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Beitrag: Gastbeitrag von Marina Weisband: Die zwei Seiten der Partizipation

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25. Juli 2019

Gastbeitrag von Marina Weisband: Die zwei Seiten der Partizipation

Immer wieder werde ich bei Vorträgen oder im Rahmen von Veranstaltungen gefragt: „Wie können wir in unserer Institution Partizipation verbessern?” Worauf ich meistens die Rückfrage stelle:  „Wozu wollen Sie denn Partizipation?”

Natürlich will man Partizipation. Ob als Betrieb, als Staat, als ehrenamtlicher Verband, als Marke auf Social-Media – alle wollen, dass Menschen sich in ihrer Institution beteiligen. Partizipation ist so positiv besetzt, dass es oft als Selbstzweck gesehen wird. Es ist ein Buzzword geworden. 

Man kann heute halt einfach nichts mehr machen, was nicht „partizipativ” ist. Wenn ich als Stadtverwaltung schön einen Bürgerdialog mache, kann mir zumindest hinterher niemand vorwerfen, dass ich nicht auf die Leute gehört hätte, während ich meine Vorhaben wie geplant durchziehe. 

Die meisten Institutionen, die dringend mehr Partizipation suchen, suchen allerdings eine bestimmte, eingeschränkte Art davon: bestätigende Partizipation. Bestätigende Partizipation ist jede Form von Beteiligung und Engagement, die eine Institution legitimiert und ihre gegebenen Strukturen bestärkt. Das reicht von Anwesenheit bei Versammlungen, über ehrenamtliches Engagement, bis hin zu Wahlen in einer Demokratie. 

Kritische Partizipation kann das Machtgleichgewicht zwischen Akteuren verändern

Wenn nun viele Institutionen behaupten, man wolle ja partizipieren lassen, aber die Leute seien desinteressiert, es komme keiner mehr, das Problem liege auf der Seite derjenigen, die nicht partizipieren wollen – liegt es häufig auch daran, dass sie die zweite Seite der partizipativen Medaille übersehen: kritische Partizipation.  Das ist die Art von Partizipation, die es den Beteiligten tatsächlich erlaubt, die Struktur, die Werte, die Richtung und die Ziele ihrer Institution in Frage zu stellen. Die althergebrachte Arbeitsabläufe oder das Machtgleichgewicht zwischen Akteuren verändern kann. 

Kritische Partizipation kann schwierig sein. Sie stellt die Strukturen der eigenen Institution immer wieder infrage und macht Kopfschmerzen. Sie kann Prozesse verlangsamen, frustrieren, zu Konflikten führen. Sie hat auch klare Grenzen. Wann immer Beteiligung genutzt wird, um die Beteiligungsstruktur an sich zu zerstören, muss sie aufgehalten werden. Wenn zum Beispiel Nationalsozialisten versuchen durch demokratische Prozesse die Demokratie an sich abzuschaffen, dürfen sie damit nicht durchkommen. Ansonsten aber ist kritische Partizipation ein notwendiger Bestandteil echter Partizipation. Das eine ist ohne das andere langfristig nicht denkbar.

Wenn ich nicht wirklich etwas verändern kann, fühle ich mich nicht als Teil des Ganzen 

Denn Partizipation ist Einstellungssache. Sie entspringt vor allem dem Selbstbild der Beteiligten. Sie entsteht dort, wo die sich nicht als Konsumenten, sondern als Gestalter fühlen. Partizipation ist der Unterschied, ob ich meine Tochter morgens beim Kindergarten abgebe und gehe, oder ob ich sehe, dass der Wasserspender aufgefüllt werden muss und das nochmal eben mache. Sie misst sich daran, wie sehr ich mich als Teil des Ganzen fühle. Je mehr das zutrifft, desto mehr Zeit und Arbeit investiere ich. Aber: Wenn ich nicht wirklich etwas verändern kann, fühle ich mich nicht als Teil des Ganzen. Wenn der Kindergarten mir nicht erlaubt, in seinen Abläufen mitzusprechen und sie vielleicht zu verändern, fühle ich mich wahrscheinlich auch weniger zuständig für anfallende Aufgaben. Ohne Möglichkeit zur Kritik keine aufrichtige Unterstützung.

Demokratie basiert auch auf dem gesellschaftlichen Diskurs 

So ist es beispielsweise auch nicht wahr, dass die Wahlbeteiligung unter jungen Menschen zuletzt deshalb vergleichsweise gering war, weil junge Menschen sich nicht für die Probleme dieser Welt interessieren. Es liegt einfach daran, dass Wahlen nicht der Höhepunkt der Demokratie sind. Demokratie basiert auch auf dem gesellschaftlichen Diskurs. Wenn sie nicht das Gefühl haben, von diesem Diskurs angesprochen oder erwünscht zu sein, werden sie wahrscheinlich auch seltener wählen. Zwar wurde überall politisches Engagement junger Menschen gefordert – doch als sie wirklich kritisch gegen Urheberrechtsreformen oder für Klimapolitik auf die Straße gingen, wurden sie von vielen Seiten kritisiert, belächelt oder sogar mit Bußgeldern für „Schuleschwänzen” bedacht. Aber konforme Partizipation ist keine echte Partizipation.

Einige kluge Köpfe allein können die Probleme der Welt nicht mehr lösen 

Wir brauchen jedoch echte Partizipation. Die Probleme der Welt werden immer komplexer. Einige kluge Köpfe allein können sie nicht mehr lösen. Um alle Interessen, die darin mitspielen, abbilden zu können, braucht man die aktive Partizipation aller. Das ist in einem Unternehmen wie einem Krankenhaus der Fall, wo Pflegekräfte dringend mehr Mitsprache in grundlegenden Entscheidungen benötigen, um ihre Arbeit erträglicher zu machen. Es ist weltweit der Fall, wo Zivilgesellschaft mehr Mitsprache benötigt, damit die Infrastruktur des Internets nicht auf Überwachung ausgebaut wird.

Partizipative Strukturen sind essentiell, um Verantwortung auch gesellschaftlich zu nutzen 

Mit den meisten Informationen der Welt in unserer Hand haben alle Menschen mehr Macht und mehr Verantwortung als je zuvor. Partizipative Strukturen sind essentiell, um diese Verantwortung auch gesellschaftlich zu nutzen. Echte Partizipation ist kompliziert, verändert die Kultur und kann schmerzhaft sein. Aber nur so können wir Populismus, Rückzug ins Private und Frust einen Riegel vorschieben. So können wir die Welt gemeinsam gestalten.

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Marina Weisband wurde 1987 in Kiew geboren. Ihre Familie zog 6 Jahre später im Zuge der Regelung für Kontingentflüchtlinge nach Deutschland. Von 2011 bis 2012 war sie politische Geschäftsführerin der Piratenpartei Deutschland. Weisbands politische Schwerpunkte liegen in den Bereichen der Bildung und der Bürgerbeteiligung. In ihrem Buch „Wir nennen es Politik“ schildert sie die Möglichkeiten neuer demokratischer Formen durch Nutzung des Internets.
 Seit 2014 leitet sie bei politik-digital.de ein Projekt zur politischen Bildung und Beteiligung von SchülerInnen an den Angelegenheiten ihrer Schulen.


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Kategorien: Gastbeitrag
Schlagwörter: Engagement, Marina Weisband, Meinung, Mitsprache, Politik, und Zivilgesellschaft


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