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16. Dezember 2019

VISIT2019 – Kunst-Musical trifft SUV

Das Duo Stefan Panhans/Andrea Winkler gehört zu den ausgewählten Künstlern und Künstlerinnen für das VISIT Programm der innogy Stiftung für Energie und Gesellschaft. In ihrem Konzept machen sie einen Vorschlag für ein Kunst-Musical im, und um einen, SUV – der trotzdem nicht im Vordergrund stehen soll.

Worüber gesungen werden soll, über ihren Ansatz, und darüber, was es hier mit der Energie auf sich hat, dazu sprechen die beiden Stipendiaten im Folgenden:

Stefan Panhans: Wenn wir mit Menschen über unser Konzept sprechen, steht der SUV schnell im Mittelpunkt. Das ist interessant, und sicher dadurch bedingt, dass er auch so zentral im gesellschaftlichen Diskurs steht. Er spielt aber nicht die alleinige Hauptrolle – die Menschen haben auch noch ein Wörtchen mitzusingen.

Andrea Winkler: Genau. Es ist zunächst mal eine Beobachtung, dass der SUV sich steigender Popularität erfreut, ausgerechnet in Zeiten, wo die Klimakrise einen so prominenten Platz im öffentlichen Diskurs einnimmt. Klimaziele ja, und trotzdem überall diese riesigen Autos, die unverhältnismäßig viele Ressourcen fressen. Das erscheint unlogisch, geht aber weit hinaus über das Phänomen SUV. Wir haben uns vor Allem dafür interessiert, was diesem Bedürfnis zu Grunde liegt – oder welche Befürchtungen dem voraus gehen.

Panhans: Die Verhältnisse, in denen wir leben, schüren Ängste. Nicht nur Ängste vor Katastrophen, auch Angst vor sozialem Abstieg etwa, dem Scheitern, und das ist nur die Spitze des Eisberges. Manche Ängste sind berechtigt, aber manche sind künstlich hergestellt. Das führt dazu, dass solche Phänomene, wie etwa so ein SUV, so wahnsinnig viele Wünsche, die aus diesen Ängsten resultieren, abbilden. Und scheinbar erfüllen können.

Es geht dabei auch um das Versprechen von sexy Abenteuern, aber besonders eben um Sicherheit, man kommt damit durch alles durch, so die Idee. Umweltkatastrophen passieren, aber der Wagen gibt das Gefühl, man könne seine Familie da rein setzen, durch dick und dünn, und Wind und Wetter fahren, hoch über der Straße. Sicherheit und Abenteuer zugleich. Und wenn nichts passiert, dann bin ich mit der Karre eben auch in der Stadt sicher. Überall ein scheinbar souveräner Kapitän, der hoch über den anderen überall durchkommt, auch ganz alleine, und den nichts aufhalten kann.

Winkler: Jetzt ist es so, dass viele von diesen Autos auf dem Gelände gar nicht mehr fahren können. Die sehen zwar so aus, als wären sie Geländetauglich, Vierradantrieb usw., aber de facto sind sie das gar nicht. Es sind nur noch Hüllen, die so etwas versprechen. Nicht zuletzt darum verhüllen wir den SUV in unserer Arbeit und schaffen einen „Erlkönig“, so werden die Prototypen genannt, die auf offener Straße getestet werden. Die sind so verkleidet, dass man das Modell und das Design nicht erkennen kann. So vermeiden wir zum Einen Markenbashing, aber darüber hinaus hat er natürlich auch etwas geheimnisvolles. Er steht für die Idee von etwas, er macht das konkrete Objekt, den SUV, zu einem Modell, das auf etwas anderes als auf sich selbst verweist.

Panhans: Wo wir wieder bei den Menschen und ihren Bedürfnissen sind. Das Auto, das die Ressourcen so unverhältnismäßig ausschlachtet, steht an dieser Stelle nämlich für die Menschen, die selbst Ressource sind und nicht minder gnadenlos ausgeschlachtet werden. Auf den SUV werden genau solche Anforderungen projiziert, die wir von uns selbst erwarten: Wir müssen flexibel sein, stark sein, durch alles durch kommen, auf allen Ebenen funktionieren. Diese Liste geht immer weiter, und das überfordert, laugt aus, sodass diese Bedürfnisse, eben so zu sein, schließlich externalisiert, also auf den SUV projiziert, werden. Im SUV verdeutlicht sich beispielhaft, wie in unserer Gesellschaft das Ideal des souveränen Individualisten pervertiert bedient werden kann. Guckt man ein wenig Autowerbung, ist man schon fast erschlagen vom Zelebrieren des »lonely cowboys«, und wie ohne Scheu dafür tief in die Pathoskiste gegriffen wird.

Winkler: Und an dieser Stelle möchten wir mit unserem Kunst-Musical die Narrative verschränken. Im Endeffekt geht es hier um Energielevels – die der Menschen, die des Apparates und die des Planeten, und das Spannungsfeld dazwischen.

Panhans: Energie wird definiert als die Fähigkeit, Arbeit zu verrichten, ob Mensch oder Apparat. Das war unser Ausgangspunkt. Da taucht das Auto natürlich auf, als Vehikel, als effizienzsteigerndes Tool. Aber es geht vor allem um unsere Arbeit, unsere Energie. Das ist eine wichtige Koppelung. Menschen haben eine begrenzte Energie, die immer weiter, bis in die letzten Schichten unserer Psyche und Gefühle hinein, zu Kapital gemacht wird. Und zwar nicht für uns, sondern zur Vermehrung anderer Leute Kapital. Das ist daran gebunden, dass diese Energie extrem ausgebeutet wird. Diese Ausbeutungen schüren wiederum besagte Ängste und Wünsche , die die Vorstellung von so einem SUV wahnsinnig attraktiv machen, dass der so einen hohen Absatz hat, und so schließt sich der Kreis.

Winkler: Das ist ein hochkomplexes Thema. Wir sind keine Kommunikationsexperten, aber wir sind Künstler, was im weiteren Sinne ebenso eine vermittelnde Position ist. Wir haben die Form des Kunst-Musicals gewählt, weil es zunächst so fern von der Thematik erscheint. Aber das ist auch gleichzeitig ein großes Potenzial der Form: Sie bietet die Chance, die komplizierten und belasteten Zusammenhänge noch mal anders, zugänglicher, darstellen zu können. Aus einer fein konstruierten Dramaturgie aus Rhythmus, Körper, Text, Stimme, Bewegung, entsteht eine natürliche Nähe, ein natürlicher Zugang. 

Und allzu fern liegen sich Automobilindustrie und Kunst-Musical dann auch formell nicht voneinander: von beiden würde man vermuten, dass sie längst zum Abdanken verurteilt sind, tatsächlich boomen sie nach wie vor. Legt man die Folie Kunst-Musical auf die Folie SUV hingegen, so stellen wir fest: beides sind auch warenförmige Angebote für das Bedürfnis nach einer sicheren, soliden Welt, Formen des Eskapismus. Ein Sicherheitsgurt, damit man ein besserer Konsument wird – vom Consumer zum Prosumer.

Panhans: Was natürlich nicht heißt, dass wir genau das dann auch bedienen wollen – es gibt ja sehr verschiedene Formen das Genre des Kunst-Musicals zu interpretieren – wir sehen das als einen formalen Bezugsrahmen, dem wir dann unsere ganz eigene Form davon hinzufügen werden. Vielleicht bauen wir auch eine Art Requiem, einen Nachruf. Ein überhöhtes Lied für ein überhöhtes Bedürfnis, die Verkündung des Niederganges des Automobilzeitalters, wie es gewesen ist

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Foto Credits:

Panhans/Winkler

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Kategorien: Kultur
Schlagwörter: Energiekultur, Kultur und Kunst


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