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28. November 2019

Digitale Energiewende: Ohne Vertrauen und Gesetze geht es nicht

Der technologische Fortschritt ist nicht aufzuhalten. Mit ihm stellen sich jedoch nicht nur rechtliche und technische Fragen, sondern allen voran auch ethische. Martin von Broock ist Vorstandsvorsitzender des Wittenberg-Zentrums für Globale Ethik in der Lutherstadt Wittenberg. Seit 2008 kümmert er sich mit diesem gemeinnützigem Thinktank um Fragen der angewandten Unternehmens-, Wirtschafts- und Führungsethik. Im Interview spricht von Broock über die Herausforderungen der digitalen Energiewende, welche ethische Fragen sich dabei ergeben und wie man diese beantworten muss. 

Herr von Broock, die digitale Energiewende ist eine der zentralen Aufgaben für Gesellschaft, Politik und Ökonomie. Welche Rolle spielt dabei das Wittenberg-Zentrum für Globale Ethik?
Martin von Broock: Für uns besteht kein Zweifel, dass wir die Energiewende nur mit digitalen Innovationen lösen können. Allerdings ergeben sich damit nicht nur rechtliche und technische Fragen, sondern auch ethische. Ein gutes Beispiel ist der Smart Meter, ein digitaler Stromzähler, der im direkten Austausch mit dem Energieversorger steht. Hier haben wir einen Konflikt zwischen dem Wunsch nach Freiheit und dem der kollektiven, gesellschaftlichen Problemlösung. Einerseits sind wir darauf angewiesen, Daten zu teilen und zur Verfügung zu stellen, andererseits wollen wir das Recht auf informationelle Selbstbestimmung wahren. Mit unserem Projekt „Ethische Herausforderungen der digitalen Energiewende“ wollen wir diese Konflikte genauer untersuchen und dabei auch Lösungsansätze in den Blick nehmen. Wir betrachten das von der wissenschaftlichen Seite aus, sind aber auch im Dialog mit Stakeholdern aus verschiedensten Branchen.

Das alte Problem: Der Strom ist einfach da

Welche ethischen Herausforderungen sind denn in Ihren Augen besonders drängend?
Es gibt zahlreiche Widersprüche. In einer von dynamis durchgeführten Umfrage wurde deutlich, dass der Wunsch nach einer rasch umgesetzten Energiewende immer größer wird. Geht es jedoch darum, dafür Daten zu teilen und begrenzte Eingriffe in das private Energiesystem zuzulassen, sinkt die Bereitschaft der Befragten deutlich. Gleichzeitig stellen die Menschen ihre Daten bereitwillig für Navigationsdienste, soziale Netzwerke oder Sprachassistenten wie Alexa zur Verfügung.

Wieso ist die Bereitschaft so unterschiedlich?
Viele Menschen wollen eine Entlastung in ihrem Alltag. Dafür sind sie bereit, ihre Daten freizugeben. Bei Digitalkonzernen akzeptieren sie die umfassenden Nutzungsvereinbarungen ohne eingehende Prüfung, weil sie dafür eine sofortige Gegenleistung erhalten. Energie ist jedoch komplexer; es ist ein Gut, das wenig spezifisch und differenzierbar ist. Wir stoßen hier auf ein altbekanntes Problem: Strom ist einfach da. Die Versorgung ist immer gesichert. Die Konflikte, die dahinter liegen, sehen wir nicht. Deshalb sind wir wesentlich seltener bereit, unsere Daten dazu zu teilen. 

Die Europäische Union hat dieses Jahr Leitlinien vorgelegt, die die Schaffung vertrauenswürdiger Künstlicher Intelligenz sicherstellen sollen. Da ist Datensicherheit natürlich ein großes Thema. Wie hilfreich ist dieser Vorstoß der EU?Das ist ein erster notwendiger Schritt, aber auf keinen Fall hinreichend. Wir müssen uns darüber verständigen, wie wir den digitalen Wandel gestalten – und welche Ideale und Prämissen keinesfalls zur Diskussion stehen. Doch zwischen den einzelnen Werten, den Leitlinien, entstehen auch Konflikte. So wollen wir einerseits mehr Transparenz, zugleich aber einen hinreichenden Schutz der Privatsphäre. Wir müssen überlegen, wie wir solche Spannungen auflösen können. Zudem müssen wir von den Leitlinien zu gesetzlichen Bestimmungen kommen, die das Vereinbarte im Alltag absichern. Ich kann kein Unternehmen allein an Leitlinien messen. Um Schädigungen und Verstöße anzuzeigen, brauche ich auch Gesetze.

Selbst Apple und Facebook bitten um gesetzlichen Rahmen 

Das heißt: Der Gesetzgeber ist am Zug?
Auch digitale Wertschöpfung benötigt ein Spielfeld, in dem verbindliche Regeln Freiheiten eröffnen und begrenzen. In der Vergangenheit hieß es oft, wir brauchen mehr Freiräume. Inzwischen werden die Rufe nach Verlässlichkeit lauter. Das gilt nicht nur für die Verbraucher, sondern auch für Unternehmen. Diese müssen wissen, woran sie ihre Verantwortung im Markt festmachen, aber auch, wo diese endet. Wenn es diese Grenzen nicht gibt, können wir alle möglichen Erwartungen an Unternehmen richten und haben doch keinerlei Maßstäbe, wie wir das prüfen können.

Sie setzen sich in Ihren Projekten ja mit vielen Unternehmen auseinander. Wie hoch ist deren Bereitschaft, sich mit ethischen Fragen auseinanderzusetzen?
Ich glaube, dass die Unternehmen erkannt haben: Ethische Fragen entwickeln eine immer höhere Relevanz. Digitale Innovationen bieten enorme Möglichkeiten – doch ihre längerfristigen Auswirkungen sind aktuell oft noch gar nicht abzuschätzen. Gleichzeitig müssen die Unternehmen fürchten, dass sie letztlich für alle Folgen verantwortlich gemacht werden, auch die unerwünschten. Deshalb sind gemeinsame Maßstäbe, entlang derer die Firmen ihr Handeln ausrichten können, umso wichtiger, und viele Unternehmen scheinen interessiert, diese Diskussionen voranzutreiben. Denn schließlich brauchen auch sie Planungs- und Investitionssicherheit.  

Wie sehen solche Maßstäbe konkret aus?
Ein wichtiges Thema ist aktuell etwa die Gesichtserkennung. Vor einiger Zeit ist Microsoft an die US-Regierung herangetreten und hat gefordert: „Mit dieser Innovation gehen bestimmte Risiken und Auswirkungen einher, die wir als Unternehmen nicht selbst verantworten können – deshalb braucht es klare Regeln von der Politik!“ Ich finde auch sehr bemerkenswert, dass die Chefs von Apple und Facebook, Tim Cook und Mark Zuckerberg, geäußert haben, die USA benötige ein Pendant zur europäischen Datenschutz-Grundverordnung, damit klar sei, unter welchen Bedingungen Geschäfte gemacht werden dürfen. Der Aufsichtsratsvorsitzende eines DAX-Konzerns sagte mal in einer Diskussion, die Frage nach Begrenzung sei für ihn sofort nachvollziehbar. Denn wenn er als Konzern mit anderen Handel betreiben wolle, müsse er sich darauf verlassen, welche Spielzüge er von anderen erwarten und welche er ausschließen könne. Das lässt sich gut auf die digitale Transformation und Energiewende übertragen. Wir brauchen eine Balance zwischen Freiheit und Begrenzung, sonst können wir auch kein Vertrauen einfordern.

„Wir müssen zeigen, welche Möglichkeiten wir nutzen und welche wir ausschließen“

Wie bewältigen wir also die Herausforderungen, die uns die digitale Energiewende auferlegt?
Zunächst benötigen wir ein positives Narrativ für die digitale Transformation: Durch das gemeinschaftliche Teilen und Verwerten unserer Daten können wir großartige Fortschritte nicht nur in der Energiewende, sondern auch in Bereichen wie Gesundheit oder Mobilität erzielen.. Es geht also um gesellschaftliche Zusammenarbeit zum gegenseitigen Vorteil. Probleme entstehen indes dann, wenn die einen Vorteile auf Kosten der anderen realisieren; zum Beispiel, wenn die zur Verfügung gestellten Daten ohne Zustimmung anderen zur Verfügung gestellt werden und in der Folge Schädigungen eintreten. werden. So hat etwa Facebook Daten mit Cambridge Analytica geteilt – und somit unter Umständen  mittelbar politische Prozesse zum Nachteil der Gemeinschaft beeinflusst. Das haben die Nutzer nicht erwartet, und viele hätten dem wohl auch kaum zugestimmt. Oder wie es aktuell in China der Fall ist: Daten aus sozialen Netzwerken werden staatlichen Einrichtungen zugänglich gemacht, die daraufhin über Belohnungen oder Bestrafungen im echten Leben entscheiden. Solche Entwicklungen gilt es auszuschließen, wenn man das Vertrauen der Menschen für das Teilen von Daten – ohne das sich digitale Innovationen nicht vorantreiben lassen – gewinnen will. 

Das sind ja in der Tat massive Konflikte …
Um solchen Auswüchsen vorzubeugen, müssen wir uns frühzeitig fragen: Wo können bei diesen Kooperationen Schädigungen entstehen und wie begrenzen oder – noch besser – vermeiden wir sie? Und wenn es doch zu Schäden kommt, wie gehen wir damit um? Es reicht nicht aus, immer nur appellativ Vertrauen einzufordern. Wenn wir Vertrauen in die digitale Zukunft generieren wollen, müssen wir Zusammenhänge aufklären und zeigen, welche Möglichkeiten wir nutzen und welche wir ausschließen. 

Gibt es dafür schon gute Vorbilder?
Wir brauchen mehr Verständigung über erwünschte und unerwünschte Folgen der digitalen Transformation. Die Ethikkommission für automatisiertes und vernetztes Fahren hat beispielsweise eine klare Grenze gezogen, als es darum ging, Menschenleben miteinander zu verrechnen. Nicht umsonst lautet ja Artikel 1 des Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Das ist etwas, das allen anderen Gesetzen vorangestellt ist. Und genauso müssen wir im Zuge der digitalen Transformation überlegen, welche Ideen wir in dieser digitalen Gesellschaft eigentlich voranstellen.

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Foto Credit Aufmacher: Frank Vinken

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Kategorien: Soziale Innovation
Schlagwörter: digitale Wertschöpfung, Energiewende, Ethik, und KI


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