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25. Juli 2019

Im Kleinen ganz groß: Darum ist „Energie fürs Quartier“ ein Vorbild für lokale Energiewende-Arbeit

Wie funktioniert Energiewende im eigenen Stadtteil? „Energie fürs Quartier“ (EfQ), das 18-monatige Förderprojekt von dynamis mit Unterstützung der Stiftung Mercator, gibt Antworten. Ein Gespräch über die Erkenntnisse für lokale Projektarbeit mit den Initiatoren Stephan Muschick (innogy Stiftung) und René Mono (100% erneuerbar Stiftung) sowie Klaus Kordowski (Stiftung Mercator):

Wie kam es zu EfQ?

René Mono: Ein Startpunkt war sicher unsere Metastudie bei der 100% erneuerbar Stiftung zu Menschen in der Energiewende. Wir wollten ermitteln, welche Gruppen in der Zivilgesellschaft Umweltpolitik und die Energiewende gestalten. Es hat sich gezeigt, was wir bei Partizipationsprojekten immer wieder sehen: Menschen mit einem gewissen Bildungsstandard und Einkommen sind besonders aktiv. Es sind oft Menschen mittleren Alters, deren Kinder aus dem Haus sind und die überwiegend auf dem Land leben, wo sie mehr Möglichkeiten haben – etwa weil auf dem Dach Platz ist für Solaranlagen.

Das ist bei einem Projekt im Ruhrgebiet ja gerade nicht der Fall …

Mono: Genau, in urbanen Räumen ist es schwieriger, die Energiewende auf so eine Weise mitzugestalten. Ein zentrales Ziel von EfQ war aber ja gerade: Ist es möglich, andere Milieus zu aktivieren als die „üblichen Verdächtigen“, also Gutsituierte mit liberal-ökologischer Weltsicht. Daher sind wir auch bewusst ins Ruhrgebiet gegangen, wo soziologisch betrachtet eine andere Erwartungshaltung besteht.

Klaus Kordowski: Im Ruhrgebiet haben wir vielfach kein gewachsenes bürgerliches Umfeld, zudem große soziale Gefälle und Milieus, die eine vielfältige Gesellschaft bilden, was die Ansprache erschwert. Dazu kommt, dass der Aufbau nach dem Zweiten Weltkrieg unter dem Motto „autogerechte Stadt“ stand – damals war das der Zeitgeist der Zukunftsorientierung. Heute ist das eine Rahmenbedingung, die eine nachhaltige städtische Entwicklung limitiert.

 

 

 

 

Klaus Kordowski arbeitet als Projektmanager bei der Stiftung Mercator. Seine Schwerpunkte: Mobilität, Energie und Klimawandel.

„Wenn wir es hier schaffen, dann gelingt es vermutlich überall“ 

Stephan Muschick: Der Gedanke war: Wenn wir es schaffen, dort Menschen und Initiativen zu identifizieren und erfolgreich zu fördern, dann gelingt es vermutlich überall. 

Kordowski: Für uns besonders spannend war der sehr lokale Ansatz. Als Stiftung arbeiten wir mit einem Fokus auf die Policy-Ebene, wir setzen uns für einen passfähigen politischen Rahmen für die Energiewende ein. Es ist aber offensichtlich, dass ein solche umfassender Transformationsprozess nur dann funktioniert, wenn sich politische Gestaltung und Bottom-up-Bewegungen ergänzen. Das birgt zusätzliches Potenzial. Und Energie fürs Quartier spielt genau auf der Ebene dieser lokalen Akteure.


Was ist „Energie fürs Quartier“?

„EfQ“ ist ein Förderprojekt für soziale Innovatoren, die sich mit den Themen der Energiewende befassen. Das bedeutet, dass interessierte Teams dabei unterstützt werden, ihre eigene Vorstellung einer nachhaltigen Zukunft in ihrem Quartier umzusetzen. Es geht dabei besonders um die Anforderungen im städtischen Raum. Klicken Sie hier um mehr zu erfahren.


Gab es Vorbilder für EfQ?

Mono: Nein, weil es das in der Komplexität noch nicht gab. Daher hat EfQ durchaus unbekanntes Terrain betreten. Es gab auch Bedenken – etwa, weil wir den ausgewählten Projekten 20.000 Euro Förderung gegeben haben und das an sehr wenige Bedingungen geknüpft haben. Aber wir hatten eben die Erwartung, dass das Menschen zu aktiven Handeln für sich und die Gemeinschaft motiviert.

Muschick: Das ist ein guter Beleg, wie wertvoll Stiftungen sind. Wir hatten im Vorfeld mit einigen interessierten Partnern gesprochen: Wirtschaftsförderer, Firmen und Banken, die sich mit Gemeinwohlorientierung positionieren. Gerade der Wirtschaft fehlte aber damals noch der Mut, sich auf so etwas Unbekanntes wie Quartiersentwicklung einzulassen, und daher standen wir am Ende alleine da.

„Scheitern war auch eine Option“ 

Haben Sie eine Vermutung, warum das so war?

Mono: Vielleicht hat die Zieloffenheit manche abgeschreckt: Wir hatten schließlich bewusst gesagt: Scheitern ist auch eine Option und wäre auch eine Erkenntnis.

Kordowski: Private Stiftungen sind ja grundsätzlich in der Lage, solche Investments zu tätigen, die für andere Fördergeber, beispielsweise der Öffentlichen Hand, nicht möglich sind. Und die Niedrigschwelligkeit der Förderung war in EfQ bestimmt ein Erfolgsfaktor. 

EfQ ist jetzt im Sommer zu Ende gegangen. Können Sie schon ein Fazit ziehen?

Kordowski: Bemerkenswert ist, dass alle acht Teams auch nach 18 Monaten weiter an ihren Projekten arbeiten und Zukunftspläne haben. Das hatten wir nicht erwartet, wir haben mit einer gewissen Ausfallquote gerechnet. Zudem sehe ich eine längerfristige Wirkung: Dank EfQ sind zum Teil neue lokale Initiativen entstanden, die sich nun quer durch die Region vernetzen. Ich glaube, dass wir damit einen Wert geschaffen haben, der über die Summe der einzelnen Projekte hinausgeht.

Muschick: Ein wichtiges Fazit ist auch: Niederschwellige Förderung – also ohne superkomplizierte Antragsverfahren – plus finanzieller Vertrauensvorschuss funktioniert. Das haben viele vorher bezweifelt. Der zweite Punkt ist, dass das Quartier, wie immer man es auch dimensioniert, sich als guter Rahmen für erfolgreiche Projekte erweist. Ruhrgebiets-spezifisch kommt noch eine Erkenntnis hinzu: Die Vielfalt der Region ist ein sehr guter Nährboden für Bottom-Up-Projekte. Deswegen sind auch die alten Gießkannen-Fördermodelle im Sinne von „Wir machen jetzt mal alle in Filmindustrie“ überholt.

 

 

 

 

 

Stephan Muschick ist Geschäftsführer der innogy Stiftung und einer der Gründer von dynamis.

Ein zentraler Aspekt bei EfQ war ein individuelles Mentoring. Was haben Sie sich davon versprochen, und wie hat es funktioniert?

Mono: Mentoring-Programme wirken doppelt positiv: zum einen, um die Teilnehmer mit Experten in den Austausch zu bringen; zum anderen, um das Netzwerk zwischen den Teams zu stärken. Gerade letzteres lief erfolgreich: Die Teams haben sich über das Mentoring besser kennengelernt und sogar gemeinsame Projekte entwickelt.

Wie haben Sie das Mentoring organisiert?

Mono: Zunächst konnten die Teams ihre Mentoren selbst auswählen. Das hat für höhere Identifikation gesorgt, als wenn wir ein Pflichtprogramm geschaffen hätten.

Kordowski:Und wir waren sehr flexibel: Statt immer die ganze Runde in vorgefertigte Workshops zu stecken, war das Mentoring von Anfang an individuell ausgerichtet. Zu Beginn haben wir gemeinsame Veranstaltungen angeboten, die das Kennenlernen und die Vernetzung der Teams sicherstellen sollten. Nach Rückmeldung der Teams wurde das Mentoring zunehmend individualisiert und als bedarfsgerechte Coaching-Option angeboten.

Muschick: Flankiert haben wir das Mentoring durch eine zentrale Projektkoordination. Das war wichtig, um dem dezentralen Ganzen Struktur zu geben und trotz allem Bedingungslosen für Feedback und Qualitätssicherung zu sorgen. 

Würden sie mit dem heutigen Wissen EfQ anders angehen?

Mono: Es gab ein paar Hürden, die wir vorher so nicht gesehen haben. Eine davon war eine Art von „Milieu-Befangenheit“. Die Teams haben zu bestimmten gesellschaftlichen Gruppen in ihren Quartieren – aus Sicht der Sinus-Milieus würde man sagen, den Traditionellen oder kleinbürgerlich-Angepassten  – keinen Zugang gefunden, weil die üblichen Argumente für Nachhaltigkeit und Energiewende dort nicht verfangen.

 

 

 

 

René Mono leitet als Geschäftsführender Vorstand die 100% erneuerbar Stiftung und zählt zu den dynamis-Mitgründern

„Das Wo der Kommunikation ist ebenso wichtig wie das Wie“

Was muss man denn tun, um diese Milieus anzusprechen?

Kordowski: Der Ort der Kommunikation ist ganz entscheidend, das hat uns auch die Evaluation des Projekts deutlich gezeigt. Man muss an die Orte zu gehen, wo sich die unterschiedlichen Milieus begegnen. Schulen sind hier sehr wichtig. Oder nehmen Sie das „Fachgeschäft für Stadtwandel“ in Essen-Holsterhausen, eines der EfQ-Projekte. Dort ist ein ein Stadtteil-Raum entstanden, offen für jedermann, der an der nachhaltigen  Zukunft des Viertels mitwirken oder sich informieren will. Dieser Raum ermöglicht Kommunikation zu Nachhaltigkeitsthemen über Milieu-Grenzen hinweg. Insofern ist das Wo der Kommunikation ebenso wichtig wie das Wie.

Muschick: Eine weitere wichtige Erkenntnis: Wir hatten es fast nur mit Ehrenamtlichen zu tun. Deren Engagement war toll, aber mit ihnen allein wird es schwer, solche Projekte langfristig zum Erfolg zu führen. Denn irgendwann stellt sich bei jedem die Frage: Ist das für meine Biografie oder meinen Lebensunterhalt die richtige Beschäftigung? Da sind dann auch die 20.000 Euro Grundförderung nicht ausreichend. 

Wenn wir mehr lokalen Klimaschutz erreichen wollen, müssen wir aus der Ehrenamtlichkeit hineinkommen in eine systematisch und solide finanzierte nachhaltige Transformation …

Kordowski: umso mehr, wenn man wirklich milieu-übergreifend arbeiten will. Die Gutsituierten, beruflich und finanziell Abgesicherten haben eher Ressourcen, sich für die Allgemeinheit zu engagieren. Viele der jungen Engagierten in EfQ finden sich aber in der schwierigen Situation wieder, sich das Ehrenamt in dieser zeitlichen Dimension auf Dauer einfach nicht leisten zu können.


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Kategorien: Soziale Innovation
Schlagwörter: Energie fürs Quartier und Energiewende


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