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28. November 2019

Fünf Fragen an Anna Fricke: „Der Mensch ist sich selbst die größte Gefahr“

Mit der Ausstellung „Der montierte Mensch richtet das Essener Museum Folkwang den Blick auf das Verhältnis zwischen Mensch und Technik in den letzten 130 Jahren. Beginnend mit den Futuristen, die den Ersten Weltkrieg kaum erwarten konnten, spannt die Schau den Bogen bis zur heutigen Digitalisierung. Doch was fasziniert den Menschen so sehr an Maschinen? Und droht uns eine Zukunft à la „Terminator“? Fünf Fragen an Anna Fricke, Kuratorin im Museum Folkwang.

Frau Fricke, Generationen von Künstlern haben sich mit den großen technologischen Umbrüchen und ihren Auswirkungen auf Mensch und Gesellschaft befasst – warum ist dieses Thema für Kunstschaffende so interessant?
Anna Fricke: 1914, vor Ausbruch des Krieges, besuchten die beiden französischen Künstler Marcel Duchamp und Fernand Léger gemeinsam eine Flugzeugausstellung. Sie waren überwältigt von der Ästhetik des glänzenden Stahls, der Propeller und Motoren – und fragten sich, was man dem noch an Bildender Kunst entgegensetzen könne. Seit jeher waren Künstler und Künstlerinnen von technischen Entwicklungen inspiriert. Besonders die Futuristen feierten und überhöhten jegliche Form von Geschwindigkeit und Maschinen; ja, sie begrüßten sogar den Krieg. Umberto Boccioni, eine der Leitfiguren der Futurismus-Bewegung sagte einst: „Der Mensch wird zur Maschine. Die Maschine wird zum Menschen.“ In der aktuellen Ausstellung setzen wir deshalb beim Futurismus an und zeigen dann, wie sich Entwicklungen vom Mechanischen über das Kybernetische bis hin zum Digitalen der Gegenwart auf die Kunst auswirken.

Künstler des Futurismus verehrten Maschinen, überhöhten Krieg – besteht darin nicht auch eine Gefahr?
Auf jeden Fall. Es entsteht eine ambivalente Situation: Einerseits können Maschinen und neue Technologien die Probleme der Menschheit lösen oder die Situation verbessern, etwa die Befreiung von harter körperlicher Arbeit. Andererseits ist immer die Angst präsent, dass Maschinen den Menschen ersetzen und damit überflüssig machen oder der Mensch von Technologien eingeschränkt und kontrolliert wird. Diesen Zwiespalt spürt man auch in der künstlerischen Auseinandersetzung. Im Futurismus um 1910 ist der technische Fortschritt vorrangig positiv besetzt, in den 20er-Jahren ist es schon ausgeglichener, in den 60ern arbeiten Künstler mit Ingenieuren zusammen; doch je näher wir der Gegenwart kommen, desto negativer wird die Tonalität in Bezug auf Mensch und Maschine.

Zeigt sich das auch in der Ausstellung?
Eine Skulptur von Anna Uddenberg von 2018 krümmt und verdreht den Menschen beispielsweise in eine unnatürliche Haltung. So bekommt man den Eindruck, der Mensch werde von der Technologie in eine Form gezwungen, die er sonst nie wählen würde. Das lässt sich auf die Arbeitswelt übertragen. Zwar nahmen Maschinen den Menschen in den 20er Jahren einen Teil der harten Arbeit ab, doch dafür mussten sich die Arbeiter nun an den Takt der Maschine anpassen – denn sie kann Tag und Nacht arbeiten. Die Angestellte fingen an, in Schichten zu schlafen und zu arbeiten, um die Maschine durchgehend bedienen zu können. Bei anderen Werken schwingt die Angst vor dem Kontrollverlust mit. Die Arbeit „Nine to Five“ von 2015 des Künstlers Josh Kline besteht aus einem zerstückelten Menschen, verstaut in einem Reinigungswagen. Das zeigt das metaphorische Ende der Produktionssteigerung und des Effizienzdenkens.

Bedeutet die fortschreitende Verwendung von künstlicher Intelligenz den Verlust von Freiheit und Individualität?
Die Furcht vor Maschinen, die auch mit derjenigen vorkünstlichen (Maschinen-)Menschen verbunden ist, begann schon sehr früh. Die Literaturgeschichte ist voller Beispiele, man denke allein an Mary Shellys Frankenstein, E.T.A. Hoffmanns Olimpia oder die Eva der Zukunft von Auguste de Villiers de L’Isle-Adam. In dem 1920 erschienenen Drama „R.U.R.“ von Karel Čapek lehnen sich künstlich erschaffene Arbeiter, heute auch als Androiden oder Roboter bezeichnet, gegen ihren Erfinder auf und vernichten die Menschheit. Das Wort „Roboter“ stammt vom tschechischen Ausdruck „robot“ ab, zu deutsch „Fronarbeiter“ oder „Leibeigener“. Karels Bruder, Josef Čapek, ist Schöpfer des Begriffs „Roboter“, der sich daraufhin schon bald in zahlreichen Ländern durchsetzt, da das Stück europaweit aufgeführt wird. Wer einen künstlichen Menschen schaffen will, verstößt gegen die Gesetze der Schöpfung.

Das Bedürfnis nach künstlichen Geschöpfen scheint tief in uns zu stecken. Doch alles hat seine Zeit. Das Medium Film wäre beispielsweise schon viel früher möglich gewesen, da es die Camera Obscura bereits seit Jahrhunderten gab. Aber man war damals noch nicht dafür bereit. Ganz anders ist es bei der künstlichen Intelligenz. Was Künstler schon vor zweihundert Jahren bewegt hat, nimmt durch die Digitalisierung heute zunehmend reale Dimensionen an. Aktuell dreht es sich bei der künstlichen Intelligenz vor allem um wirtschaftliche Interessen. Solange das Gemeinwohl geachtet wird, ist das auch kein Problem. Die Frage der Zukunft lautet vielmehr: Wie lassen sich solche Entwicklungen regulieren? Hier schließt sich der Kreis – wir sind wieder bei der Angst um den Kontrollverlust.

Eine berechtigte Furcht?
In unserer Ausstellung zeigen wir auch ein Werk von Trevor Paglen. Seine Videoarbeit zeigt, wie künstliche Intelligenz mit Bildmaterial aus dem Internet gefüttert wird. Sie soll lernen, was uns als Gesellschaft und den Menschen ausmacht – basierend auf Daten. Das Ergebnis zeigt Paglen eindrucksvoll in einer Serie von Drucken, anhand von Stichwörtern erzeugt die künstliche Intelligenz Bilder. Gibt man zum Beispiel „Monster, die in der Geschichte für den Kapitalismus stehen“ ein, erscheint eine Fratze mit blutunterlaufenen Augen. Das ist so interessant, weil die künstliche Intelligenz nur das wiedergeben kann, womit der Mensch sie zuvor gefüttert hat. Die Parameter setzt der Mensch, damit ist der Mensch sich selbst die größte Gefahr – nicht die Maschine. Unsere Hauptaufgabe besteht also eher in der Frage: Welche Rolle spielen ethische Richtlinien für die Entwicklung künstlicher Intelligenz?

Eine Antwort auf diese Frage gibt übrigens Martin von Broock, Vorstandsvorsitzender des Wittenberg-Zentrums für Globale Ethik in der Lutherstadt Wittenberg, im Interview. Lesen Sie hier, weshalb wir ethische Vorgaben für die Entwicklung künstlicher Intelligenz benötigen und wie diese aussehen könnten. Zum Interview.

Die Ausstellung „Der montierte Mensch“ ist noch bis 15. März 2020 im Museum Folkwang zu sehen.

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Foto Credits: Museum Folkwang

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Kategorien: Kultur und Soziale Innovation
Schlagwörter: Digitalisierung, Futurismus, KI, Kybernetik, und Mensch und Technik


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