Blog

Beitrag: „Erzählte Energie“: wie Einwanderung die Energiewende voranbringt

Sie sind hier: Startseite » „Erzählte Energie“: wie Einwanderung die Energiewende voranbringt

29. Juli 2019

„Erzählte Energie“: wie Einwanderung die Energiewende voranbringt

Die Ausstellung „Energie in Bewegung“ hält, was sie verspricht: Sie erzählt Energiegeschichten. In 19 Porträts zeigen Projektleiterin Dr. Karin Yeşilada und Fotografin Emine Ercihan den historischen Wandel im Ruhrgebiet von der Nachkriegszeit bis in die Gegenwart. Denn bei den Porträtierten handelt es sich einerseits um sogenannte „Gastarbeiter“ im Bergbau, andererseits um deren Nachkommen, die heute im Bereich der Erneuerbaren Energien arbeiten. Die Wanderausstellung bietet also einen neuen Blick auf die Energiewende: lebendige Geschichtsstunden anhand der eingewanderten Menschen im Ruhrgebiet. 

„Die Menschen denken, dass ihre Geschichten nicht erzählenswert sind, dabei ist genau das Gegenteil der Fall“, wundert sich Emine Ercihan. Sie hat die Interviews für die Ausstellung im Rahmen des Projekts „Erzählte Energie“ als Fotografin begleitet. Das Ganze ist für sie nicht einfach irgendein Projekt – es ist auch ihre Lebensgeschichte. Ihr Vater kam einst selbst als damals sogenannter „Gastarbeiter“ aus der Türkei nach Deutschland. Nun ist er in Rente und hat viel zu erzählen. Geschichten, die sich anzuhören lohnen: Wie es war, als er aus der Türkei ausgewandert ist; der Ablauf der gesundheitlichen Prüfungen, bevor er nach Deutschland einreisen durfte; der Moment, als er sich entschied, in Deutschland zu bleiben.

Die junge Generation leistet Aufklärungsarbeit

„Ich wollte mehr Menschen wie meinen Vater treffen und ihre Geschichten hören – auch Menschen aus anderen Ländern, wie Spanien, Italien oder Korea“, erzählt Ercihan. So stieß sie auf das Projekt von Prof. Dr. Sebastian Susteck, Professor für Neugermanistik und Didaktik der Literatur an der Ruhr-Universität Bochum. Gemeinsam mit Dr. Karin Yeşilada, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl Germanistische Fachdidaktik der gleichen Universität, machten sie ehemalige Bergbauarbeiter ausfindig, interviewten sie und dokumentierten ihre Lebensgeschichten. In der Ausstellung finden sich Fotografien, Videos und schriftliche Protokolle der Interviews. 

Doch es sind nicht nur die ehemaligen Bergleute, die das Interesse von Yeşilada und Ercihan weckten. Sie porträtierten auch junge Menschen, deren Eltern ehemalige – oder teils noch aktive – Kumpel sind. Das Ausschlaggebende für die Auswahl der jungen Leute: sie studier(t)en Fächer mit Bezug zu Erneuerbaren Energien. „Es war nicht immer einfach, Interviewpartner zu finden“, sagt Yeşilada, die im Vorfeld systematisch nach entsprechenden Studiengängen und passenden Personen gesucht hatte. Doch letztlich wurden sie fündig.

So betrachtet die Ausstellung „Erzählte Energie“ nicht nur die einzelnen Biografien, sondern auch, wie sich die Energiewende innerhalb der eingewanderten Familien vollzog. „In den Gesprächen haben wir festgestellt, dass die Jungen statt Überzeugungs- eher grundlegende Aufklärungsarbeit betreiben. Der älteren Generation fehlt bisher das Wissen über die Energiewende“, erklärt Karin Yeşilada. „Neugier und Interesse sind aber definitiv da.“

Ebenfalls spürbar: großes Bedauern um das Ende der Bergbau-Ära im Ruhrgebiet. Zwar verstehen die meisten interviewten Bergleute die Notwendigkeit, fürchten jedoch die Folgen des Strukturwandels in der Region. Anders sieht es bei den Jungen aus. Sie setzen alles daran, um Veränderungen zu erreichen, die das Klima besser schützen. Dabei sind sie sich einig, „dass die technische Seite der Energiewende nicht das Problem ist, sondern die politische Umsetzung – und der politische Wille“, fasst Yeşilada zusammen.

Die Ausstellung spiegelt die Familiengeschichte vieler Schüler im Ruhrgebiet wieder 

Sowohl Yeşilada als auch Ercihan sind äußerst zufrieden mit dem Ergebnis ihrer Arbeit. Die Ausstellung zieht nun nicht nur an öffentliche Plätze, sondern vor allem auch in Schulen und Berufskollegs. „Wir wollen mit diesem neuen Narrativ der Energiewende verdeutlichen, dass die zweifache Modernisierung Deutschlands durch Einwanderung und Energiewende auch in der nächsten Generation weiter getragen wird“, erklärt Yeşilada. 

„Energie in Bewegung“ richtet sich neben Studierenden vor allem an Schülerinnen und Schüler. Die Kombination aus Einwanderung und Energiewende ist neu, überraschend und sehr stark in der Realität verwurzelt. Damit entspricht sie den Lebensumständen vieler Schüler im Ruhrgebiet, bestätigen Lehrer und Schulleiter regelmäßig seit Beginn der Ausstellung im Juni 2019. Außerdem zeigt sie, um was es bei der Diskussion um Energiewende und Klimaziele auch gehen sollte: das Schicksal jedes einzelnen. „Es war spannend zu hören, welche Einwanderungs- und Energiegeschichte hinter jedem Menschen steckt – und wie viele es davon zu erzählen gibt“, betont Emine Ercihan. 

Die Orte und Termine der Ausstellung finden Sie auf der projekteigenen Website.

weiterempfehlen

Kategorien: Bildung und Kultur
Schlagwörter: Energiewende und Ruhrgebiet


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Hiermit akzeptiere ich die Datenschutzbedingungen


Verfassen Sie den ersten Kommentar