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4. November 2019

Wie Kulturarbeit einer Kleinstadt neues Leben einhauchen kann

Der innovative Kulturmanager Folkert Uhde ist seit 2015 Intendant der Köthener Bachfesttage. Über einen ungewöhnlichen Weg erweckte er das kleine Festival in Sachsen-Anhalt wieder zum Leben – und mit ihm die ganze Stadt.

Der elfte KulturInvest!-Kongress am 7. und 8. November in Essen beleuchtet viele spannende Themen, nicht zuletzt auch kulturelle Transformationsprozesse. In seinem Vortrag „Neue Kulturen des Miteinander. Kultur als Transformationstreiber“ erzählt Folkert Uhde, wie die gemeinsame Arbeit an kulturbezogenen Projekten gesellschaftliche Veränderungen in Gang bringen kann – und zwar auf ganz lokaler Ebene. Als Topic Partner des Kongresses haben wir von der innogy Stiftung bereits im Vorfeld mit Herrn Uhde über seine Arbeit als Intendant in Köthen und seine Ziele für die Entwicklung von Festival und Stadt gesprochen.

Schon bevor Folkert Uhde die Köthener Bachfesttage selbst in die Hand nahm, war ihm aufgefallen, dass das Festival bei den Einheimischen nicht besonders gut ankam – und auch über die Grenzen von Sachsen-Anhalt hinaus waren die Bachfesttage nur einem überschaubaren Kreis bekannt: „Rein künstlerisch war das Festival sehr erfolgreich, aber was das etwas breitere Publikum angeht leider nicht“ sagt Uhde. Als er 2015 Intendant wurde, wusste er, dass es höchste Zeit für einen Image-Wechsel und eine runderneuerte Strategie war. 

Distanz überwinden

Neben klassischen Marketing-Instrumenten wie Social Media nutzte der erfahrene Kulturmanager vor allem Nähe und bürgerschaftliches Engagement. Denn eine große Herausforderung besteht für ihn darin, dass Künstler und Einheimische einander besser kennenlernen – was jedoch viel zu selten gut gelinge. Vielmehr erleben Musiker und Publikum meist nur den Auftritt und sind dann gleich wieder verschwunden. So entstehe für die Künstler weder zum Veranstaltungsort noch zu den Ansässigen eine tiefere Verbindung – und umgekehrt ebenso wenig. Weil Uhde es „extrem wichtig“ findet, diese Distanz zu überwinden, stellte er für die Bachfesttage ein internationales Orchester zusammen und lud alle Mitglieder für eine ganze Woche nach Köthen ein. Dabei schuf er verschiedene Begegnungsmöglichkeiten. 

Das Ergebnis: Die Musiker ließen sich mehr auf den Ort und seine Menschen ein. Und die Bewohner der Stadt wiederum stellten durch den neuen Blick von außen fest, was ihren Heimatort so besonders und lebenswert macht. Viele Köthener konnten die Bachfesttage (wieder) für sich entdecken und zwischen Künstlern und Einheimischen entwickelte sich erstmals eine enge Beziehung.

Doch nicht nur das Zusammenkommen von Künstlern und Stadtbewohnern war für den neuen Erfolg der Bachfesttage entscheidend. Auch die gemeinsame Arbeit an Projekten leistete einen wichtigen Beitrag – und das sogar weit über das Festival hinaus.

Köthen – der Place to be

Denn Uhde ist ein Intendant, der mit Kulturarbeit auch – oder vielleicht sogar: vor allem – die Region voranbringen möchte. Und das gelingt natürlich am besten gemeinsam mit den Menschen, die in dieser Region leben. Bereits 2017 gründete er zusammen mit etlichen Bürgern und Kulturakteuren in Köthen eine Initiative, um verschiedene Projekte auf die Beine zu stellen – etwa zum Thema Identität. 2018 ergab sich die Möglichkeit, sich mit einem weiteren gemeinschaftlichen Projekt für das TRAFO-Programm der Kulturstiftung des Bundes zu bewerben. Der Titel: Neue Kulturen des Miteinander. Denn für den innovativen Intendanten ist Kultur „nicht nur ein Nice-to-have, sondern substanziell für die Kommunikation und das Leben in einer Kommune“. Dies und die vielschichtigen Veränderungsprozesse, die durch die lokale Projektarbeit ins Rollen kommen, wollten Uhde und seine Mitstreitenden mit dem Titel verdeutlichen. 

Schon jetzt wird sichtbar, dass sich die gemeinsame Arbeit lohnt. Zahlreiche Köthener identifizieren sich wieder stärker mit ihrem Ort und setzen sich mit ihrer verloren geglaubten Identität auseinander. Und nicht nur das: Viele Bürger haben das Gefühl, dass sie in ihrer Stadt etwas bewegen und verändern können. Und dass Veränderung Spaß macht. Ein eher seltenes Gefühl gerade in Ostdeutschland, wo laut Uhde oft eher eine Stimmung des „Hier passiert sowieso nichts“ oder „Man kann eh nichts machen“ herrscht. Umso wichtiger sei es, dass so viele Menschen wie möglich Selbstwirksamkeit erfahren – als Schlüssel für jedwede Art von kollektivem Veränderungsprozess. 

Auch der Blick von außen kann sich durch Projekte und Veranstaltungen wie diese allmählich wandeln. Und wer weiß – vielleicht spricht man in Zukunft nicht mehr (nur) von Berlin, sondern von deutschen Kleinstädten wie Köthen als Place to be. 

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Titelfoto: Jim Rakete

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Kategorien: Allgemein und Kultur


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