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Beitrag: Mobilitätsforscher Andreas Knie über das Verkehrssystem der Zukunft: „Sie wird nachhaltig, bunt und hoch performant.”

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25. Juni 2019

Mobilitätsforscher Andreas Knie über das Verkehrssystem der Zukunft: „Sie wird nachhaltig, bunt und hoch performant.”

Andreas Knie weiß, an welchen Schrauben man für eine erfolgreiche Verkehrswende noch drehen muss. Als Politikwissenschaftler am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und Hochschullehrer (TU Berlin) gehören die Bereiche Wissenschafts-, Technik- und Mobilitätsforschung nicht erst seit der medialen Trendwende zu seinem Kernportfolio. Und nicht nur das. Um seine Expertise auch in die praxisnahe Forschung und Entwicklung zu übersetzen, gründete Knie im Jahr 2006 außerdem die von den Eigentümern Deutsche Bahn AG, WZB, Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), Siemens und T-Systems getragene InnoZ GmbH zur Untersuchung von Innovationsprozessen im Mobilitätssektor. 

Für unsere Paneldiskussion am 26. Juni in Essen hat er mit uns im Interview über die Verkehrslandschaft der Zukunft, deutsche Mentalität als Innovationsbremse und die nötige Verzahnung von Wasserstoff- und E-Mobilität gesprochen. 

Herr Knie, wie sieht für Sie die Zukunft der Mobilität aus?

ANDREAS KNIE: Die Zukunft der Mobilität wird vielfältig, bunt, nachhaltig und hoch performant. Innerstädtische- sowie Pendler von Außerhalb checken morgens in die Landschaft der Verkehrsmittel ein und abends wieder aus. Zwischenzeitlich wissen Sie gar nicht mehr, was Sie im Einzelfall genutzt haben. Zudem gehört dann keinem Verkehrsteilnehmer noch irgendein Verkehrsmittel. Nutzen statt Besitzen wird die Zukunftsformel sein.

Im aktuell beschlossenen Forschungsbericht des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi) zur Energiewende heißt es beim Thema Verkehrswende: „Erhebliche weitere Anstrengungen sind erforderlich, um so schnell wie möglich eine Trendumkehr einzuleiten.“ Woran hakt es Ihrer Meinung nach am meisten?

Primär hakt es im Moment am fehlenden Vorstellungsvermögen unserer gewählten Politiker, dass sich Menschen tatsächlich ändern können. Sie glauben, dass der Mensch von heute immer noch einen Diesel-Pkw fahren und ihn auch besitzen möchte. Und wenn man ihm den verteuert oder gar wegnimmt, wählt er aus Protest die AfD. Diese Blockaden führen dazu, dass weder CO2-Steuer noch Nahverkehrsabgaben, Handeln mit Zertifikaten oder zonenweise Fahrverbote ausreichend nachhaltige Auswirkungen zur Folge haben. Man hat Angst, die Bürger zu verschrecken. Und in der Folge ändert sich gar nichts.

Glauben Sie, das hat mit der starken Nähe der Politik zur Automobilindustrie zu tun?

Ja, das hat damit zu tun, ist aber nicht die entscheidende Ursache. Die Autoindustrie macht ihr „Lobby-Ding” – und verfolgt damit wirtschaftliche Interessen. Sie versucht den Diesel, solange es eben geht, zu retten. Darum hat sie auch Druck auf die Bundesregierung ausgeübt, um mithilfe eines neuen Bundes-Immissionsschutzgesetzes im Rahmen des europäischen Rechts die Grenzwerte zu frisieren. Und das ist natürlich nicht sehr schön. Das Grundproblem bei der Umsetzung von innovativem Gedankengut ist jedoch die fehlende Fantasie und das mangelnde Vertrauen in die Menschen, nicht die Lobbyarbeit der Autoindustrie.

Thema E-Roller: Die Bürger wollen, die Politik bleibt skeptisch – zumindest was die Zulassung für den Straßenverkehr angeht. Unterschätzen wir hier eine potenzielle Gefahr oder scheut sich die Gesetzgebung vor einer nachhaltigen Alternative? 

Das ist mal wieder eine typisch deutsche Diskussion. Alle anderen bringen erstmal Lösungen auf die Straße und passen diese dann an. Hierzulande diskutiert man erstmal: Was könnte passieren wenn? Wir denken uns die schlimmsten Horrorszenarien aus, ohne irgendwelche Erfahrungen gemacht zu haben. Eine solche Herangehensweise wird in der Zukunft nicht funktionieren. Wir müssen Dinge einfach tun. Natürlich werden die Tretroller nicht die Welt retten. Sie können aber eine gute, nachhaltige Ergänzung sein, mit dem Ziel, den Nahverkehr noch besser und dichter zu machen. Dazu müssen sie aber erstmal auf der Straße fahren dürfen. So würde beispielsweise auch schnell klar werden, dass wir längst eine andere Raumaufteilung für Mobilität, speziell im urbanen Raum, brauchen. Noch immer räumen wir dem parkenden Auto viel zu viel Platz ein. In der Folge ist es vielerorts zu eng für Fahrradfahrer – und für Roller erst recht. Darüber müssen wir neu nachdenken. 

Natürlich werden die Tretroller nicht die Welt retten. Sie können aber eine gute, nachhaltige Ergänzung sein, mit dem Ziel, den Nahverkehr noch besser und dichter zu machen. Dazu müssen sie aber erstmal auf der Straße fahren dürfen.

Sehen Sie die Zukunft der Mobilität in Elektroautos oder im Wasserstoffantrieb? 

Das ist wieder eine schöne deutsche Frage. Bei uns wird immer ausgehend vom Prinzip diskutiert. In der Nano-Mobilität, also in der Mobilität bis 200 oder 300 Kilometer, wird es mittelfristig keine wirkliche Alternative zum Batterie-elektrischen Auto geben. Sobald wir aber von „long distance”, also den wirklich weiten Strecken mit hohem Energieverbrauch, sprechen, muss man auch über Wasserstofffahrzeuge nachdenken. Also sollten Lösungen mit Brennstoffzellen und batteriebetriebene Mobilitätsformen auch gemeinsam betrachtet und kombiniert realisiert werden. Für ein harmonisches Gesamtbild und eine nachhaltige Zukunft der Mobilität ist das essenziell. 

***

Sie sind gerade erst warm geworden und haben nun Lust auf noch mehr Szenarien, Fakten und Expertenmeinungen zum Thema Zukunftsmobilität? Kein Problem! Seien Sie am 26. Juni, 19:00 Uhr, zur Panel-Diskussion im Haus der Technik in Essen dabei und sprechen Sie mit unseren Gästen über die Entwicklung in der Metropole Ruhr. Neben Herrn Prof. Dr. Knie mit dabei: Martin Tönnes, Beigeordneter für den Bereich Planung, Regionalentwicklung, Geoinformation und Raumbeobachtung (Regionalverband Ruhr), Dr. Ute Symanski (Initiative Aufbruch Fahrrad / RADKOMM e.V), Britta Peters (Urbane Künste Ruhr), Moderation: Dr. Stephan Muschick (Geschäftsführer der innogy Stiftung für Energie und Gesellschaft)

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Kategorien: Kultur
Schlagwörter: 2019, andreas knie, e-roller, Energiewende, mobilität, Nachhaltigkeit, panel, ruhr, ruhr ding, TU berlin, Verkehrswende, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und zukunft


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4 Kommentare

  • „Und wenn man ihm den verteuert oder gar wegnimmt, wählt er aus Protest die AfD. “

    Sowas kann nur von einem kommen der noch nie in Nachtschichten arbeitete oder in von Marzahn nach Mitte muss, da fahren nämlich keine Busse mehr nach 22 Uhr.
    Soviuel Arroganz und kein Verständnis für sozial Schwache, die sind nämlich die, die Mobil sein müssen.

  • Sind denn alle Menschen blind? Gibt es denn niemand mehr, der bei klarem Verstand ist. Es will und will nicht in meinen Kopf hinein, dass niemand über die Lösung des Mobilitätsproblems auch nur ansatzweise in die richtige Richtung denkt.
    Das Problem ist die Mobilität selbst. Die Menschen wollen ihr Leben nicht in vollen Zügen oder im Stau verbringen. Mobilität ist der größte Stressfaktor des Menschen. Ob aktiv oder passiv, jeder wird durch Mobilität gesundheitlich, wirtschaftlich oder sonst wie eingeschränkt. Verstehen Sie mich nicht falsch. Mobilität ist und bleibt die Basis der Freiheit. Gerade deshalb soll die Mobilität nicht gequält und geschunden werden.
    Es ist völlig egal womit wir im Stau stehen, in der Warteschleife fliegen, im Zug schwitzen.
    Rauchen, Zucker, Auto alles das gleiche. Wer zwingt den Raucher zum rauchen? Wer zwingt den Übergewichtigen Schokolade zu essen, wer zwingt den Familienvater in die Arbeit zu fahren? Ist die Perfidität jetzt klar?
    Oberstes Ziel muss jede mögliche Vermeidung von Verkehr sein.
    Deshalb fordere ich: Die Arbeit muss zu den Menschen kommen, nicht andersherum.
    Ich fordere infrastrukturell vollständige Lebensbereiche, statt toter Schlafstätten. Dazu gehört auch die gesellschaftlichen Machtverhältnisse in`s Gleichgewicht zu bringen. Welches Parlament hat beschlossen, dass eine Hand voll Automobilhersteller, eine Hand voll Discounter, eine Hand voll Modelabels, ein paar Immobilienkonzerne unser Leben bestimmen? Die Industrie muss der erste Diener der Menschen werden, nicht sich zum Sklaventreiber durch Werbung, Lobbyismus und Manipulation aufspielen.
    Ich wünsche mir, dass die Menschen in Zukunft in einer homogenen Gemeinschaft von Individuen leben.
    Nach Corona werden viele Bürger das Märchen „Geht nicht, Sachzwang, Wirtschaft und BIP“ nicht mehr hinnehmen.

  • Die Meinung des Herrn Leichtlein, die Umstellung auf eine die Umwelt nicht belastende Mobilität, könne nur durch Evolution der Technik un dnicht durch Zwang auf die Bürger gelingen, wird allein schon durch das Verhalten der Käufer neuer Autos in den letzten 5 bis 10 Jahren widerlegt.
    Obwohl seit mindestens 10 Jahren zum Allgemeinwissen gehört, daß die 50 Mio PKW auf unseren Straßen jedenfalls fossil betrieben mit der Bewahrung der Lebensgrundlagen nicht zu vereinbaren sind, wurden noch nie so viele dicke, schnelle, schwere und PS-starke PKW gebaut und gekauft. Wie kann man da für die Zukunft noch auf Freiwilligkeit bauen wollen ?
    Wenn Herr Leichtlein weiter meint, daß es zum Verbrennungsmotor keine Alternative
    gäbe, bleibt nur die eine Option, jedenfalls den privaten PKW-Verkehr einzustellen.
    Wie in „Des Kaisers neue Kleider“ mußte erst ein Kind kommen, um die uns allen längst vertraute, aber ängstlich verschwiegene Verantwortungslosigkeit unserer Wirtschafts- und Lebensweise auszusprechen.
    Von der im Theater eintretende Beschämuing der entlarvten Gesellschaft ist nichts zu sehen, zu hören und zu riechen.
    Die zum Selbstzweck einer sich selbst genügenden Elite degenerierten politischen Parteien einschließlich der Grünen bedürfen dringend einer kräftigen Blutauffrischung, am Besten einen Masseneintritt der Nachdenklichen, um die in allen Parteien zustande gekommene Mehrheit der Karrieristen und der offenen und verdeckten Lobbyisten überstimmen zu können und auch die innerparteiliche Demokratie wieder herzustellen, als dem glaubhaftesten, Beispiel gebenden Einsatz gegen den aufkeimenden, bisher nur mit wohlfeilen Parolen bekämpften Rechtsextremismus.

  • Professor Knie ist Soziologe und lebt als Wohlstandsbürger in einer eigenen Welt. Veränderungen im Verkehr kann nur durch Evolution der Technik und nicht durch Zwang auf die Bürger kommen. Die Vorstellungen solcher Leute helfen der Umwelt überhaupt nicht. Sie verstärken nur den Schadstoffaustoss auf nahe und mittlere Sicht, schränken die Lebensqualität ein und gehen an der Realität vorbei. Ein Elektroauto mit seiner erforderlichen Infrastruktur ist schadstoffintensiver als jeder Verbrenner. Batterieberge, nicht vorhandener Ökostrom, Entsorgung von Unfallfahrzeugen. Für jede Umweltmassnahme muss eine Ökobilanz mit allen Einwirkungen erstellt werden.