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Beitrag: Lange Nacht der Münchner Museen: Virtuelle Grenzüberschreitungen mit Lichtkunst

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18. Oktober 2019

Lange Nacht der Münchner Museen: Virtuelle Grenzüberschreitungen mit Lichtkunst

Wer an Münchner Kirchen denkt, assoziiert damit meistens die Frauenkirche oder die Theatiner Kirche. Dass die Landeshauptstadt aber hunderte Gotteshäuser diverser Religionen beherbergt, ist kaum bekannt. Das Projekt EASTERN MUNICH der Künstlerin Lia Sáile soll das ändern. Sie öffnet die Gebäude für die breite Massen und fragt gleichzeitig sie: Wie divers ist München eigentlich? Mithilfe der Lichtkunst will Lia Sáile den Dialog zwischen den Kulturen fördern.

Frau Sáile, Ihre Intervention setzt sich mit den Themen Interkulturalität und Interreligiosität in der Stadt München auseinander. Wie kam es dazu?
Lia Sáile: In den vergangenen Jahren habe ich mich immer wieder mit verschiedenen Formen des öffentlichen Raums auseinandergesetzt. Beispielsweise mit meinen Projekten In Between Lights (2018) oder M/Taking Space (2017). Zudem haben mich die öffentlichen Diskussionen über die zukünftige Rolle der Religion zu der Frage geführt, wie Religionen sich heute im öffentlichen Raum manifestieren. Das betrifft genauso die Frage nach dem Christentum in säkularen Gesellschaften, wie nach dem (politischen) Islam oder dem Judentum angesichts eines erstarkenden Antisemitismus,. Welche Bedeutung kommt ihnen zu und welche Probleme sind damit verbunden? Welche Potentiale haben sie in einer Gesellschaft, die (scheinbar) immer säkularer wird?

Im interdisziplinären Kunstprojekt EASTERN MUNICH setze ich mich seit zweieinhalb Jahren mit Interkulturalität auseinander, insbesondere mit Interreligiosität in der modernen Stadt. Religion ist für mich eine der stärksten und offensichtlichsten Brücken in interkulturellen Fragestellungen.

Lichtkunst mitten in München

Warum ist gerade Lichtkunst ein gutes Genre, um EASTERN MUNICH zu gestalten?
Als interdisziplinäre Künstlerin ist die Formgebung, also das gewählte Medium wichtig. Letzteres bestimmt wie die Betrachter das Werk wahrnehmen. Welches Material hat es? Welche Optik, Ästhetik, Form? Und vor allem, warum, wie übermittelt es die dahinterstehende Idee? Zum anderen ist das Medium Licht etwas durchlässiges, ungreifbares, was mich an dem Medium Licht sehr fasziniert.

Sie arbeiten gemeinsam mit Michael Reder an dieser Intervention. Wie sind Sie auf die Zusammenarbeit gekommen?
Ich arbeite seit vielen Jahren mit der whiteBOX, einer Kultur- und Kreativwirtschaft, in München zusammen. Ausgehend von dem sich wandelnden Stadtraum erforscht die whiteBOX in unterschiedlichen Projekten, die Beziehung zwischen Mensch und Raum im individuellen, aber auch gesellschaftlichen Kontexten. Deshalb überlegten Frau Dr. Taubenberger, Geschäftsführerin und künstlerische Gesamtleitung der whiteBox, und ich, wie wir unser Projekt interdisziplinär an die lokale Stadtgesellschaft andocken könnten.

Mir erschien eine philosophische Herangehensweise, die sich mit der Bedeutung von Religion in modernen Gesellschaften auseinandersetzt, besonders bereichernd. Denn Kunst und Philosophie haben sich gerade in dieser Hinsicht viel zu sagen. Frau Dr. Taubenberger empfahl mir deshalb die Hochschule für Philosophie in München. In meiner Recherche bin ich dann auf Michael Reder gestoßen, dessen Arbeit an vielen Punkten Reibungsflächen und Schnittstellen zu meiner künstlerischen Arbeit erkennen ließ. Er ist Professor für Praktische Philosophie in München an der Hochschule für Philosophie und setzt sich seit vielen Jahren mit der öffentlichen Rolle von Religion in einer säkularen und gleichzeitig globalisierten Gesellschaft auseinander. 

Warum verwirklichen Sie dieses Projekt ausgerechnet in München auf dem Wittelsbacher Platz?
München erschien mir inhaltlich von Anfang an ein sehr guter Ort für dieses Thema zu sein, denn die Stadt ist durch zahlreiche Sakralbauten geprägt. Außerdem gibt es hier bereits Ansätze eines offenen Diskurs zwischen den Religionsgemeinschaften. Der Wittelsbacher Platz befindet sich in unmittelbarer Nähe zum Odeonsplatz, einem zentralen Ort, der zudem Startpunkt der Langen Nacht der Münchner Museen ist. Das mittig platzierte Reiterstandbild von Maximilian I. ist außerdem ein Kontrapunkt zu den Themen von EASTERN MUNICH. Das soll Reflexion und Diskussion bei den Besuchern anregen. Als absolutistischer Herrscher innerhalb der Gegenreformation hatte Maximilian I. eine sehr ambivalente Rolle in Bezug auf kulturell-religiöse Vielfalt. EASTERN MUNICH möchte diese Haltung aufbrechen und dem eine alternative Perspektive auf kulturell-religiöse Pluralität buchstäblich bildlich gegenüberstellen.

Wie wollen Sie das erreichen?
Den Kern des interdisziplinären Projekts bildet eine öffentlich zugängliche, einem Erlebnis-Spaziergang ähnliche, Kunstinstallation. Die projizierten Lichtinstallationen im öffentlichen Raum sollen Berührungsängste mit sensiblen Themen, wie eben verschiedene Religionen und Kulturen, abbauen. Dazu machen wir mehr als 100 Grundrisse sakraler Räumlichkeiten von christlichen, jüdischen und muslimischen Gemeinschaften seit Münchens Stadtgründung 1158 als Projektionen auf dem Wittelsbacher Platz sichtbar. Dadurch schaffen wir neue Perspektiven und zeigen sowohl deren Besonderheiten als auch ihre Gemeinsamkeiten. Als weiße Linien leuchten sie im Maßstab 1:1 auf dem Boden des Platzes und den umliegenden Fassaden auf. Die sich überlagernden Projektionen der lebensgroßen Sakralbauten machen die Grundrisse im öffentlichen Raum nicht nur sichtbar, sondern durch ihre Offenlegung auch „betretbar“ und ermöglichen virtuelle Grenzüberschreitungen.

Wenn Licht Grenzen überschreitet

Licht kommt in Kultur und Religionen eine große Rolle zu, inwiefern spielt das bei EASTERN MUNICH eine Rolle?
Im Fall von EASTERN MUNICH ist Licht was ganz besonderes – es hat eine starke assoziative Symbolkraft in vielen Kulturen und Gesellschaften, vor allem im Islam, dem Christentum und dem Judentum.

Warum sind uns andere Religionen immer noch fremd, obwohl wir seit Jahrzehnten Tür an Tür mit ihnen leben?
Genau diese Frage lässt sich mit den Grundrissen der Sakralbauten sehr gut thematisieren. Gläubige gehen meist immer wieder in dasselbe Gotteshaus, obwohl es beispielsweise in München mehrere jeglicher Glaubensrichtung gibt. Religionen leben innerhalb einer Großstadt letztlich nebeneinander, statt miteinander. Gefährliches Halbwissen und verschenktes Potenzial sind die Folge. Bei unseren Recherchen haben wir zum Beispiel festgestellt, dass es allein in München rund 50 Moscheen gibt, viele davon kann man besuchen.

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Fotos Credits: Lia Sáile

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Kategorien: Allgemein, Kultur, und Soziale Innovation
Schlagwörter: Energiekultur, Kultur, Kunst, und Lichtkunst


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