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1. April 2019

Ausstellung „Lust&Rätsel“ im Museum Folkwang

Wenn Kunst einen Ort hat, dann ist es möglicherweise das Museum. Das Bewahren, die Pflege, das zugänglich machen von Kunst ist der Auftrag dieser gesellschaftlich tief verankerten Institution. Mit dem sich stetig wandelnden und erweiternden Kunstbegriff allerdings, sieht sich auch der museale Raum mit neuen Herausforderungen konfrontiert: neue Medien, Konzepte von Flüchtigkeit, sich dem Materiellen und/oder dem Räumlichen entziehende, prozesshafte Werke – längst kein Novum mehr, und dennoch bleiben die Positionen institutionell oft unterrepräsentiert.

Dem liegt, neben vielen weiteren, eine Frage zu Grunde: Wie lässt sich konservieren, was körperlos ist? Isabel Hufschmidt, Kuratorin am Museum Folkwang, sah die Herausforderung dieser Problematik und macht sie nun zum Thema. Am 8. März eröffnete das Museum Folkwang mit Redebeiträgen vom neuen Direktor des Hauses, Peter Gorschlüter, und dem Geschäftsführer der innogy Stiftung für Energie und Gesellschaft, Stefan Muschick, die Sonderausstellung „Lust&Rätsel“ von dem Düsseldorfer Künstler Christian Jendreiko und wagt damit gleich in mehrerer Hinsicht ein Experiment.

„Soundart/Klangkunst ist eine Kunstform, die total unterrepräsentiert ist in Institutionen. Das hat unter anderem damit zu tun: wie präsentiert man das? Was hat das überhaupt für einen Körper, den wir präsentieren können? Und wie machen wir das? Und: Wenn wir so etwas in die Institution herein holen, wie konservieren wir das? Es kommen viele Aspekte und Problematiken zusammen, auch die Vermittlung an das Publikum, das an Soundart und Klangkunst im Grunde gar nicht gewohnt ist. (…) Mit Lust&Rätsel haben wir exemplarisch die Chance, eben solche Fragen mal anzugehen“, so Hufschmidt. Doch es ist nicht nur eine Frage der Präsentation, es geht der Kuratorin um mehr: neben der Ausstellung von „Lust&Rätsel“ hat sie mit Christian Jendreiko ein Symposium initiiert, das der Kunstform Soundart eine diskursive Plattform bieten soll. Dabei soll ein reger Austausch darüber entstehen, wie mit solchen Fragen, aber auch mit Begriffen und verschiedenen Positionen der Klangkunst umgegangen werden kann.

Ein Experiment auch der Ort der Ausstellung von „Lust&Rätsel“:

In einem wenig frequentierten Teil des Museums, der Übergang zwischen Alt- und Neubau, tummeln sich an diesem Eröffnungsabend Gäste, langjährige Weggefährten und interessierte Besucher*innen des Hauses zwischen Mineralien, E-Gitarren, CD-Playern, Synthesizern und Lautsprechern und lauschen dem – ja was eigentlich? Soundpiece? Klanginstallation? Arrangement? Collage?

Dass es mit den Begrifflichkeiten schwierig ist, darauf weisen Jendreiko und Hufschmidt entschieden und mehrfach hin. „Lust&Rätsel“ sei weder Soundpiece noch Installation, der operative Begriff der Stunde lautet: Generative Assemblage.

Zum Video: Christian Jendreiko und Isabel Hufschmidt im Interview

Das Werk ist Prozess. Seit 2003 arbeitet Christian Jendreiko daran, wobei es sich in Klang, Material und Präsentation stetig entwickelt, baut, verschiebt. Maßgeblich beteiligt daran ist der Zufall, die Arbeit eine Spielart des Zufalls. „Lust&Rätsel“, das nun erstmals über die Ausstellungsdauer von drei Monaten in seiner Gesamtheit zu erleben ist, lässt sich lesen wie ein organischer Prozessor, der, wie Jendreiko es selbst bezeichnet, korallenartig wächst, dessen Walrufe durch die weiten Flure des Museums hallen. Die Kontrolle des Künstlers ist sichtbar, doch geht es genau um das Spiel mit dem Verlust eben dieser. Denn im Verborgenen wirken weitere Akteure: der Sucher des CD-Players findet nicht auf Anhieb seinen Ort, die geladenen Gäste der Aktionen, drei von ihnen sollen während der Ausstellungsdauer insgesamt stattfinden, bieten ihrerseits Erweiterungen der Assemblage an, die aufgezeichnet und möglicherweise wiederum ins System eingespeist werden, und nicht zuletzt die Wahrnehmung der Museumsbesucher*innen, deren Rezeption fast ganz und gar als innerer Prozess vorgehen muss.

Denn „Lust&Rätsel“ passiert gleichzeitig, die Flüchtigkeit lässt keine Fluchtpunkte zu, an denen sich die Besucher*innen entlang hangeln könnten. Was eben noch durch die Ohrmuschel rauschte ist im gleichen Moment bereits verhallt, und wer versucht, mit Worten einzufangen und zu verhandeln, was geschieht, ringt unweigerlich um Begriffe. Die Abstraktion ist eine Einladung Jendreikos zu einem Zwiegespräch zwischen Werk und Wahrnehmung, die ihre eigenen Skalen und Parameter auf den vor ihr liegenden Apparat anwenden muss.

 

Hier liegt es, das Spannungsfeld, Kraftfeld, wie der Künstler sagt, ein energetischer Kreislauf des Lesens und Generierens. Zwischen Kontrolle und Kontrollverlust, zwischen Konkretem und Abstraktion, zwischen Haptik und Flüchtigkeit, Zwischenstand und Abgeschlossenem. Was sich an die Rezeption der Arbeit anschließt ist die Frage nach dem Umgang mit schwindenden Ressourcen, nach der Halbwertszeit von Speichermedien, nach der Generierung und Steuerbarkeit des Zufalls – Fragen, die auch nach Verlassen des Hauses noch lange nachklingen.

„Lust&Rätsel“ wurde gefördert von der innogy Stiftung für Energie und Gesellschaft und ist noch bis zum 26. Mai 2019 geöffnet. Die Besucher*innen sind ausdrücklich dazu eingeladen, die Ausstellung mehrfach zu besuchen – um sie wachsen zu sehen und zu hören, die Koralle.

Aktionen

Sa, 30. und So, 31. März 2019, 13 bis 17 Uhr:
Das Zeugnis

Sa, 4. und So, 5. Mai 2019, 13 bis 17 Uhr:
Das Verlangen, das Verirren, das Verschwinden

Sa, 25. und So, 26. Mai 2019, 13 bis 17 Uhr:
Der schmutzige Mensch

Fr, 24. Mai 2019:
Can You Hear Me Knocking?
Ein internationales Symposium zum Klang in der Kunst

 

Fotos: Christian Jendreiko, Installationsansicht im Museum Folkwang „Lust und Rätsel“, 2019, Courtesy Christian Jendreiko, Foto: Jens Nober, 2019

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Kategorien: Kultur


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