemacht, da hat sich sonst kaum einer mit dem Thema beschäftigt. Da die Bewegung vor allem von jungen Menschen angeführt wird, ist es medial natürlich sehr attraktiv und öffentlichkeitswirksam. Ich habe mich mit vielen Fridays-for-Future-Aktivisten unterhalten. Da sind viele dabei, die verständig sind und sehen, dass wir nicht von heute auf morgen alles verändern können, aber zu Recht kritisch fragen: „Wie schaffen wir einen zukunftsfähigen Wohlstand?“ Natürlich gibt es auch sehr extreme und radikale Teilnehmer, die von Degrowth und Suffizienz träumen, aber das wird gesellschaftlich nie konsensfähig werden. Solange man im Dialog ist und gemeinsam über Probleme und Lösungen diskutiert, finde ich das sehr angenehm.

Was haben Sie sich für das Jahr 2020 vorgenommen?
Auf der Seite der Chancen und der Technologien zu bleiben. Die internationale Klimapolitik ist in einer schwierigen Lage. Wir haben in vielen Ländern Konflikte, die USA steigen aus dem Klimaabkommen aus, die Klimakonferenz in Madrid war ein Reinfall – in Gesprächen mit Gesellschaft, Politik und Wirtschaft fragen mich die Leute immer wieder: „Wie sollen wir das schaffen?“ Aber auch in schwierigen Diskussionen versuche ich, den Blick auf die Zukunftsperspektiven zu lenken. Dieses Jahr will ich versuchen, mich mehr mit den Lösungen zu beschäftigen als mit diesem „Wir tun zu wenig und es läuft nicht“-Mantra. Mein Ziel ist, über Lösungen zu reden anstatt über Streitereien und Grundsatzfragen. Die Frage des Ob ist längst von allen gesellschaftlichen Gruppen beantwortet. Die Frage des Wie ist viel spannender. Oder im Jugendjargon gesprochen: „Können ist wie wollen, nur krasser.“


Abonnieren Sie unseren Newsletter

Alle zwei Monate erhalten Sie spannende Interviews und Gastbeiträge zu einem von uns ausgewählten Thema. Außerdem lässt unser Geschäftsführer Stephan Muschick Sie an seinen persönlichen Leseempfehlungen zum Thema Energiewende und Klima teilhaben. Jetzt anmelden!

Titelbild © Markus Spiske auf Unsplash

weiterempfehlen

Kategorien: Soziale Innovation
Schlagwörter: Akademie für Energie und Akzeptanz und Interview


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Hiermit akzeptiere ich die Datenschutzbedingungen


Verfassen Sie den ersten Kommentar