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Beitrag: VISIT-Stipendiatin Yvon Chabrowski: „Bodies in Transition“

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11. Oktober 2019

VISIT-Stipendiatin Yvon Chabrowski: „Bodies in Transition“

Kann man den gesellschaftlichen Wandel im Ruhrgebiet, ausgelöst durch die Beendung des Steinkohleabbaus und die Verlagerung des Fokus auf erneuerbarer Energien, mit Perfomance-Kunst ausdrücken? Unsere VISIT-Stipendiatin Yvon Chabrowski will es mit ihrer Arbeit „Bodies in Transition“ versuchen. Im Interview erzählt sie, wie sie sich die Arbeit vorstellt und warum sie so gut zum VISIT-Stipendium passt.

Frau Chabrowski, der Körper steht im Mittelpunkt Ihrer Arbeit – warum?
Yvon Chabrowski: Ich beschäftige mich mit dem Verhältnis von Körper und Bild. Das heißt, ich will ergründen, welche Bilder sich in unsere Körper einschreiben. Es gibt gesellschaftliche Vorbilder, die sich als Posen oder Haltungen in unseren Körpern manifestieren. Unbewusst wird reproduziert, was wir gelernt haben. Zugleich sehen wir, was wir kennen. Mich interessiert das Verhältnis unserer Körper zu eben diesen Bildern. Wie treten wir in Wechselbeziehung zu den Vorbildern und wie schreiben sich deren Posen in unsere Körper ein?

Das Thema ist für Sie nicht neu…
Nein, diese Fragen beschäftigen mich schon seit Langem. Bereits in meiner frühen Arbeit „Lynndie England I-III“ aus dem Jahr 2006, habe ich Posen der gleichnamigen Soldatin nachgestellt. Sie hat im Gefängnis Abu-Ghuraib im Irak Insassen misshandelt und folterte sie zusätzlich indem sie sich mit ihnen in Überlegenheits-Posen inszenierte und fotografierte. Sie nahm etwa einen Inhaftierten an die Leine und posierte mit ihm für die Kamera. Dieses Foto ging damals um die Welt.

Mich traf dieses Bild wie ein Blitz, weil es an die weltberühmte Aktion von Valie Export und Peter Weibel von 1968 erinnert: Valie Export spaziert dabei mit Peter Weibel an der Leine durch Wien, woraus damals eine explizit feministische Diskussion entstanden ist. Jahre später diesem Foto zu begegnen, wo diese Pose in einer Situation der Folter genutzt wurde, das war für mich ein Initialerlebnis. Wie konnte diese Pose, in der sich ein männlicher und ein weiblicher Körper zueinander ins Verhältnis setzen, so unterschiedliche Rezeptionen finden?

Ihre aktuelle Arbeit heißt „WE HAVE A BODY“, eine Co-Produktion mit den Berliner Uferstudios. Wonach fragt diese Arbeit? Und wie gehen Sie dabei vor?
Die Performance folgt dem Gedanken, dass Posen tatsächlich unsere Haltung und damit auch unser Verhalten zueinander, bestimmen. Als ich damals die Posen von Lynndie England und Valie Export nachgestellt habe, habe ich noch meinen eigenen Körper genutzt. Inzwischen arbeite ich mit Performern, aber auf ähnliche Art und Weise: im ersten Arbeitsschritt stelle ich umfangreiche Bildersammlungen her. In den letzten Monaten habe ich dafür Darstellungen mit Posen aus Kunst, Tanz und Sport, von griechischer Mythologie bis hin zu Werbebildern des Industriezeitalters, und darüber hinaus christlicher Ikonographie und ideologisch vereinnahmter Körperdarstellungen zusammengestellt. Aus dieser sehr umfangreichen Sammlung habe ich fünf unterschiedliche, heterogene Skripte für die Zusammenarbeit mit den fünf Performenden Renen Itzhaki, Jan Rozman, Kareth Schaffer, Martina Garbelli und Nasheeka Nedsreal ausgearbeitet. Während der Arbeit zur Performance haben wir uns gefragt, wie man aus dem bestehenden Posen- und Bewegungs-Repertoire, mit dem wir alle sozialisiert sind, ausbrechen kann – um neu zu denken, neue Bewegungen zu finden, die uns in ein anderes Verhältnis zueinander bringen.

Ihre Arbeit für VISIT beschäftigt sich mit einer spezifischen Kultur und ihren Körperbildern – der des Ruhrgebiets. Warum ausgerechnet das Ruhrgebiet?
Während einer Zugfahrt Anfang diesen Jahres durch das Ruhrgebiet, habe ich verstanden, dass die Energiewende, und damit das Ende des Steinkohleabbaus und die fortschreitende Digitalisierung, unsere Arbeitsprozesse verändert und einen gesellschaftlichen Strukturwandel bedeutet – ähnlich wie während der Industrialisierung. In dieser Region ist der Wandel besonders sichtbar und ich möchte diesen gesellschaftlichen Umbruch untersuchen und herausfinden, wie sich unsere Vorbilder und damit auch unsere Körper verändern.

Energie wird heutzutage zunehmend anders erzeugt, als in den letzten Jahrzehnten. Das hat neue Arbeitsbedingungen und die Bildung neuer Arbeitsstätten zur Folge. Was passiert nun mit den Körpern, die zuvor durch diese Form der Ressourcenschöpfung geprägt wurden? Zu den Menschen, die ihre identitätsbildende Arbeit verloren haben, gehören hauptsächlich männliche Arbeiter. Die Frage ist: Wie können sie sich nun neu konstituieren? Hier geht es auch um ein Konzept von Männlichkeit. Diese Fragen werde ich im Rahmen von VISIT zunächst untersuchen, ich kenne die Antwort noch nicht.  

VISIT befasst sich mit Energie, Transformation und gesellschaftlicher Entwicklung. Wie kamen Sie darauf sich mit dieser Arbeit für das Stipendium zu bewerben?
Ich habe lange überlegt, ob mein Konzept überhaupt zu der Ausschreibung passt. Doch nach einigem Hin und Her war mir klar: eine performative Arbeit mit dem Körper als Ausgangspunkt von Wandel, das passt sogar sehr gut. Denn eine Energiewende bedeutet, dass es bestimmte Körper schlicht nicht mehr braucht. Manche Körperkonzepte haben keine Funktion mehr. Welche Transformationsprozesse bringt das mit sich? Energie bedeutet beides: Woher bekommen wir die Energie, die wir brauchen, und wo schlägt sich die Arbeit, um sie zu erhalten, in den Körpern nieder? Wenn sich Arbeitsprozesse ändern, ändert sich auch die Gesellschaft. Dieser Zeitpunkt bietet die Gelegenheit, gesellschaftliche Strukturen neu aufzubauen, zum Beispiel in Hinsicht auf geschlechtstypische Rollenverteilung. Genau jetzt kann man eine Gesellschaft neu denken.  


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Kategorien: Kultur
Schlagwörter: VISIT, Visit-Künstler, und VISIT-Stipendium


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