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Beitrag: „Ruhr in Green“ – Wenn Konzerte klimaneutral werden

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26. August 2019

„Ruhr in Green“ – Wenn Konzerte klimaneutral werden

Die Lichter gehen aus, die Scheinwerfer an und auf der Bühne startet endlich das Konzert. Die Menge ist begeistert – aber sind sich die Konzertbesucher eigentlich bewusst, wie viele CO-Emissionen für nur einen Auftritt ausgestoßen werden? Florian Boos, selbst Musiker, schärft mit der von ihm initiierten Konzertreihe „Ruhr in Green“ das Bewusstsein dafür. Die drei geplanten Jazz-Abende in der Stadtbibliothek Essen sind klimaneutral. Was das bedeutet und wie das funktioniert, erzählt Florian Boos im Interview.

Herr Boos, Sie haben die dreiteilige Konzertreihe in der Essener Stadtbibliothek organisiert. Wie kamen Sie auf diese Idee?

FLORIAN BOOS: Als ich vor einigen Jahren das erste Mal in dem Gebäude gewesen bin, hatte ich gleich den Gedanken, dass sich der Raum wunderbar für Konzerte eignen würde. Zudem ist die Lage der Bibliothek am Essener Hauptbahnhof sehr günstig, was die Anreise betrifft, und die Bücherei wird mit Ökostrom betrieben. Diese Aspekte begünstigen so ein klimaneutrales Konzert natürlich. Vorbild für das Ganze war ein ähnliches Projekt des Biologie-Professors Michaels Lakatos in Kaiserslautern.

Ein klimaneutrales Konzert? Was können wir uns darunter vorstellen?

Findet ein Konzert statt, wird eine Menge CO₂ ausgestoßen. Das beginnt bei der Anreise von Musikern und Publikum und endet beim Stromverbrauch der Location. Ein klimaneutrales Konzert setzt an zwei Punkten an. Einerseits sorgen wir dafür, dass die Örtlichkeit gut mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, dem Rad oder auch zu Fuß erreichbar ist. Bei unseren bisherigen Konzerten haben wir eine Umfrage gemacht und es sind tatsächlich erstaunlich viele – gut ein Drittel der Leute – mit dem Rad oder zu Fuß gekommen, knapp ein weiteres Drittel hat sich mit den Öffentlichen auf den Weg zu uns gemacht. Natürlich lässt es sich nicht komplett vermeiden, CO₂ auszustoßen. Hier knüpft Punkt zwei an: Wiederaufforstung. Wir haben mit dem Verein Primaklima ausgerechnet, wie hoch unsere Emissionen ungefähr sind, und je Konzert pflanzen wir 20 bis 30 Bäume. Damit gleichen wir den entstandenen Ausstoß aus. Derzeit kompensieren wir sogar mehr als demnach nötig. 

Trotz Ökostrom: Pro Konzert müssen 20 bis 30 Bäume für den Emissionsausgleich gepflanzt werden

An wen richtet sich die Konzertreihe?

Grundsätzlich ist jeder bei uns willkommen. Vor allem vor dem Hintergrund, dass wir mit den klimaneutralen Konzerten anschließende Diskussionen initiieren möchten. Die Frage „Was ist eigentlich CO₂-Kompensation?“ taucht schließlich auch in anderen Lebensbereichen auf, zum Beispiel beim Reisen oder Einkaufen. Da es sich um Jazzmusik handelt, sprechen wir natürlich vor allem diese Nische an, aber bei den vergangenen Konzerten waren auch viele Menschen zu Besuch, die zuvor noch nie Jazz gehört haben. Von daher denke ich, dass wir mit dem klimatischen Aspekt ebenfalls viele Leute erreichen.

Wie ist das Feedback der bisherigen Besucher?

Überwiegend positiv. Sie begrüßen es, dass man die Themen Musik und Klima miteinander verbindet. Viele waren auch äußerst überrascht, wie viele Bäume wir trotz Ökostrom und zentraler Lage pro Abend pflanzen müssen, um unsere entstandenen Emissionen zu kompensieren. 

Was halten die Künstler von den klimaneutralen Konzerten? 

Die Künstler finden das Konzept sehr gut. Viele von ihnen denken auch in ihrem Alltag an das Thema CO₂-Ausstoß. Einige haben beispielsweise schon Fahrgemeinschaften gebildet – hauptsächlich aber doch eher aus finanziellen Gründen. Als Musiker reist man nun mal viel, das gehört dazu, aber dementsprechend schlecht ist der CO₂-Fußabdruck.

Statt „Ruhr in Green“ bald „NRW in Green“

Dann ist das ein aktuelles Thema in der Musikszene?

Ja, auf jeden Fall. Man könnte sich natürlich überlegen, nicht zu reisen, aber das spräche gegen das Berufsbild. Die Musik verbreitet sich zwar auch über das Internet, aber als Musiker möchte man eben auch live spielen und die Eindrücke direkt vor Ort sammeln. Da sollte man wenigstens anfangen, möglichst klimaneutral anzureisen.

Herr Boos, Sie sind selbst Musiker. Hand aufs Herz, wie halten Sie es mit der Klimaneutralität?

Ehrlicherweise nicht so gut. Zwar bin ich kaum mit dem Auto oder Flugzeug unterwegs, aber ebenso wenig kompensiere ich bisher meine anderweitig ausgestoßenen CO₂-Emissionen. Seit ich mich aber für die Konzertreihe „Ruhr in Green“ damit beschäftige, möchte ich das auch privat stärker verfolgen. Ich habe beispielsweise Infomaterial auf klimafreundlichem Weg an Veranstalter verschickt – inzwischen muss man dafür ja oft nur noch ein Häkchen im Internet setzen. Natürlich kostet das ein paar Euro mehr und vielleicht ist es nur ein Tropfen auf den heißen Stein, aber immerhin ein Anfang.

Am 29. August findet das vorerst letzte „Ruhr in Green“-Konzert statt. Wie geht es danach weiter?

Ich würde das Projekt gerne ausweiten: angefangen mit mehreren Stationen in Essen, dann in ganz Nordrhein-Westfalen und vielleicht sogar bundesweit. Dabei möchte ich weiterhin das bisherige Konzept verfolgen, bei dem wir bekannte Künstler gemeinsam mit regionalen Musikern auftreten lassen. Dadurch wird der Anreise-Aspekt noch mal deutlicher. Und wenn auch der Weg des Publikums etwas weiter ist, entsteht so vielleicht auch ein stärkeres Bewusstsein für den eigenen CO₂-Fußabdruck. 

Weitere Informationen:
Konzert am 29. August um 19:30 Uhr, Eintritt 12 €, ermäßigt 10 €
Details auf der Website der Essener Stadtbibliothek.

Fotos: Lars Wallat, Yuri Ogarkov (Aufmacherbild)

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Kategorien: Kultur und Soziale Innovation
Schlagwörter: Essen, Jazz, Klimaneutral, Klimaschutz, Konzerte, und Umweltschutz


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