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Beitrag: Gastbeitrag von René Mono: Was hat Heimat mit der Energiewende zu tun?

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27. März 2019

Gastbeitrag von René Mono: Was hat Heimat mit der Energiewende zu tun?

Eigentlich hat Energie ziemlich viel mit Heimat zu tun. Jedenfalls, wenn man die romanische Etymologie betrachtet. Lateinisch „focus“ bedeutet zunächst Feuerstätte, zweitens dann Heim. Mit dem französischen Wort „foyer“ verhält es sich ganz genauso. Dort, wo also das Feuer brennt, wo Wärme erzeugt wird, ist Heim, ist wohl auch Heimat. Im Zuge der Elektrifizierung, erst recht dann der Liberalisierung der Energiemärkte ging diese Bedeutung maßgeblich verloren. Wo es hell und warm ist, da mag heute noch das Heim sein. Doch wo die hierfür benötigte Energie herkommt – wer weiß das schon? Nicht zu Unrecht spricht man in Bezug auf den europäischen Energiebinnenmarkt von entgrenzten Märkten. Die Energie ist also heimatlos geworden. Doch mit der Energiewende wird dies wieder anders. Erneuerbare Energien sind „energy from spaces“, sie verzehren Flächen und je weiter sie ausgebaut werden, umso näher rücken sie an die Menschen heran. Das hat positive und negative Implikationen.

Mehr erneuerbare Energien heißt auch mehr Heimatenergie

„Lieber Wind vom Deich als Öl vom Scheich“, reimten schleswig-holsteinische Windmüller. Damit qualifiziert man sich nicht für den Literaturnobelpreis. Aber es reichte allemal, um einen Boom bei Bürger-Windparks auszulösen. Die Motivation dahinter: Wenn Sonne und Wind ubiquitär verfügbare Energieressourcen darstellen, ergibt sich gerade in strukturschwachen Gegenden (also dort, wo viele Flächen verfügbar sind) die Chance, wirtschaftliche Werte zu schaffen. Regionale Wertschöpfung ist also das Zauberwort, und insofern ist die Energiewende ein Förderprogramm für den ländlichen Raum. Sie kann dazu beitragen, dass wirtschaftliche Unterschiede zwischen strukturstarken und strukturschwachen Regionen gemildert werden. In der Fachsprache: Die regionale Kohäsion wird erhöht, und genau dies ist eines der politischen Ziele des von Horst Seehofer geführten Heimatministeriums. Dass es dabei darauf ankommt, wem die Anlagen zur Erzeugung von Strom aus erneuerbaren Energien gehören, ist eines der Spezifika der neuen Energieökonomie. Kommen nämlich die Investoren aus der Region selbst, ist – einer Untersuchung der Universität Kassel zufolge – der Teil der Wertschöpfung, der in der Region bleibt, um ein Achtfaches größer, als wenn die Investoren von außen kommt. Erneuerbare Energien können also Booster für die heimische Wirtschaft sein – auch wenn man bedenkt, wie sehr sie helfen, den Import von Energierohstoffen zu reduzieren. Dies ist nicht unerheblich, denn die Europäische Union ist hier Weltmeister. Über 400 Mrd. Euro fließen jedes Jahr aus Europa in die Welt (und meist in Länder, die nicht unbedingt zu den Musterschülern in Bezug auf Demokratie und Menschenrechte zählen). Mehr erneuerbare Energien heißt also auch: mehr Heimatenergie, und dies ist makroökonomisch mit Sicherheit keine falsche Sache.

Die Menschen müssen selbst entscheiden können

Doch natürlich hat die Medaille eine zweite Seite. Wenn Energie plötzlich in der Heimat erzeugt wird, Windparks aus dem Boden wachsen und damit neue Landschaften entstehen, dann ist das nicht jedermanns Sache. Erneuerbare Energien sind Heimatenergien, aber sie verändern Heimat auch. Denn – das wissen Umweltpsychologien seit langem – konstitutiv für das Heimatempfinden ist das vertraute Landschaftsbild. Und dieses ist verloren, wenn man vom Balkon aus statt auf den Höhenzug am Horizont plötzlich auf einen großen Windpark schaut. „Sie zerstören uns unsere Heimat“, ist deswegen ein vielfach gehörtes Argument aus dem Mund von Windenergiegegnern. Man muss die Bedeutung des Landschaftsbildes für das Heimatempfinden verstehen, um nachvollziehen zu können, warum der Protest gegen Windenergieanlagen von ferne betrachtet manchmal irrationale, fast hysterische Züge annimmt. Heimat ist eben im Kern eine stark subjektiv geprägte Perzeption. Nur wer dies ernst nimmt, wird einen Weg finden, wie die gesellschaftliche Zustimmung zur Energiewende erhalten werden kann. Da erneuerbare Energien heimatrelevant sind, müssen die Menschen selbst die Chance haben zu entscheiden, wie und bis zu welchem Grad sie ihre Heimat verändern sollen und dürfen.

Es wäre töricht, den Begriff Heimat zu tabuisieren

Vor diesem Hintergrund wird klar: Wenn man über eine gelingende Energiewende sprechen möchte, muss man auch über Heimat reden. Es wäre töricht, den Begriff zu tabuisieren. Wie man es auch dreht, die Energiewende ist eine Wende zur Heimat. Das hat viele Vorteile, birgt aber auch seine eigenen Herausforderungen. Hilfreich ist ohne Zweifel, den Begriff „Heimat“ in seiner ganzen Ambivalenz ernst zu nehmen. Ironie – als rhetorische Figur gerne mal verwendet, wenn die Sprache auf Heimat kommt – hilft dabei wenig. Heimat ist schon etwas ernstes, gerade wenn es um Energie geht, und in seiner Komplexität ist der Begriff in Bezug auf die Energiewende noch deutlich zu wenig durchdrungen.


René Mono Heimat Energiewende

 

Dr. René Mono ist seit 2015 geschäftsführender Vorstand der 100 prozent erneuerbar stiftung, deren Geschäftsführer er seit 2011 war. Der promovierte Kommunikationswissenschaftler ist darüber hinaus Vorstand des Bündnis Bürgerenergie (BBEn), Fellow der stiftung neue verantwortung, Vorstandsmitglied der Veolia-Stiftung und sitzt jeweils im Beirat der Bürgerwerke und dem Netzwerk Energiewende Jetzt!. Bis 2011 war er sieben Jahre bei der Agentur Ketchum Pleon, unter anderem in Brüssel.


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Kategorien: Kultur
Schlagwörter: 100 prozent erneuerbar stiftung und Energiewende


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