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18. Dezember 2019

Kunst trifft Technik – oder: wie Künstler Energie sichtbar machen

Oberflächlich betrachtet wirken Kunst und Technik wie sehr verschiedene Universen. Dass es aber auch einige Gemeinsamkeiten gibt und welche Synergien daraus entstehen können, zeigt die Künstlerin Judith Fegerl sehr eindrucksvoll. Denn sie arbeitet an der Schnittstelle der beiden Disziplinen. Vom 27.03.2020 bis 28.06.2020 ist ihre von uns geförderte Ausstellung, engage im Museum der bildenden Künste Leipzig zu sehen. Im Interview erklärt Fegerl, wo Kunst und Technik sich gegenseitig befruchten und wie die Zukunft der Energiewende aussehen könnte.

Frau Fegerl, in Ihren künstlerischen Arbeiten steht die Verbindung von Kunst und Technik im Fokus. Was ist Ihnen hier besonders wichtig?

Judith Fegerl: Die Verbindung von Kunst und Technik hat eine lange Tradition. Die beiden Disziplinen waren früher eine untrennbare Einheit – ein bekanntes Beispiel ist Leonardo da Vinci, der sowohl Künstler als auch Techniker und Ingenieur war. Diese Verflechtung gab es bereits in der Antike. Erst durch vertiefte Spezialisierungen entstanden getrennte Sparten. 

Aber seit einiger Zeit wachsen diese beiden Bereiche wieder mehr zusammen, denn Kunst und Technik kann man nicht separiert denken und sehen. Am Beispiel der Artist-in-Residence-Programme von Industrie-und Technologieinstitutionen merkt man, dass diese sich vermehrt für Kunstschaffende interessieren. Offensichtlich gibt es ein Potenzial, das noch mehr ausgeschöpft werden könnte. Die Strategien, die Methodik und die Umsetzung von Ideen beider Disziplinen ähneln sich. Ich glaube auch, dass die Motivation und die Beweggründe sehr nah beieinander liegen, etwa der Forscherdrang und der Wille etwas Neues zu schaffen, um es der Gesellschaft zur Verfügung zu stellen.

Sie sind gerade Artist-in-Residence am Austrian Institute of Technology, das sich viel mit technischen Innovationen beschäftigt. Welchen Themen an der Schnittstelle von Kunst und Technik widmen Sie sich gerade?
Das Artist-in-Residence-Programm ist ganz neu. Ich bin die erste Künstlerin, die dort arbeitet. Ich wurde eingeladen, um über den Themenkomplex Energie zu forschen. Das Austrian Institute of Technology interessiert sich für meine Vorgehensweise und meine Arbeiten zum Thema Energie. Und ich wiederum versuche, mit meiner künstlerischen Arbeit an die diversen Institute anzudocken: von der Photovoltaik über das Batterie- bis hin zum Hochspannungslabor. In diesen Bereichen habe ich immer wieder Experimente und Werke gemacht. Durch das Forschen am Institut bekomme ich Input an Material und Verfahren, zu dem ich in der Vergangenheit eher schwer Zugang hatte. Zudem kann ich mich intensiv mit den Forscherinnen und Forschern austauschen, die fachspezifisches Know-how haben. 

Wie setzen Sie diesen Input konkret in Ihrer künstlerischen Arbeit um?
Meine Installation reservoir aus dem Jahr 2010 funktioniert zum Beispiel wie eine herkömmliche Batterie. Sie besteht aus jeweils zwölf Kupfer-und Aluminiumplatten, mit unterschiedlichen Potenzialen, die in Glasbecken in einer Kochsalzlösung stehen. Dadurch erzeugt sie Strom und speichert ihn. Das Elektrodenpotential beschreibt die elektrische Spannung. Im Austrian Institute of Technology gibt es ein eigenes Batterielabor, das Ähnliches macht, nur in einem anderen Maßstab. 

Bei bestimmten Lithium-Ionen-Akkumulatoren, sogenannten Pouch-Zellen, wie wir sie etwa bei Smartphones kennen, interessieren mich die Materialien. Denn die Folien, aber auch das Grafit, ähneln denen aus meiner Installation. Im technischen und künstlerischen Bereich unterscheidet sich lediglich die Arbeitsweise: Am Institut arbeiten sie eher leistungsorientiert, ich fokussiere mich stark auf die künstlerische Konnotation. Batterien sind Alltagsgegenstände, und ich möchte sichtbar und spürbar machen, was nicht greifbar ist. Denn Energie ist überall.

 

Stichwort Energie: Wie können Kunstinstitutionen die Energiewende vorantreiben?
Museen und Sammlungen sollten umdenken, denn die etablierte Form der Kunstpräsentation verbraucht sehr viel Energie. Außerdem sind diese Institutionen oft in öffentlicher Hand, weshalb sie eine gewisse Verantwortung als Vorbild tragen. In diesem Sinne sollten sie ein Statement in puncto Nachhaltigkeit setzen und auch technisch den neuesten, ökologischen Standards entsprechen.

Zum anderen agiert die Kunstwelt global. Allein durch die Messen, Ausstellungen und Residencies reisen viele Menschen im Kulturbetrieb um die Welt, wodurch sie einen enormen Carbon Footprint haben. Dieser Tatsache sind sich viele Kunstschaffende immer mehr bewußt und es findet ein Umdenken statt. In der Agrarpolitik ist das Thema Nahversorgung immer präsenter. In der Kunstwelt würde ich eine ähnliche Entwicklung begrüßen. Die Kunstwelt, so wie wir sie kennen, ist dezentral entstanden. Früher gab es zwar ein paar Hotspots und die Künstler waren vernetzt, aber nicht in dem Ausmaß wie heutzutage. Und das hatte auch Vorteile, weil dadurch Kunstschaffende, aus der Region oder aus dem eigenen Umkreis, eine ganz andere Bedeutung erlangen konnten. 

Welche Akteure könnte die Energiekultur für die Energiewende ins Boot holen?
Die Energiewende betrifft uns alle. Je mehr Menschen mitmachen, umso mehr tut sich in diesem Bereich. Letztendlich ist es etwas, das im Kleinen wächst und sich ausbreitet. Um langfristig eine neutrale Energiebilanz im Haushalt zu erreichen, braucht es jedoch Anreize und ein ökologisches Bewusstsein.

In Österreich gibt es beispielsweise Gemeinden, die ihren Energiehaushalt umgestellt haben, sodass sie fast eine neutrale Energiebilanz haben. Das müsste man noch vielmehr als Aushängeschild verwenden. Davon habe ich aber erst im Rahmen meiner künstlerischen Tätigkeit erfahren, weil diese Gemeinden mich eingeladen haben.

In Ihren Arbeiten beschäftigen Sie sich mit dem Verhältnis von Mensch und Maschine. Welche Veränderungen sehen Sie in dieser Beziehung hinsichtlich der Energiewende?
Wenn wir merken, dass wir mit diesen Technologien nicht unsere Umwelt zerstören, sondern diese schonen, dann verändert sich auch unser Bewusstsein für diese Maschinen. Zugegebenermaßen sind die Batterien in Elektroautos und deren Zusatzstoffe auch problematisch. Dennoch können Forschung und neue technische Entwicklungen dazu beitragen, dass mehr Menschen merken, wie wichtig die Energiewende ist.

Was würden Sie – analog dazu – in fünf Jahren gerne über den Energiewende-Diskurs berichten können?
Ich wünsche mir, dass in den nächsten fünf Jahren der Straßenverkehr abnimmt, damit die Bürger und Bürgerinnen die Veränderungen auch signifikant spüren. Dafür sollten Städte die Infrastruktur verändern und die Akkuladezeit der Elektroautos muss dramatisch runtergehen, aber das ist möglich. Denn wenn das Ausmaß eine kritische Masse erlangt, merkt die Bevölkerung sehr wohl den Zuwachs an Lebensqualität, zum Beispiel durch weniger Lärm und bessere Luft. Da müssen sich Politiker mehr trauen: Bei der Einführung von sogenannten Begegnungszonen, in denen Fußgänger Vortritt vor Fahrzeugen haben und diese nur im Schritttempo fahren dürfen, gab es anfangs massiven Widerstand in der Bevölkerung. Sobald diese Zonen dann funktioniert haben, war der Bann gebrochen. 

 

Neugierig geworden? Die Ausstellung engage ist vom 27.03.2020 bis 28.06.2020 im Museum der bildenden Künste Leipzig zu sehen.

 

Foto Credits:

Header:

Judith Fegerl, reservoir, 2010/2019, @AIT, Courtesy Galerie Hubert Winter

Portrait der Künstlerin:

Foto: Florian Langhammer, collectorsagenda.com

 

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Kategorien: Allgemein und Kultur
Schlagwörter: Energie, Energiekultur, und Kunst


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