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Beitrag: Virtual Reality trifft Kunst. 6 Künstler arbeiteten in einer WG auf Zeit an neuen ästhetischen Antworten

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23. Juli 2019

Virtual Reality trifft Kunst. 6 Künstler arbeiteten in einer WG auf Zeit an neuen ästhetischen Antworten

VR kennt man bereits aus Videospielen oder Science-Fiction-Filmen. Doch wie funktioniert VR in der Kunst? Im Rahmen des Projekts Creative_Places förderte die innogy Stiftung ein Experiment: in Gelsenkirchen-Ückendorf lebten und arbeiteten die sechs Künstlerinnen und Künstler Farina Hamann, Daniel Hengst, Clemens Schöll, Vladimir Ilic, Vesela Stanoeva und Frederika Tsai, für eine Woche zusammen in einer WG. Ziel war es, über neue Wege mit und durch VR nachzudenken und Werke für eine gemeinsame Ausstellung zu schaffen. Was die Künstlerinnen und Künstler in diesem Experiment erfahren und welche Klischees sie enttarnt haben, erzählten uns Daniel Hengst und Farina Hamann.

Herr Hengst, bevor Sie in die WG gezogen sind, kannten Sie einander gar nicht, oder?

Daniel Hengst: Das stimmt. Wir haben daher zunächst eine kleine Stadtbesichtigung der Veranstalter bekommen. Nach einer kleinen Kennenlernrunde, haben wir uns zusammengesetzt, viel diskutiert, Ideen gesammelt und Eindrücke ausgetauscht. Am zweiten Tag wussten wir schließlich, welche Ideen wir umsetzen wollen und daran haben wir den Rest der Woche gearbeitet.

Zusammenleben und zusammenarbeiten – Sie haben die Woche ja nonstop miteinander verbracht. Wie harmonisch lief das ab, Frau Hamann?

Farina Hamann: Als wir uns zu Beginn vorgestellt und Ideen gesammelt haben, haben wir bald gemerkt: Bei uns gibt es viele inhaltliche Überschneidungen. So konnten wir uns schnell auf ein gemeinsames Thema einigen. Mich hat überrascht, wie gut wir als Team funktioniert haben. Jegliche Differenzen und Unterschiede in unseren Vorstellungen konnten wir offen in der Gruppe besprechen und konstruktiv und respektvoll lösen.

Hengst: In Europa und speziell in Deutschland ist die VR-Szene nicht besonders groß. Als Kunstschaffende freuen wir uns über die seltene Möglichkeit, auf andere Kunstschaffende aus diesem Bereich zu treffen und miteinander diskutieren oder sogar zusammenarbeiten zu können. Im Kern ging es uns allen um die Frage: Welche Vorstellung hast du von Virtueller Realität und wie passt diese zu meiner oder auch nicht? Und wie verwenden wir diese schon in der Kunst, und wie können wir den vielleicht schon vorhandenen Ausdruck verstärken?

Was hat Sie bei diesem Experiment am meisten überrascht?

Hengst: Tatsächlich haben sich durch die Begegnungen mit den Menschen in Gelsenkirchen, einige Klischees über diese Stadt aufgelöst – etwa über Arbeitslosigkeit und sozial schwache Viertel. Wenn man genauer hinschaut, merkt man: Hier gibt es eine aktive Szene, die sich unter anderen mit neuen technologischen Ästhetiken beschäftigt. Damit meine ich auch die Vielen, die sich an der Stadtentwicklung beteiligen. Diese würde man vielleicht eher von München, Berlin, Köln oder Hamburg erwarten.

Stichwort Kreativität: Seit wann beschäftigen Sie sich mit Virtual Reality?

Hamann: Seit 2015 habe ich mich zunehmend auch mit Virtual Reality und Augmented Reality beschäftigt. Nach einem VR-Workshop an der Uni hab ich gemeinsam mit meiner Kommilitonin Annika Heller Ana Kalypto, das erste VR Projekt der Hochschule, realisiert. Dabei haben wir uns besonders auf die interaktive Nutzung des realen Raums fokussiert, um Besuchern den Zugang zu VR zu vereinfachen.

Hengst: Meine erste konkrete Arbeit, My lonesome Hologram, habe ich 2016 zusammen mit Nina Wesemann von der Hochschule für Film und Fernsehen München gemacht. Aber eigentlich gibt es schon seit 2010 immer wieder Bezüge zu Mixed- und Extended-Reality in meinen Arbeiten. Dort steht aber nicht der technische Aspekt der VR-Brille im Vordergrund, sondern das Thema Virtual Reality an sich.

Was ist denn diese Idee und damit auch das Besondere an VR-Kunst? 

Hamann: Natürlich sind in der VR-Kunst auch Elemente klassischer Kunst vertreten wie Malerei oder Bildhauerei. Aber das Spannende daran ist, dass man interaktiv arbeiten kann und viel näher am Publikum dran ist. Es entsteht eine sehr intime Beziehung zwischen dem Betrachter, dem Künstler und der Arbeit. Denn durch die Brille erlebe ich das Werk und die künstlerische Intention ganz individuell und zugleich sehr intensiv. 

Welches Konzept stand schließlich hinter der Ausstellung?

Hamann: In der Ausstellung „Nichts.®” haben wir uns gefragt: Was ist das Nichts? Wie sieht nichts aus? Aber auch: Welche Potenziale bietet Nichts? Wir haben uns sowohl den Innen- als auch den Außenraum des Ausstellungsraums „c/o“ angeeignet und verschiedene Arbeiten zum Nichts entwickelt. Dabei haben wir nicht nur Virtual und Augmented Reality verwendet, sondern auch mit Video, Sound, Grafik und Performance gearbeitet.

Hengst: Wir haben gemeinsam zum Thema Nichts gearbeitet, weil uns unter anderem die Abwesenheit von Fülle, das Fehlen von (konstruktiver) Struktur oder auch das Ausbleiben von Signalen der (lesbaren) Kommunikation interessiert hat. Gelsenkirchen-Ückendorf hat uns die Augen für diese Frage mit seinen Hinterlassenschaften einer verschwindenden, beziehungsweise verschwundenen Industrie geöffnet. Aber auch mit Menschen und Projekten, die in Zukünftiges investieren und selbstbewusst auf einen positiven Wandel hoffen. Das Nichts erschien uns als Erbe und Gestaltungsaufgabe zugleich. Wie reagieren wir auf Nichts ? Welche Rolle spielt es für Identität und Zugehörigkeit? Was machen wir aus oder mit Nichts? 

Wie haben die Besucher darauf reagiert?

Hamann: Wenn Menschen eine VR-Brille sehen, denken die meisten sofort an Unterhaltung. Dass es sich aber in diesem Fall um Kunst handelt – darauf müssen sie sich erst einmal einlassen. Das ist meiner Meinung nach das Spannende an VR-Kunst. Das haben wir auch in der Ausstellung gemerkt. Einige Leute haben die Brille beispielsweise abgesetzt und gesagt: Das ist langweilig. Kann ich nicht was anderes machen?“ Wir haben gemerkt, dass es insbesondere bei dem Thema Nichts notwendig war, sich langsam auf die VR Erfahrung einzulassen. Wenn man die Brille mit der Erwartung aufsetzt, dass jetzt Action passiert, wie in einem Spiel – dann kann man sich schwieriger auf die künstlerische Arbeit einlassen. Uns war aber auch klar, dass nicht jeder Besucher etwas mit unserer künstlerischen Arbeit anfangen kann.

Was nehmen Sie aus dieser Woche in Bezug auf Ihre künstlerische Arbeit mit? 

Hengst: Ich habe von den anderen Künstlern enorm viel gelernt, besonders wie unterschiedlich man mit Virtual Reality umgehen kann – nicht nur inhaltlich und philosophisch, sondern auch konzeptionell.

Hamann: Ich spüre viel Motivation, mich intensiver mit Themen virtuell auseinander zu setzen. Außerdem hat mir die Woche mit konzentriertem Arbeiten wieder einmal gezeigt, wie wichtig es ist, einfach anzufangen und Dinge auszuprobieren. 


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Kategorien: Kultur
Schlagwörter: Virtual Reality


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