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Beitrag: Wie man Circular Economy in Deutschland etabliert: kritisch, aber konstruktiv

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20. November 2019

Wie man Circular Economy in Deutschland etabliert: kritisch, aber konstruktiv

Die ganze Welt redet über Klimaschutz und Nachhaltigkeit, doch verfehlte Ziele und Austritte aus dem Pariser Klimaabkommen werfen darauf ein schlechtes Licht. Wenn von der Politik (zu) wenig Input kommt, muss die Industrie das selbst in die Hand nehmen. Das denken zumindest Marianne Kuhlmann und Tim Cholibois. Die beiden haben die Initiative „Circularity“ ins Leben gerufen – mit Unterstützung durch das Think Lab, ein gemeinsames Förderprojekt der Stiftung der Deutschen Wirtschaft und der innogy Stiftung. Das Ziel: ein langfristiges Netzwerk zum Thema Circular Economy aufbauen. 

Angesichts der drängenden Klimaprobleme ist immer mehr von Circular Economy die Rede. Was hat es damit auf sich? Wörtlich übersetzt bedeutet der Begriff Kreislaufwirtschaft. Dabei geht es nicht nur um Mülltrennung und Recycling. Vielmehr soll auf einer grundsätzlicheren Ebene auch der Einsatz von Ressourcen, die Abfallproduktion, der Ausstoß von Emissionen sowie die Energieverschwendung maßgeblich reduziert werden. 

„Wir haben ein fundamentales Problem“

„Obwohl hier massenhaft Potenzial lauert, ist das Thema in der öffentlichen Diskussion in Deutschland noch nicht richtig angekommen“, erklärt Marianne Kuhlmann, die derzeit an der ETH zu Circular Economy promoviert und auch schon als Beraterin bei McKinsey & Company zu CE gearbeitet hat. „Wir sind Weltmeister darin, effiziente Maschinen zu bauen, aber wir haben ein fundamentales Problem.“ Sie spielt auf den verschwenderischen Ressourcenumgang der Gesellschaft an. „Wir tun immer noch so, als seien die Rohstoffe unseres Planeten unendlich.“ Das sehe man zum einen an der linearen „Take-Make-Waste“-Struktur der Wirtschaft, andererseits aber auch im deutschen Steuersystem. Das besteuert vor allem Arbeitskraft statt Ressourcenverschwendung. Doch beides könne man verbinden, sagt Kuhlmann. „Kehren wir die Logik um und lassen Sie uns ein neues Ziel verfolgen: maximale Wertschöpfung bei gleichzeitig minimiertem Ressourceneinsatz.“

Um für das Thema mehr Aufmerksamkeit zu erreichen, haben Marianne Kuhlmann und ihr Kollege Tim Cholibois mit ihrem 15-köpfigen Organisationsteam dieses Jahr zum zweiten Mal eine 2,5-tägige Konferenz in Berlin veranstaltet. Ihr Einsatz zahlt sich aus: Die Teilnehmer kamen in Scharen. Zu den Partnern der Konferenz gehören unter anderem namhafte Unternehmen, Vereine und Institutionen wie Google, Vattenfall, Würth, Agora Energiewende, Sonnen und Lumenion sowie die Technische Universität Braunschweig. Seit Beginn der Förderung durch das Think Lab haben auch schon Unternehmen wie Coca-Cola, Roland Berger, Philips, Remondis und BASF mit dem Team zusammengearbeitet. 

„Bei unseren Veranstaltungen zeigen wir, dass es möglich ist, unsere Wirtschaftsordnung auch anders zu denken. Eine nachhaltigere Zukunft ist kein ferner Traum, es gibt überall Menschen, die aktiv daran arbeiten. Und genau diese bringen wir zusammen“, erklärt Cholibois. „Wir sind überwältigt von der Energie, die im November auf der Konferenz in Berlin geherrscht hat“, ergänzt Kuhlmann. „Gerade der letzte Tag mit interaktiven Workshops zu Tech, Mobility und Construction stand ganz im Zeichen von neuem Denken und konkreten Ideen zur Umsetzung der Circular Economy. Das ist es, was wir erreichen wollen. Die Menschen sollen verstehen, dass die Welt, wie sie ist, nicht in Stein gemeißelt ist. Wir können sie verändern und gestalten.

Das Netzwerk hat bereits 200 Mitglieder und wächst weiter

„Die Resonanz der Industrie ist riesig“, freut sich Tim Cholibois, der neben Circularity als Berater im Bereich Energie und Infrastruktur bei Roland Berger tätig ist. „Es hat uns positiv überrascht, wie viele Impulse aus den Unternehmen kommen – als hätten sie nur darauf gewartet, dass sie das Thema endlich mit der passenden Unterstützung angehen können.“ Die Konferenz in Berlin punktete vor allem mit kreativen und praxisnahen Workshops. So stellte etwa Google nicht nur sein bisheriges Bemühen um Circular Economy vor, sondern versuchte in einem Design Thinking Workshop mit den Teilnehmern gemeinsam kreative Lösungen für Googles „Visionen zur Nachhaltigkeit“ zu finden. Der von Circularity angewendete nutzerzentrierte Innovationsprozess gab auch anderen Teilnehmern Anstöße, eigene Firmenstrukturen zu überdenken: So nutzt zum Beispiel die Firma Würth die Circularity-Konferenzen, um Ideen zu einer nachhaltigeren Positionierung zu sammeln. 

Das Netzwerk von Circularity besteht nach nur eineinhalb Jahr aus mehr als 200 Mitgliedern, und es entstehen laufend neue Partnerschaften. „Wir wollen eine aktivierende Funktion einnehmen und als Multiplikator dienen. Wir sind sowohl das professionelle Netzwerk als auch ein Do-Tank, der zusammen mit den Partnern konkrete Lösungen entwickelt und den Wandel aktiv angeht“, sagt Cholibois. Da die zweijährige Förderung des Think Labs nun bald endet, überlegt das Team, wie es das Projekt weiterführt. „Leider können wir Circularity noch nicht so viel Zeit widmen, wie wir gerne würden“, erklärt Cholibois. Für 2020 plant das Team zahlreiche Events in direkter Zusammenarbeit mit einzelnen Firmen. In mehreren eher kleineren Veranstaltungen will das Team gezielt in die Materie und Problematiken der jeweiligen Unternehmen eintauchen. „Die Firmen signalisieren große Bereitschaft und Motivation mit uns weiterzumachen. Das ist gut, denn wir haben lange genug diskutiert, wir müssen die Dinge jetzt anpacken und umsetzen“, sagt Kuhlmann. In Feedbackgesprächen höre sie oft: „Ihr habt einen guten Ansatz – kritisch, aber konstruktiv!“

Das Think Lab 2.0 steht in den Startlöchern

Wer das Team von Circularity kennenlernt, spürt, wie viel Herzblut alle in diese Initiative stecken. Für sie ist es nicht nur ein Projekt, sondern eine persönlich bedeutsame Aufgabe, die deutsche Wirtschaft für Klimaschutz und Energiewende fit zu machen – und die Unternehmen nehmen es dankend an. Zusammen mit Marianne Kuhlmann und Tim Cholibois gehören außerdem Magdalena Witty, Dr. Paul Wöbkenberg und Dr. Christoph Zehe zum Kernteam von Circularity.

Das Think Lab geht übrigens am 29. November in eine neue Runde. Projektleiter Jörg Hülshörster erzählt im Interview, worauf wir uns beim Think Lab 2.0 freuen dürfen. Hier geht’s zum ganzen Gespräch.

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Titelfoto: 

Kernteam von Circularity

Foto Credits: Julian Albert

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Kategorien: Allgemein
Schlagwörter: Circular Economy, Energiewende, Klimaschutz, und Ressourcenumgang


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