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20. März 2019

Sorgen Tiny Houses für einen niedrigeren Energie- und Ressourcenverbrauch?

Im Rahmen des e:lab – Bürgerlabor für Energieinnovationen entwickelt das Fraunhofer UMSICHT gemeinsam mit Bürgern ein Tiny House als Experimentierplattform. Wir haben uns mit Jürgen Bertling und Benedikt van Kampen vom Fraunhofer UMSICHT und Anke Bernotat von der Folkwang Universität der Künste den aktuellen Baufortschritt beim Tiny House-Diekmann in Hamm angeschaut. Spätestens ab März 2019 ist das e:lab mit dem Tiny House auf verschiedenen Veranstaltungen im Ruhrgebiet unterwegs, um mit Ihnen zu diskutieren wie man ressourcengerecht, erneuerbar und energiesparend wohnen kann. Den Auftakt macht vom 22. bis 24. März die Baumesse NRW in Dortmund. Das Tiny House dient dabei als Idealtypus, an dem der Diskurs zunächst polarisiert, später zusammengeführt und am Ende in neuen nachhaltigen Lösungen münden soll.

Schaut man sich die Situation in Deutschland einmal etwas genauer anschauen, so hat eine Durchschnittswohnung heute circa 92 Quadratmeter Wohnfläche und beherbergt zwei Personen. Während die Zahl der Haushaltsmitglieder beständig sinkt, steigt die Zahl der Wohnungen und die durchschnittliche Wohnungsgröße seit Jahrzehnten kontinuierlich an. Der spezifische Wohnflächenbedarf pro Person liegt derzeit bei circa 46,5 Quadratmetern. Das Problem dabei: jeder bewohnte Quadratmeter führt zu einem höheren Energieverbrauch, denn die Fläche wird beleuchtet, beheizt, mit Bodenbelag versehen und möbliert. Zudem muss sie gereinigt und instand gehalten werden. Das führt in der Summe wiederum zu einem erhöhtem Energie- und Ressourcenverbrauch und gegebenenfalls auch höheren Schadstoffemissionen. Das Umweltbundesamt und der Sachverständigenrat für Umweltfragen sehen daher im Wohnen einen der wesentlichen Treiber der Flächen-Neuinanspruchnahme.

v.l. Jürgen Bertling (Fraunhofer UMSICHT), Anke Bernotat (Folkwang Universität der Künste), Benedikt van Kampen (Fraunhofer UMSICHT) und Daniela Berglehn (innogy Stiftung).

Tiny House-Fans lieben die romantische Vorstellung

Sind Tiny-Houses eine Lösung? Sicherlich nicht, findet Jürgen Bertling. Würde man die reine Fläche eines Tiny House von circa 15 Quadratmetern zugrunde legen, könne man zwar die Wohnfläche pro Person um gut zwei Drittel reduzieren. „Doch ob die Fläche von 15 Quadratmetern neben dem Wohnen auch für handwerkliche Tätigkeiten, industrielle Produktion und Dienstleistungsangebote genügen würde und ob sich diese Nutzungsarten von Gebäuden grundsätzlich im gleichen Maße wie das Wohnen miniaturisieren lassen, ist wohl mehr als fraglich“, bezweifelt Bertling.

Weiterhin wäre auch zu klären, ob die Tiny Houses ähnlich angeordnet und gruppiert würden, wie man es heute im urbanen Raum von Wohnungen in Mehrfamilien- und Reihenhäusern kennt. Die naturromantischen Vorstellungen vieler „Tiny House-Freunde“ lassen anderes vermuten. Eine Vielzahl von Tiny Houses auf Wiesen und Waldlichtungen, an Flussufern, Hanglagen und vielen anderen Sehnsuchtsorten wären die Folge einer massiven Verbreitung von der Idee zum echten Wohntrend. Die heutige Kulturlandschaft würde von dieser Zersiedelung sicherlich nicht profitieren. „Die gewachsene Infrastruktur mit ihrer Stadt-Land-Dialektik und all ihren Vor- und Nachteilen würde durch eine gigantische – einem Campingplatz ähnelnde – Einheitsflächennutzung ersetzt. Heutige Konzepte zur urbanen Verdichtung oder der Gestaltung attraktiver Zentren, die sich vor allem aus der Idee eines sozialen und kollaborativen Miteinander speisen, wären hinfällig“, erklärt Bertling.

Ein spannendes Projekt: Das Tiny House als Idealtypus des ressourcenbegrenzten und entschleunigten Wohnens.

Tiny House als Zukunftsmodell? Der WDR war zu Gast beim e:lab: Hier geht es zum Video.

Nichtsdestotrotz ist das Tiny House als Idealtypus des ressourcenbegrenzten und entschleunigten Wohnens ein durchaus spannendes Experiment. Wieviel Fläche benötigen wir wirklich? Ist das Leben auf weniger Fläche stressiger oder entspannter? Wie nutzt man Fläche multifunktional ohne die Anpassungsfähigkeit an die verschiedenen Phasen eines menschlichen Lebens zu verlieren? Wie baut man modulare, adaptive Einheiten und integriert diese in größere Kontexte? Wie skaliert unsere individuelle Ressourceninanspruchnahme mit unseren Erwartung hinsichtlich Wohnungsgröße und Gebäudetypus?

Das von der Stiftung geförderte e:lab setzt sich vor allem mit Aspekten zur Energieerzeugung und -nutzung auseinander. Zum Beispiel wird untersucht, welcher Autarkiegrad mit regenerativen Energie erreichbar ist. Dabei wird jedoch nicht nur die Erzeugerseite, sondern auch die Bedarfsseite radikal infrage gestellt. So analysiert das e:lab beispielsweise, ob es überhaupt notwendig ist, Wohnräume auf mehr als 20 Grad aufzuheizen, wenn doch eigentlich nur der Mensch selbst die Wärme benötigt. Auf der Ebene einzelner Haushalte will das e:lab so eine Sektorenkopplung erreichen. Zudem ließe sich das Mikroklima günstig beeinflussen, wenn am Wohnort direkt eine dezentrale Lebensmittelproduktion stattfinden würde. Und der Wärme- und Klimatisierungsbedarf könne anhand der Begrünung von Dächern und Fassaden verringert werden. Das e:lab ist überzeugt davon, dass sich durch die Wahl geeigneter Werkstoffe und klaren Gestaltungsregeln Emissionen verringern lassen und die Rezyklierbarkeit gesteigert werden könne.

Sie haben weitere Ideen, die das e:lab-Team an ihrem Tiny House experimentell untersuchen könnten? Oder möchten Sie einfach nur mal vorbeischauen oder probewohnen? Dann kontaktieren Sie an dieser Stelle das e:lab.

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Kategorien: Soziale Innovation
Schlagwörter: Bürgerlabor für Energieinnovationen


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Eine Reaktion

  • Hallo zusammen,

    ich würde mir das e:lab gerne ansehen, kann aber auf der Homepage keine Kontaktdaten oder anstehende Veranstaltungen finden. Ist das Projekt bereits beendet?

    Grüße

    Hendrik