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Beitrag: Gastbeitrag von Harald Welzer: Was ist Energiekultur?

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25. September 2019

Gastbeitrag von Harald Welzer: Was ist Energiekultur?

„Wir können nicht die Probleme des Jahres 2040 bereits im Jahr 2020 lösen.“ Mit diesem in jeder Hinsicht erhellenden Satz kritisierte FDP-Chef Christian Lindner in der zdf heute-Sendung vom 15. September die sich abzeichnenden Maßnahmen der Bundesregierung zum Klimaschutz. Lindner hat es damit geschafft, die Essenz unseres Kulturmodells in 13 Worten zusammenzufassen. Denn diese Essenz besteht im radikalen Sofortismus, und zwar gesellschaftlich wie individuell. Die permanenten Verzögerungen im Betriebsablauf der Klimaschutzpolitik sind ja nicht Ausdruck von Unvermögen der Politik, sondern Ergebnis der Weigerung, auf irgendeinen Nutzen für die Gegenwart zugunsten der Zukunft zu verzichten. Genau deswegen sind die Interessen etwa der Automobilwirtschaft entscheidungsrelevanter als die der nächsten Generation und die Umfragewerte einer jeweiligen Partei handlungsleitender als ihre, nur gelegentlich noch erwähnte, Programmatik. Die FDP ist reine Gegenwart, nichts davor, nichts danach.

Geht alles nicht mehr. Sorry.

Auf der individuellen Ebene haben es die Online-Händler, die Bring- und Lieferservices und die 24/7-Dauerbehelligung mit Reklame geschafft, die Spanne zwischen Bedürfnis und Befriedigung auf nahezu Null zu reduzieren – kaum blinkt ein vages Gefühl des Habenwollens auf, steht der DHL-Mann schon vor der Tür. Die Konsumentin und der Konsument sind auf diese Weise unter mentale Vollbeschäftigung geraten und nähern sich der Existenzform von infantilen Bedürfnisbündeln – dabei war doch, Sigmund Freud zufolge, die Fähigkeit zum Aufschieben von Bedürfnissen gerade das, was die Menschen von den Tieren unterschied. Triebaufschub ist die Wiege aller Kultur, hat er gesagt, nämlich die Möglichkeit, sich über den Zustand des bloßen Naturwesens zu erheben und so sinnreiche Eigenschaften wie Urteilskraft, Weitsicht, Vorausschau und Zukunftsbewusstsein zu entwickeln.

Einen wesentlichen Beitrag zur Kultur des Sofortismus hat die fossile Wirtschaft geleistet, erlaubte sie doch mit einer grenzenlosen Verfügbarkeit von Energie und der als unendlich gedachten Wirtschaftsform des Kapitalismus eine Überschreitung fast aller natürlichen Grenzen. Heute befinden wir uns in der paradoxen Situation, dass in dem Augenblick, indem das Menschheitsideal der Ökonomie nicht mehr nur der homo oeconomicus, sondern der grenzdebile homo infantilis consumens ist, die Natur nicht mehr mitspielt und kühl die Mitteilung sendet: Geht alles nicht mehr. Sorry.

Das Ende des traditionellen Umgangs mit Energie

Aber darin liegt eine Riesenchance: Der Wechsel des Energieregimes von fossil auf erneuerbar macht ja auch wieder klar, dass Energie nicht einfach „da“ ist, sondern unter Nutzung von Ressourcen erzeugt werden muss. Da die Erneuerbaren ihrem Wesen nach dezentral sind, schiebt sich der Umstand, dass Energie „erzeugt“ werden muss, unausweichlich ins tägliche Bewusstsein – und das nun könnte der Anfang einer weit umfassenderen Energiekultur sein. Denn genauso, wie die Energien nicht einfach da sind, so sind ja auch die Smartphones, die Autos und die Kreuzfahrtschiffe nicht „da“, sondern müssen, unter sich immer noch steigernden, Material- und Energieaufwand geschaffen werden. Energiekultur bedeutet in diesem Sinn auch: ein Wissen und ein Bewusstsein darüber, wo die Dinge herkommen – und damit auch die Möglichkeit der Frage, ob man denn das alles wirklich braucht, und zwar sofort?

Das Ende des traditionellen Umgangs mit Energie könnte so auch die Wiederkehr der mündigen Bürgerin und des mündigen Bürgers sein, die sich dem ersten Gebot unserer Gegenwartskultur „Du sollst kaufen!“ nicht fügen, sondern wieder selbst denken und entscheiden, weil sie sich der Voraussetzungen ihres „Da“-Seins bewusst sind. Und damit tut sich ein weites kulturelles Spektrum auf, die Welt ganz neu zu denken: Was und wieviel braucht es für das gute Leben, wie sieht die postfossile und damit postautomobile Stadt der Zukunft aus, wie funktioniert ein hinsichtlich seines Naturverhältnisses aufgeklärter Kapitalismus? Oder einfacher gesagt: Wenn es nicht mehr nur und ausschließlich ums Konsumieren geht, werden die Köpfe wieder frei für die Fortsetzung des Zivilisationsprozesses, für die Entwicklung besserer Verhältnisse zwischen den Menschen und ihrer Natur. Und der durch Christian Lindner so perfekt verkörperte Politiktypus wird nur eine mit Verwunderung zu betrachtende Blüte einer zukunftsvergessenen Phase der Geschichte gewesen sein.


Unser Gastautor Harald Welzer:

Harald Welzer, geboren 1958, ist Direktor von Futurzwei – Stiftung Zukunftsfähigkeit und Professor für Transformationsdesign an der Universität Flensburg. Daneben lehrt er an der Universität St. Gallen. Er hat unter anderem Bücher wie ›Selbst denken‹ (2013), ›Autonomie. Eine Verteidigung‹ (zus. mit Michael Pauen, 2015), ›Die smarte Diktatur. Ein Angriff auf unsere Freiheit‹ (2016) und zuletzt ›Wir sind die Mehrheit. Für eine offene Gesellschaft‹ (2017). Seine Bücher sind in 21 Ländern erschienen.

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Kategorien: Gastbeitrag
Schlagwörter: Harald Welzer und Neue Energiekultur


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