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Beitrag: „Lichtkunst ist mehr als nur Neonlicht.” Museumsdirektor John Jaspers im Interview

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14. November 2019

„Lichtkunst ist mehr als nur Neonlicht.” Museumsdirektor John Jaspers im Interview

Wie sieht die Future of Light Art aus? Und warum geht es dabei nicht nur um neue Leuchtmittel? Diese Fragen standen im Fokus des International Light Art Award 2019 und seiner begleitenden Ausstellung. Passend zum thematisch-innovativen Schwerpunkt wurde auch der Rahmen der Preisverleihung konzeptionell erweitert: Denn der vom Zentrum für Internationale Lichtkunst Unna und der innogy Stiftung initiierte Art Award beinhaltete neben dem Jurypreis in diesem Jahr erstmals ein Publikumsvoting. Im Interview gibt John Jaspers, Direktor des Zentrums für Internationale Lichtkunst Unna, tiefere Einblicke in die Wahl der Themen und Exponate, zieht ein zufriedenes Fazit und erklärt, inwiefern die Arbeiten der Finalisten des ILAA unsere Sehgewohnheiten herausfordern.

Jacqueline Hen, Light High, International Light Art Award 2019 @Center for international Light Art from Jacqueline Hen on Vimeo.

Herr Jaspers, am Sonntag ging die Schau zum International Light Art Award zu Ende: Welches Fazit ziehen Sie?

John Jaspers: Ich bin unglaublich beeindruckt von den diesjährigen Installationen. Vor allem, weil neben der künstlerischen auch die technische Qualität so hoch war. Oft reichen Kunstschaffende Konzepte ein, wissen an dem Punkt aber noch gar nicht genau, wie diese technisch zu realisieren sind. Das war bei unseren diesjährigen drei Finalisten überhaupt nicht der Fall. Da war alles bis ins letzte Detail durchdacht. Nicht nur deshalb hoffe ich, dass ihre Arbeiten nicht nur in unserem Museum, sondern auch außerhalb Beachtung finden. Darum sind wir gerade dabei, die KünstlerInnen für die Luminale 2020 vorzuschlagen, um ihre Installationen dort zeigen zu können. Das haben sie sich verdient.

Der Titel der diesjährigen Schau lautete “The Future of Light Art”. Wie haben die Installationen der drei Finalisten den Titel interpretiert?

Alle Werke haben gezeigt, dass Lichtkunst mehr als Neonlicht oder die Nutzung neuer Leuchtmitteln ist. Vielmehr geht es um Nachhaltigkeit und den Einsatz erneuerbarer Energien, was natürlich auch ein Fokus der innogy Stiftung ist. 

Bei den Arbeiten des Künstlerduos Dachroth + Jeschonnek konnten die Besucher beispielsweise sehen, wie die Future of Light Art technologisch aussehen könnte. Denn das Duo entdeckte das bisher noch unbekannte „Lichtvolumen” und experimentiert seitdem mit dessen Darstellung. Kurz gesagt: Sie machen Licht als Medium sichtbar. Anders als wir es im Alltag wahrnehmen, dehnt sich das Licht hier nicht aus – es verdichtet sich an einer bestimmten Stelle. Bei ihrer ILAA-Installation hatte ich überhaupt keine Ahnung, was ich da sah. Das war ein metaphysisches Phänomen: Ich sah einen schwarzen Fleck, der eigentlich nicht da war. Letztendlich haben alle drei Finalisten Lichtkunst gezeigt, die man nicht so oft zu Gesicht bekommt.

Geben Sie uns doch bitte einen kurzen Einblick in den Auswahlprozess: Wer war an der Entscheidung beteiligt und Jurypreis?

Vor dem Finale hatte eine internationale Jury die Auswahl auf drei Arbeiten eingegrenzt. Das war schon schwierig genug. Denn in diesem Jahr hatten wir insgesamt 357 Konzepte von Künstlern aus 61 Ländern. Unsere Finalisten konnten sich letztendlich dank der konzeptionellen Qualität und Kreativität ihrer Werke gegen die starke Konkurrenz durchsetzen. Der Jurypreis, welcher mit 10.000 Euro dotiert ist, ging letztendlich an Jacqueline Hen und ihre Lichtinstallation „LIGHT HIGH“. Dabei handelt es sich um eine LED-gesteuerte Simulation, mit der Hen weitere visuelle Ebenen in den Ausstellungsraum projiziert. Dadurch verändert sich unsere Wahrnehmung des Raums und fordert sie gleichzeitig heraus.

Wie viele Besucher konnten Sie denn ungefähr im gesamten Ausstellungszentrum verzeichnen?

Wir haben sie am Wochenende gezählt – da waren es fast 11.000 Menschen.Besonders schön war, dass viele von ihnen nach einer Verlängerung der Schau gefragt haben – vor allem an den letzten Wochenenden der Ausstellung.

Neben dem Jurypreis wurde in diesem Jahr erstmals auch ein Publikumspreis verliehen. Welche Idee steht hinter der Neuerung? 

Der Gedanke dahinter war es, unsere Besucher noch stärker einzubeziehen und damit einen weiteren Fokus zu finden. Außerdem gibt uns die Erweiterung des Awards noch tiefere Einblicke in die Wahrnehmung unserer Exponate. Nach ihrem Ausstellungsbesuch haben wir das Publikum eingeladen ihren Liebling zu wählen. Dabei konnten Yasuhiro Chida und sein Werk „Myrkvior“ die meisten Stimmen sammeln. Rang zwei besetzte die Jury-Preisträgerin Jacqueline Hen mit ihrem Werk „LIGHT HIGH“. Auf dem dritten Platz landete das Künstlerduo Dachroth + Jeschonnek mit „Negative Space of Light“.

Nach Ihrer persönlichen Einschätzung: Warum hat Yasuhiro Chidas „Myrkviorden bleibendsten Eindruck auf die Besucher hinterlassen? 

Chida wollte mit „Myrkvior“ Naturphänomene erfahrbar machen. Bei Betreten seines, dunklen Ausstellungsraums konnte man anfangs nicht erkennen, dass der Künstler einen sieben Kilometer langen Nylondraht gespannt hatte, der von einer Lichtquelle beleuchtet wurde. Mit zunehmender Gewöhnung der Augen an die Lichtsituation, kam dann der erste Aha-Moment.

Zudem bewegte sich Chidas Installation. Als Besucher war man angehalten sich hinzusetzen und abzuwarten, was da geschieht. Und auf einmal entstand da so etwas wie ein Weltall. Man könnte Chidas Arbeit auch wie ein Märchen beschreiben, bei der die Betrachter ihrer Fantasie freien Lauf lassen können. Sie wirkt einfach sehr unwirklich und greifbar zugleich. Ich stellte mir oft die Fragen: Was geschieht hier? Wie geschieht das? Andere Besucher fragten zum Beispiel laut: Sind das Wassertropfen, die da in der Luft schweben? 

Die Arbeit war außerdem sehr schwer zu fotografieren. Ich glaube, diese Uneindeutigkeit hat die Betrachter mitgenommen. Im Kontrast dazu wirkte die Arbeit der Jurypreis-Gewinnerin, Jacqueline Hen, sehr streng, minimalistisch und deutlich. So hatten wir in unserer Ausstellung ein schönes Gleichgewicht. 

Diesmal gab es auch eine Ausstellung von Studierenden im Rahmen der Schau. Wie kam diese bei den Besuchern und Kunststudenten an? Und was für Werke steuerten die ausgewählten Studenten bei?

Die Arbeiten unserer sieben Studierende waren absolut hochkarätige Installationen. Entsprechend kam auch das Format bei den Besuchern gut an – sie bemerkten kaum, dass es sich um ein Studentenprojekt handelte. Eine schöne Begleiterscheinung, denn durch die Veröffentlichung ihrer Arbeiten in einem Museum erhielten nicht nur die Finalisten der ILAA, sondern auch die Studierenden viel Aufmerksamkeit. Kurzum: Die Programmerweiterung war ein voller Erfolg, weshalb wir dieses Format für die kommenden Editionen verstärkt in den Vordergrund rücken wollen. Dafür möchten wir noch viel mehr internationale Universitäten einladen.

 

Foto Credits Aufmacher: 

Frank Vinken

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Kategorien: Allgemein und Kultur
Schlagwörter: ILAA, Kunst, Lichtkunst, und Zentrum für internationale Lichtkunst


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