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Beitrag: lit.RUHR 2019: Mit „Paulas Reise“ aus der Klima-Filterblase ausbrechen

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4. Oktober 2019

lit.RUHR 2019: Mit „Paulas Reise“ aus der Klima-Filterblase ausbrechen

Jana Steingässer ist Journalistin und Autorin. Gemeinsam mit ihren Kindern und ihrem Mann, er arbeitet als Fotograf und Fotojournalist, reiste sie rund um die Welt. Immer im Blick: Welche Auswirkungen hat der Klimawandel auf die verschiedenen Regionen der Erde und wie gehen die Menschen dort damit um? Auslöser dafür war vor rund elf Jahren eine im Winter eierlegende Henne im Garten von Familie Steingässer. Knapp zehn Jahre später veröffentlicht das Ehepaar das Buch „Paulas Reise oder wie ein Huhn uns zu Klimaschützern machte“, das die Autorin am 11. Oktober im Rahmen der Klasse-Buch-Reihe auf der lit.RUHR 2019 vorstellt. Im Interview erzählt Jana Steingässer, wie Reisen das Weltbild der Familie verändert hat und wie Kinder heutzutage ihre Eltern in Sachen Klimaschutz erziehen. 

Frau Steingässer, diesen Sommer wurde viel darüber gestritten, wie und ob man noch verreisen sollte, wenn man das Klima schützen will. Mit Ihrem Buch bringen Sie Kindern nun den Klimawandel anhand Ihrer zahlreichen Expeditionen ins Ausland näher. Wie passt das zusammen?
Steingässer: Wir haben in der Familie lange darüber diskutiert, ob es überhaupt nötig ist so weit zu reisen, dass wir dafür in den Flieger steigen müssen. Aber uns war schnell klar: Wir wollen zeigen, welche Auswirkungen der Klimawandel in den unterschiedlichen Klimazonen für die dort lebenden Menschen hat. Besonders, wenn sich die Bevölkerungen in den betroffenen Ländern in ganz anderen ökonomischen Umständen befinden. So sind wir zum Beispiel nach Grönland und Südafrika gereist, um zu zeigen, was der Klimawandel für Menschen, die in Armut leben, bedeutet – und vor allem, wie sich ihr Kampf um Ressourcen noch verstärkt.

Wie bringen Sie Kindern solche komplexen Themen näher?
Für Kinder ist der visuelle Aspekt sehr wichtig. Würden wir das alles ohne die vielen Fotos erzählen, würde es nur halb so gut funktionieren. Gerade sehr junge Menschen sind ganz begeistert, wenn sie merken, dass meine Kinder die Menschen in den fremden Ländern getroffen und ihre Geschichten mit eigenen Ohren gehört haben. 

Sie waren mit Ihren Kindern teilweise Monate unterwegs. Wie kam es überhaupt dazu?
Eine unserer Hennen hat im Winter plötzlich angefangen Eier zu legen. Das war sehr skurril. Wir haben daraufhin recherchiert, wie es dazu kommen konnte. Die Daten, die wir gefunden haben, waren furchtbar langweilig. Unsere älteste Tochter Paula war damals zwölf Jahre alt und hatte unzählige Fragen zu dem Thema. Beruflich sind mein Mann und ich viel unterwegs und so reifte die Idee, unsere Kinder zu einigen Orten mitzunehmen und gemeinsam herauszufinden, was der Klimawandel in anderen Ländern bedeutet.

Mit einem Huhn fing alles an: Tochter Paula (r.) hat mit 12 Jahren viele Fragen zum Klimawandel gestellt.


Welches Land hat Sie besonders überrascht?
Grönland war völlig anders, als wir es erwartet hatten. Das hat uns zu denken gegeben. Der Klimawandel ist dort deutlich sichtbar, gerade was die Meereisbedeckung angeht. Deshalb sind wir davon ausgegangen, dass das dort ein viel diskutiertes Thema ist. Doch das Gegenteil war der Fall… Dadurch ist uns bewusst geworden: Man muss es sich leisten können, über Klimawandel, -schutz und -gerechtigkeit nachzudenken. In Grönland stehen stattdessen Probleme wie Alkoholismus und Armut im Fokus. Die Bevölkerung ist froh, wenn sie es schafft, ihren Alltag zu bewältigen. 

Wie geht man dort mit dem fortschreitenden Klimawandel um?
Die Grönländer denken meist gar nicht an die ökologischen Folgen. Stattdessen haben sich viele, mit denen wir gesprochen haben, gefreut, dass durch die nun freiliegenden Bodenschätze zahlreiche Bergbaufirmen nach Grönland kommen. So entstehen Arbeitsplätze und es wird in die Infrastruktur investiert. Wenn wir sie im Gegenzug auf die Folgen für die Umwelt aufmerksam gemacht haben, kam als Reaktion oft die nachvollziehbare Antwort, dass wir dabei vor allem in unserer Filterblase denken. Denn die Perspektive vor Ort ist schlicht eine andere: Grönländer wollen zuerst ihren Kindern Schulen bauen und im Supermarkt einkaufen – so wie wir es können. Da sieht man, dass wir erst einmal über grundlegende Gerechtigkeit nachdenken müssen, bevor wir anderen möglicherweise Vorhaltungen wegen des Klimaschutzes machen. Es geht also darum, die Umwelt zu schützen, aber nicht auf Kosten anderer Völker. 

Und das vermitteln Sie den Kindern mit Ihrem Buch?
Genau. Indem wir die Geschichten der betroffenen Menschen erzählen, machen wir die zahlreichen Auswirkungen des Klimawandels in fremden Regionen viel greifbarer. Das hat auch mit der Frage zu tun, wie Klimawandel kommuniziert wird. Mit trockenen Fakten und Zahlen verbindet man so wenig. Unsere Idee war es daher, die Geschichte aus Paulas Sicht zu erzählen und gleichzeitig viele Dinge zu erklären: Was sind Klima und Wetter? Wie wirkt sich das auf die Wasserversorgung aus? Was bedeutet der Klimawandel für unseren Alltag und den anderer Völker? 

Die Jugend ist inzwischen äußerst aktiv, man denke nur an „Fridays for Future. Was halten Sie von der Bewegung?
Ich finde es grandios, was für ein unglaubliches Bewusstsein für das Thema geschaffen wurde. Die Wissenschaft weist seit Jahrzehnten darauf hin, leider aber mit einem Zehntel dieses Effekts. Man gilt heute nicht mehr als „Ökospinner“, sondern stößt bei Freunden auf Zustimmung. Ich glaube, dass sich ein Schalter umgelegt hat und die Kinder sozusagen anfangen ihre Eltern umzuerziehen. Das merke ich auch bei meinen Lesungen. 

Inwiefern?
Die Kinder hören davon in der Schule, machen sich Gedanken und wollen bei sich zuhause Änderungen vornehmen. Plastikfrei einkaufen, nicht mehr mit dem Flugzeug in den Urlaub fliegen oder sich mit weniger Fleisch ernähren. Viele Eltern sind da erst mal vor den Kopf gestoßen, geben schlussendlich aber doch nach. Kinder werden viel zu oft nicht ernst genommen oder abgetan, das entmutigt sie schnell. Daher ist eines der Ziele unseres Buchs, die Kinder zu motivieren etwas zu ändern und sich von einem einfachen „Nein“ nicht sofort abschrecken zu lassen.

Werden Sie von Ihren Kindern auch umerzogen?
In gewisser Weise ja. Wir nehmen uns als nächstes das Thema Wasser vor und wollen hier das gleiche Prinzip wie für Paulas Reise anwenden. Herumreisen, uns die Zustände in anderen Ländern ansehen und die Erfahrungen der Bevölkerung anhören. Ein besonders wichtiges Ziel dafür ist Israel – da haben unsere beiden ältesten Kinder gestreikt. Sie steigen dem Klima zuliebe nicht mehr in ein Flugzeug. Wir sind zwar trotzdem geflogen, haben die Entscheidung der beiden aber akzeptiert und sie zuhause gelassen. Bei den restlichen Zielen haben wir natürlich wieder darauf geachtet, möglichst klimafreundlich anreisen zu können.

Mehr Informationen rund um das Lesefestival lit.RUHR erfahren Sie auf unserer Projektseite sowie der Veranstaltungsseite.

Fotos © Jens Steingässer

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Kategorien: Bildung
Schlagwörter: Klimaschutz


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