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26. September 2019

Berlin oder Ruhrgebiet – was ist Deutschlands Kulturhauptstadt?

Das zehnte Jubiläum der Kulturhauptstadt Ruhr steht an. RUHR.2010 hat die Region kulturell verändert, hat neue Bühnen und Formate etabliert und Provokationen gewagt – Stichwort „Ruhr-Atoll“ – die heute aktueller sind denn je. Kultur im Ruhrgebiet hieß aufgrund des industriellen Erbes der Region immer auch Energiekultur – seit 2010 umso mehr, weswegen wir als innogy Stiftung das Thema auch seit zehn Jahren bespielen. Zugleich hat der Strukturwandel der Region und seiner Kulturszene im vergangenen Jahrzehnt eine ganz neue Dynamik erlebt: Atomausstieg, Kohleausstieg und #FridaysForFuture sind nur drei der Stichworte.

Einer, der das Ruhrgebiet seit bald 20 Jahren mit einer Mischung aus Nähe und Distanz begleitet, ist der Autor und Dramaturg Thomas Oberender (53). Die Nähe besteht seit mindestens 1999: Damals kam er als leitender Dramaturg ans Schauspielhaus Bochum. Später engagierte er sich bei der Ruhrtriennale und RUHR.2010. Die Distanz resultiert aus Oberenders Verankerung im einzigen deutschen Metropolraum, der es in puncto Größe mit dem Ruhrgebiet aufnehmen kann: der Bundeshauptstadt. Seit neun Jahren leitet er als Intendant die Berliner Festspiele und erlebt auch dort, was Strukturwandel bedeutet. 

Stephan Muschick hat Oberender zum Gespräch getroffen; passenderweise im Gropius Bau-Museum am Potsdamer Platz, wo mit „Durch Mauern gehen“ aktuell eine Sonderschau zu Teilung und Wandel läuft. Ein Gespräch über Kulturhauptstädte – schließlich hatte auch (West-)Berlin den Titel vor 30 Jahren inne –, Energiekultur und die herausfordernde Rolle von Stiftungen. Dazu – verschriftlicht unter unserem Video – Gedanken dazu, was die deutschen Kulturhauptstädte von einer anderen kulturellen Weltstadt lernen können. Nämlich Athen.


Herr Muschick, Herr Oberender – Berlin oder Ruhrgebiet: Wer ist nun die wahre Kulturhauptstadt?

MUSCHICK: Für mich sind sie es beide – und stehen damit für die kulturelle Vielfalt unseres Landes.

OBERENDER: Wenn ich mir frei eine Kulturhauptstadt aussuchen dürfte – und das auf europäischer Ebene, dann würde ich ganz anders denken. Dann wäre es Athen.

MUSCHICK: Athen? Aber nicht wegen der documenta 14 vor zwei Jahren?

OBERENDER: Die von den Athenern kritisierte Kulturbringer-Geste der documenta, die all die lokalen Szenen zunächst erstmal ignoriert hat und erst nach Protesten berücksichtigt hat, war nicht sympathisch. Nein, ich gehe dorthin, weil von dort gerade so viel kommt. Athen ist  nicht nur wegen der günstigen Mieten für immer mehr Künstler attraktiv. Es ist eine andere Atmosphäre dort: Trotz ökonomischer Krise und ihrer katastrophalen Folgeschäden sind bestimmte Verwüstungen in der Mentalität der Mensch noch nicht passiert. Noch ist nicht alles überreguliert und übercodiert. Ich empfinde die Griechen als zueinander und auch zu den Flüchtlingen sehr solidarisch.
Gleichzeitig politisiert sich die Gesellschaft enorm, weil der Ausverkauf der Commons, also dessen, was bis vor kurzem noch der Gesellschaft, dem Staat, den Gemeinden gehörte, aktuell große Ungerechtigkeiten und Härten produziert. Das ähnelt sehr dem, was in Ostdeutschland vor 20 Jahren passiert ist: Die Politik der Treuhand wiederholt sich in Griechenland als Politik der Troika. Die Griechen allerdings reagieren viel stärker als damals die Ostdeutschen. Aus dieser Spannung entsteht in Athen eine Form von kämpferischer, komplexer Reflexion, die über den Kapitalismus und seine modernsten Erscheinungsformen viel wacher und aktivistischer nachdenkt als bei uns, und das ist mir so sehr vorbildlich geworden. 

Kulturdialog im Herzen Berlins: Stephan Muschick (l.) und Thomas Oberender beim Gespräch im Gropius-Bau-Museum

Kulturdialog im Herzen Berlins: Thomas Oberender (l.) und Stephan Muschick beim Gespräch im Gropius-Bau-Museum

MUSCHICK: Auf Athen wäre ich jetzt nicht als erstes gekommen – auch wegen der documenta, deren konzeptioneller Fundamentalkritik ich gar nicht teile. Was mir 2017 in Athen aber sehr in Erinnerung geblieben ist, war ein Graffito „Berlin is the new Athens”. Andersherum würde es im ersten Moment vielleicht stimmiger klingen. Aber vielleicht ist es auch als Auftrag zu verstehen – als Auftrag zum Umdenken.  

Dazu passt, dass das aktuelle Ruhrtriennale-Projekt „Solidarität“ von Barbara Ehnes den Bogen nach Athen schlägt. Es wirft die Frage auf, was wir von gesellschaftlichen Transfomationsprozessen lernen können – auch aus Griechenland.  

OBERENDER: Wir lernen von Athen, dass die Frage des gesellschaftlichen Eigentums, der Commons, extrem wichtig ist für eine Gesellschaft, die zusammen hält, statt sich zu spalten. Wir vertrauen seit den Schröder-Jahren eher dem Markt als dem Staat. Gerade das sozialdemokratische Ruhrgebiet war führend dabei, seine Commons zu verkaufen. Vom Wasserwerk bis zum Nahverkehr und zur Wohnsiedlung. 

„Was kulturell in Athen passiert, das hat mich wach gemacht“

Zwei mit langer Ruhrgebiets-Expertise: Stiftungs-Geschäftsführer Stephan Muschick (l.) und Thomas Oberender, damals Kulturhauptstadt-Mitgestalter, heute Intendant der Berliner Festspiele

Zwei mit langer Ruhrgebiets-Expertise: Stiftungs-Geschäftsführer Stephan Muschick (l.) und Thomas Oberender, damals Kulturhauptstadt-Mitgestalter, heute Intendant der Berliner Festspiele

MUSCHICK: Berlin ebenso, und kauft es nun für viel Geld zurück. 

OBERENDER: Genau, weil wir nach 15 Jahren Neoliberalismus sehen, dass das der falsche Weg war. Das erzeugt eine Art von Wachheit. In Griechenland haben sie jetzt ihre Wälder und Häfen verkauft und in die Athener Altstadt Hochhäuser für AirBnB gebaut. Von Athen geht ein starker Diskurs aus darüber, was Gesellschaft bildet und zusammenhält, was öffentlicher Raum ist. Umso mehr, als dass nun ökologische Fragen und unser Planet insgesamt in den Fokus rücken. „Terrestrische Wende“ nennt das Bruno Latour – das sind Impulse, die immer wichtiger werden. 

MUSCHICK: Aber ist das wirklich eine breite Bewegung? Oder trifft das nur auf eine schmale Avantgarde zu, die der Rest – noch – nicht wirklich wahrnimmt?

„Ein Auftrag zum Umdenken“ – Stephan Muschick über Impulse aus Athen für den deutschen Kulturbetrieb

„Ein Auftrag zum Umdenken“ – Stephan Muschick über Impulse aus Athen für den deutschen Kulturbetrieb

OBERENDER: Die Bewegung wächst, und Künstler tragen viel dazu bei. Eine Initiative hat zum Beispiel geschafft zu verhindern, dass ein großer Hedgefonds eine Shopping Mall in einem Athener Park baut, der exakt dort liegt, wo einst Platon in seinem Garten philosophiert hat. Es gibt junge Kreative, die auf Basis der Blockchain horizontale Entscheidungsprozesse und Finanzierungsmodelle etablieren wollen, schlicht, weil die Öffentlichkeit dort kein Geld mehr hat. Diese Mischung aus Solidarität, Politisierung und autonomen kulturellen Strukturen habe ich sonst nirgendwo gesehen. Das hat mich wach gemacht. 


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Kategorien: Kultur
Schlagwörter: Kultur und Kulturhauptstadt


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