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Beitrag: Die Energiewende voranbringen – Teil 5: „Der gesamtgesellschaftliche Dialog fehlt“

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4. April 2019

Die Energiewende voranbringen – Teil 5: „Der gesamtgesellschaftliche Dialog fehlt“

Die Initiative „Think Lab: Energie – Gesellschaft – Wandel“, die wir gemeinsam mit der Stiftung der Deutschen Wirtschaft fördern, neigt sich dem Ende zu. Acht Teams arbeiten seit Sommer 2018 in gemeinnützigen Projekten daran, die Energiewende umzusetzen. Das tun sie vor Ort, denn hier fängt der Wandel an. In unserer Interviewserie stellen wir Ihnen die Projekte vor, die das Think Lab in seiner dritten Runde unterstützt.

Mit dem Projekt Fuelling the Circular Economy: Die Rolle von erneuerbaren Energien in der deutschen Kreislaufwirtschaft“ wollen Tim Cholibois, Magdalena Witty und Marianne Kuhlmann zeigen, dass sich Nachhaltigkeit und Profit nicht ausschließen müssen. Im Interview erklären die drei Master-Absolventen ihren Plan für die deutsche Wirtschaft.

Was ist denn „Circular Economy“?

Tim Cholibois: Der deutsche Begriff wäre Kreislaufwirtschaft. Dabei werden bestehende Materialien und Produkte so lange wie möglich repariert, wiederverwendet und recycelt. Abfälle werden also auf ein Minimum reduziert und die Materialien bleiben so lange wie möglich erhalten. Das ist nicht nur wirtschaftlicher, es schont auch die Umwelt. Dieses Prinzip ist in Deutschland allerdings noch nicht sehr weit verbreitet. Mit unserem Projekt wollen wir dafür sorgen, dass Circular Economy bekannter und die deutsche Wirtschaft nachhaltiger wird.

Wie machen Sie das?

Magdalena Witty: In unserem Auftaktseminar, einer dreitägigen Konferenz im November, informieren wir darüber, wie die Kreislaufwirtschaft praktisch umgesetzt werden kann. Dabei wird es auch um erneuerbare Energien gehen, denn die sind der Motor der Circular Economy.

Marianne Kuhlmann: Anschließend organisieren wir Diskussionsrunden, Vorträge und Besichtigungen verschiedener Unternehmen, um einen Einblick in die aktuellen Modelle zu bekommen. Wir besuchen etwa einen Tagebau in der Lausitz und veranstalten in Berlin eine weitere Konferenz zum Thema erneuerbare Energien. Wir möchten ein Netzwerk schaffen, in dem sich die Menschen engagieren sowie Ideen vorantreiben und umsetzen können.

Sozusagen ein mobiler Think Tank?

Kuhlmann: Genau. Wir bieten eine Plattform, auf der man sich weiterbilden und mit Gleichgesinnten austauschen kann. Unsere Teilnehmer haben viele Ideen, sie sind wirklich ambitioniert und wollen ihren Beitrag leisten. Viele sitzen auch an den relevanten Stellen, beispielsweise in denjenigen Think Tanks und spezialisierten Beratungen, die die Energiewende voranbringen. Oder auch in der Industrie, im Corporate Responsibility Management großer Unternehmen und führenden Unternehmensberatungen. Wir bringen all diese Menschen, die gemeinsam etwas verändern wollen, zusammen, da steckt unglaubliches Potenzial drin.

Magdalena Witty, Marianne Kuhlmann und Tim Cholibois.

 

Das Think Lab setzt sich für die Entwicklung des zukünftigen Energiesystems in Deutschland ein. Wie kann die Energiewende gelingen?

Cholibois: Was fehlt, ist ein gesellschaftlicher Dialog, der sowohl Politik, als auch Wissenschaft, Industrie und die Öffentlichkeit miteinschliesst. Zwischen diesen Gruppen muss ein wirklicher Austausch bewerkstelligt werden, nicht ein bloßes „Von-oben-nach-unten“ Diktieren, wie es im Moment stattfindet. Beispiel Stromtrasse: Es gibt nun einen gesellschaftlichen Dialog, in dem es explizit um die technischen Details der Trassenverlegung geht. Wo wird sie zum Beispiel über- oder unterirdisch verlaufen? Im Idealfall müsste es aber Plattformen geben, die es erlauben, einen gesamtgesellschaftlichen Austausch darüber zu schaffen, wie wir in Deutschland gemeinsam die Energiewende umsetzen können. Wir brauchen einen Sinneswandel.

Witty: Und wir können mit der Circular Economy die Wirtschaft spezifisch ansprechen. Denn ich finde es schade, dass es für die meisten Absolventen nur zwei Szenarien gibt: entweder zu einer NGO, die versucht die Welt zu verändern. Oder in die Wirtschaft, um Geld zu verdienen, wofür man aber auf seine meine Ideale verzichten muss. Wir möchten zeigen, dass das eine das andere nicht ausschließen muss.

Cholibois: Es gibt bereits Projekte, die zeigen, dass das funktioniert. Bei der Kampagne RE100 (Renewable Energy 100, Anmerk. d. Red.) haben sich 130 Unternehmen verpflichtet, in den nächsten Jahren vollständig auf erneuerbare Energien umzustellen. Eines davon ist die US-amerikanische Supermarktkette Walmart. Das Unternehmen hat 2015 neun Millionen Dollar eingespart, nur weil sie effizientere Heizkörper in den Filialen installiert haben. So haben sie auch noch Unmengen CO2 eingespart. Wenn viele Firmen anfangen, zirkuläre Systeme und Kreisläufe zu nutzen, dann kommt etwas ganz Großes ins Rollen. Deswegen setzen wir mit unserem Projekt in der Wirtschaft an. Und in Deutschland ist eindeutig Interesse dafür vorhanden.

Woran merken Sie das?

Kuhlmann: Das Interesse an unseren Exkursionen ist sehr hoch. Wir besuchen demnächst eine Recyclinganlage für Elektronik und Papier. Der Niederlassungsleiter hat uns angeboten, dass er die gesamte Führung organisiert, wenn all seine Trainees an unserem Seminar teilnehmen dürfen. Auch die Sustainability-Managerin von Coca Cola kündigte bei unserer Anfrage an, selbst mit einigen Leuten mitmachen zu wollen.

Wenn das Interesse der Unternehmen da ist, wäre es dann die Aufgabe der Politik, das zu fördern und zu unterstützen?

Witty: Die Politik darf natürlich nicht außen vor bleiben. Wir brauchen Anreize, damit noch mehr Unternehmen Schritte zur Energieumstellung wagen. Die Politik muss den Rahmen schaffen, die Unternehmen müssen die Initiative ergreifen.

Es liegt also noch viel Arbeit vor uns.

Cholibois: Ja, so ist es. Wir befinden uns in einer Umbruchphase. Die Unternehmen haben keine Wahl mehr, denn die Energiewende wird kommen. Ob früher oder später, hängt von der Politik ab. Deswegen ist unser Projekt so wichtig, denn jetzt müssen die Unternehmen Geschäftsmodelle finden, um auch noch in 20 Jahren erfolgreich zu sein.


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Kategorien: Soziale Innovation
Schlagwörter: Think Lab


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