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Beitrag: Gastbeitrag von Marina Weisband: Sie dürfen mich nicht nach Heimat fragen

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28. März 2019

Gastbeitrag von Marina Weisband: Sie dürfen mich nicht nach Heimat fragen

Ich bin einer der Menschen, die, gefragt nach Heimat, mit Stirnrunzeln, aufgepusteten Wangen und gequälten Lauten reagieren. Keine Frage ist für mich so kompliziert, wie die Frage, was meine Heimat sei.

Das Land meiner Geburt – die Sowjetunion – gibt es nicht mehr. Sie lebte eine Weile nach unserer Migration nach Deutschland noch in unserem Dreizimmer-Haushalt fort, während sich in der Ukraine längst ein neuer Staat formte. Wenn man Heimat definiert als den Ort der Kindheit, ist es für mich wohl diese mobile sowjetische Enklave gewesen.
Der Ort um sie herum – Wuppertal – ist mir als Heimat nie ans Herz gewachsen. Zwar habe ich dort die Zeit bis zu meinem Abitur verbracht; doch warm geworden bin ich mit dieser Stadt der vergehenden Industrie und zersplitterten Zentren nie.

Heimat ist, was man sich baut

In meiner Jugend bin ich ihrem Regen, ihren steilen Hügeln und ihrem Busverkehr immer gern entwichen. Ins Internet. Genauer gab es einen Channel im Chatnetzwerk IRC, in dem ich mein persönliches Wohnzimmer verortete. Es war ein Ort der Geborgenheit, wo ich Menschen fand, denen ich seelisch ähnlich war und die sich immer freuten, mich zu sehen.
Wir kannten uns über gemeinsame Interessen, aber wir wohnten über die gesamte Bundesrepublik – und darüber hinaus – verteilt. Hier habe ich meine erste große Liebe kennengelernt, mit der ich immerhin zwei Jahre zusammen war und die ich geliebt habe, wie eine 15-Jährige nur lieben konnte. Es war ein Ort ungerührt von den pubertären Sorgen von coolen Klamotten (ich kleidete mich zu jener Zeit immer noch größtenteils von gespendeten Sachen), von physischer Attraktivität oder Alkoholkonsum. Eine Heimat des Geistes. Vielleicht stritt und streite ich auch deshalb mit solcher Energie für netzpolitische Themen. Ich begreife das Netz als realen Raum, in dem Menschen sich real begegnen können. Noch immer erfüllt es für mich diese Funktion.

Der erste Ort, an dem ich mich physisch wohl gefühlt habe, war Münster, wohin ich 2006 mit 18 Jahren zum Studium gezogen bin. Hier entwickelte sich ein erster großer Freundeskreis von lokalen Leuten, die meine Interessen teilten. Hier ging ich erstmals in die Synagoge. Hier lernte ich meinen heutigen Ehemann kennen, hier entstand meine Familie. Von Münster aus operiere ich bundesweit politisch. Und bin ehrlich gesagt froh, nach einer Woche anstrengender und neurotischer Berliner Politik in diesen beschaulichen, heiteren und gepflegten Ort zurück zu kehren. Mein Leben in Münster ist, was ich mir gebaut habe. Hier erst habe ich auch angefangen, mich für lokalpolitische Anliegen zu interessieren, die ich vorher mit einer gewissen Arroganz belächelt hatte. Heimat ist, was man sich baut.

Der Begriff „Heimat“ ist ein seltsames Konstrukt

Der Begriff löst in mir nicht nur eine Art der Irritation aus. Er ist in meinem Kopf unlösbar verknüpft mit Menschen, die ihn als Waffe benutzen. Gegen geflüchtete Immigranten wie mich. Oder gegen Muslime. Oder dunkelhäutige Menschen. Sie wollen ihre Heimat – was auch immer das ist – verteidigen. Dabei ist es wichtig festzustellen, dass diese Heimat, von der da gesprochen wird – eine irgendwie geartete deutsche Kultur ohne Immigration – ein Phantasiekonstrukt ist. Es ist eine erdachte Legitimation, sich gegen „das Andere“ oder „das Unbekannte“ zu wehren. Um Menschen zu marginalisieren und auszugrenzen.

Sollte man als Bürger versuchen, den Begriff Heimat zurück zu erobern, ihn nicht den Demagogen zu überlassen? Ich bin skeptisch. Der Begriff ist geschichtsbeladen, er ist ein seltsames Konstrukt, das keine richtige Realität abbildet und seine eigenen Schranken nicht beschreibt. Meine ich meine Stadt, meine Region, meinen Nationalstaat? Meine ich Europa? In jedem Kontext spielt der Begriff eine völlig andere Rolle, aber überall ist er aufgeladen mit einem demagogischen Pathos. Ich bin dahingehend ein Pragmatiker und lobe mir Leute wie Simon Weiß. Als der gefragt wurde, „Was halten Sie von Deutschland?“, antwortete er: „Ich weiß nicht. Alle meine Sachen stehen hier.“

Der Ort, an dem Demokratie entsteht

Hier ist mein Verständnis: Der Kampf um die „Heimat“ ist der Kampf um die Deutungshoheit über ein Konstrukt von Wohlstand, Kultur und Werten, die von anderen Menschen geschaffen und ausgehandelt worden sind. Es ist im eigentlichen Sinne inhaltsleer, bis wir es selbst mit Bedeutung füllen. Ich sehe im Moment, wie Nationalstaaten an Bedeutung verlieren und wie die Kommune im Gegenzug an Bedeutung gewinnt. Und darin liegt auch etwas Pragmatisches. Berlin hat wahrscheinlich mehr mit London zu tun, als mit Ostbevern. Aber innerhalb der Kommunen brauchen wir in sich wandelnden, unsicheren und populistischen Zeiten mehr denn je einen Zusammenhalt. Lokale Bildungsangebote, lokale Betreuungsangebote, menschliche Begegnungen. Austausch mit Menschen, die nicht so schön vorsortiert sind wie in Chatrooms und Facebookgruppen, sondern die ganze Bandbreite der Gesellschaft. Dies ist der Ort, wo Demokratie entsteht. Dies ist der Ort, wo wir zuerst begreifen, dass wir Verantwortung für uns und andere Tragen. Dass unsere Handlungen einen Ort und eine Umgebung prägen können. Und wir sollten uns alle mehr Gedanken darüber machen, was wir mit unseren Händen verändern, als was unsere Urahnen geprägt haben.


Marina Weisband

© Lars Borges (Marina Weisband, Wir nennen es Politik)

Marina Weisband wurde 1987 in Kiew geboren. Ihre Familie zog 6 Jahre später im Zuge der Regelung für Kontingentflüchtlinge nach Deutschland. Von 2011 bis 2012 war sie politische Geschäftsführerin der Piratenpartei Deutschland. Weisbands politische Schwerpunkte liegen in den Bereichen der Bildung und der Bürgerbeteiligung. In ihrem Buch „Wir nennen es Politik“ schildert sie die Möglichkeiten neuer demokratischer Formen durch Nutzung des Internets.
 Seit 2014 leitet sie bei politik-digital.de ein Projekt zur politischen Bildung und Beteiligung von SchülerInnen an den Angelegenheiten ihrer Schulen.


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Kategorien: Kultur
Schlagwörter: Gastbeitrag


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