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Beitrag: „Im Licht der Nacht – Die Stadt schläft nie”. Das nächtliche Halbdunkel der Städte als Motor des gesellschaftlichen Wandels.

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1. Oktober 2019

„Im Licht der Nacht – Die Stadt schläft nie”. Das nächtliche Halbdunkel der Städte als Motor des gesellschaftlichen Wandels.

Laute Musik, grelle Neonreklamen und schillernde Nachtschwärmer. Der spätabendliche Spaziergang in einer Großstadt bietet zahlreiche Möglichkeiten der Zerstreuung – so das Klischee in den Köpfen vieler Menschen. Die Kunstinstitution KAI 10 | ARTHENA FOUNDATION hat in Düsseldorf eine Ausstellung konzipiert, die sich mit dem Mythos der Großstadtnacht beschäftigt: „Im Licht der Nacht – Die Stadt schläft nie” läuft vom 25.10.2019 – 9.2.2020 und wird von der innogy Stiftung unterstützt. Die Ausstellung findet in Kooperation mit dem Museum Marta Herford statt, das sich zeitgleich ebenfalls dem zwielichtigen Nachtleben widmet. Im Interview verrät Julia Höner, die künstlerische Direktorin von KAI 10 | ARTHENA FOUNDATION, mehr über die Hintergründe der internationalen Gruppenausstellung. 

Frau Höner, wie ist das Konzept der Ausstellung entstanden?

Höner: Die Stadt bei Nacht ist sicherlich nicht nur für mich ein Sehnsuchtsort, sondern ist auch in der Vorstellung vieler anderer Menschen sehr positiv besetzt. Alles, was der Tag nicht zulässt, ist erlaubt. Manche Menschen genießen das kurzzeitige Vergnügen jenseits alltäglicher Pflichten. Für andere stellt die urbane Nacht eine wirkliche Alternative zu den Normen und Regeln des Alltags dar. Im Schutz des nächtlichen Halbdunkels experimentieren viele Personen mit ihrer Identität und Körperlichkeit. Ich würde sogar so weit gehen, die urbane Nacht als einen Motor historischer Prozesse und gesellschaftlicher Entwicklung zu bezeichnen. 

Können Sie ein Beispiel aus der Ausstellung nennen, das die Nacht als Moment der Entgleisung besonders gut darstellt?

Mitten hinein in die Clubszene Berlins führen uns Jenny Kropp und Alberta Niemann, die unter dem Namen FORT zusammenarbeiten. Hinter der schweren metallisch glänzenden, mit Graffitis besprühten Tür, einer Nachbildung des weltberühmten Clubs Berghain in Berlin, betritt das Publikum in ihrer Installation eine Tanzfläche mit Videoprojektion. Zu sehen sind Kinder, die zu Technomusik tanzen; Bild und Sound laufen in Slowmotion. Die zentrale Erfahrung jeder gelungen Clubnacht ist durch die kurzzeitige Fusion von Sound, flackernden Lichtern, Gerüchen und anderen Körpern erlebbar. Daran erinnert das Video und untergräbt diesen Eindruck gleichzeitig. Dies geschieht durch die verlangsamten Bewegungen und der an diesem Ort deplatziert wirkenden Jugendlichen. 

Künstlerische Direktorin von KAI 10 | ARTHENA FOUNDATION Julia Höner

 

Die Nacht ist ein Motiv, das viele Menschen begeistert. Können Sie auf ein Beispiel aus der Ausstellung eingehen, das dieses Massenphänomen beschreibt?

Wir dürfen uns glücklich schätzen, einige sehr seltene Transparentbilder aus dem 19. Jahrhundert zeigen zu können. Gerade das ausgehende 19. Jahrhundert sehe ich als Geburtsstunde einer spezifischen Nachtkultur. Das Bild des „nächtlichen Flaneurs” steht für den Prototyp des modernen Menschen. Das hat auch mit der umfassenden Elektrifizierung der Metropolen zu tun, die es jedem Bürger ermöglichte, die Nacht nach Belieben zum Tag zu machen. Die Transparentbilder, die auf einer besonderen Lichtführung zwischen Auf- und Durchlicht beruhen, waren damals weit verbreitete Unterhaltungsmedien und illustrieren dieses breite Interesse an der nächtlichen Großstadt, aber auch die wichtige Rolle der urbanen Elektrifizierung. Im Durchlicht offenbaren sie eine funkelnde nächtliche Welt, die all die geheimen Wünsche der Menschen Zerstreuung, Illusion und Konsum als Verheißungen der Moderne verdeutlichen.

Wen und was möchten Sie mit der Ausstellung erreichen?

Grundsätzlich adressieren wir in unseren Ausstellungen das Fachpublikum und gleichermaßen die breite Öffentlichkeit. Deshalb entscheiden wir uns bei unseren Ausstellungen auch häufig für griffige Themen, zu denen viele Menschen eine Beziehung haben. Die Nacht ist ein Thema, das uns sowohl in den Künsten und der Populärkultur, als auch in den klischeehaften Bildern der Werbung ständig begegnet. Einen Großteil unseres Lebens verbringen wir in der Nacht, die wir individuell ganz unterschiedlich erleben. Die Dunkelheit erfahren wir als Zeitraum, in dem wir uns erholen können aber der für manchen auch ekstatische Momente bereithält. Auf die Nacht werden aber seit jeher auch viele Ängste, Gefühle von Bedrohung, das Unheimliche und Lauernde projiziert  – und all das vergegenwärtigt unsere Ausstellung. 

Wie kommt die Querverbindung des Ausstellungstitels „Im Licht der Nacht – Die  Stadt schläft nie” und der innogy Stiftung zustande?

Ich denke, die größten Schnittstellen finden sich dort, wo die Schau die soziale Dimension von Technik und Elektrizität beleuchtet. Neben den Transparentbildern ist auch Andreas Buntes fiktive Filmchronik zur Geschichte der Elektrifizierung zu nennen. Der Film behandelt das elektrische Licht als Metapher für technologische Transformationsprozesse. Emotional aufgeladene Debatten und spektakuläre öffentliche Technik-Inszenierungen begleiten diese technischen Umwälzungen nicht nur im 19. Jahrhundert sondern finden auch heute noch statt und demonstrieren, dass Modernisierungsprozesse nicht nur abstrakt sind sondern ganz konkret Teil der eigenen Lebenswelt werden. 

Das deckt sich mit dem Ziel der innogy Stiftung, die eine gesellschaftliche Diskussion von Technik und Energiewende anregen möchte.

 

 

Foto Credits:

Aufmacher:
Alona Rodeh
DARK AGES 2020, 2019
Installation
Courtesy: the artist and Christine König Galerie,
Vienna © VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Photo: Installation view DARK AGES 2020,
Salzburger Kunstverein, 2019, Ludger Paffrath

Bild der künstlerischen Direktorin der Kai 10| ARTHENA FOUNDATION Julia Höner:
Alexandra Höner

 

 

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Kategorien: Bildung und Kultur
Schlagwörter: Energiekultur, kulturelle Bildung, und Kunst


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