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13. März 2019

„Die Kunst kann nicht alle Wunden heilen, aber sie kann neue Perspektiven eröffnen“

 

Doppel-Interview: NRW-Kulturministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen und Stephan Muschick zur Ruhrtriennale, zehn Jahre Kulturhauptstadt und die anstehende Ruhr-Konferenz. Unser Geschäftsführer sprach mit der Politikerin in ihrem Düsseldorfer Ministerbüro über Chancen und Herausforderungen für das Ruhrgebiet, über die Gefahren durch rechte politische Strömungen und unnötige Straßenbahn-Prellböcke. Die Fragen stellte der Journalist Timm Rotter.

 

Frau Ministerin, die Kulturhauptstadt RUHR.2010 jährt sich bald zum zehnten Mal. Was ist geblieben?

ISABEL PFEIFFER-POENSGEN: Ich war damals Jury-Vorsitzende bei der Auswahl der Bewerber und erinnere mich noch gut, dass die Leitfrage der Bewerbung, welche Rolle Kunst spielen kann bei der Bewältigung des Strukturwandels, uns als Jury von Beginn an fasziniert hat.
Natürlich ist im Ruhrgebiet noch einiges zu tun. Aber es ist sehr viel passiert: Nehmen Sie den Umbau der Emscher, der ja schon mit der IBA in den 1990ern begann, nehmen Sie die vielen ehemaligen Industriebauten, die heute Industrie-Denkmale sind, weil wir gelernt haben, sie wertzuschätzen. Nehmen Sie die Ruhrtriennale, die Urbanen Künste Ruhr oder die Ruhrkunstmuseen. Die Kunst hat im Ruhrgebiet einen großen Aufbruch erlebt. Sie kann nicht alle Wunden heilen, die ein dermaßen fundamentaler Wandel der Industrielandschaft verursacht. Aber sie kann neue Perspektiven eröffnen und Aufbruchstimmung schaffen.

 

Herr Muschick, das Motto damals hieß ja „Kultur durch Wandel, Wandel durch Kultur“ – wie viel Wandel lässt sich im Rückblick beobachten?

STEPHAN MUSCHICK: Bemerkenswert und neu war auf jeden Fall, dass es gelungen ist, mit RUHR.2010 eine so diverse Region hinter einer von Kultur getragenen Idee zu versammeln. Essen war Bannerträger, aber das gesamte Ruhrgebiet mit 53 Kommunen trug die Idee mit, dazu Unternehmen und Stiftungen. RWE etwa hat damals mehrere Millionen Euro investiert in die Kulturhauptstadt. Das war ein Momentum, das gezeigt hat, wie stark die integrierende Kraft der Kultur ist. Ich stimme Ihnen zu, Frau Ministerin, dass Kultur allein Wunden nicht heilen kann, aber als Leitidee hat sie stark gewirkt. Was man auch daran sieht, dass heute, ohne gemeinsame Mission, der kulturelle Zusammenhalt wieder schwächer wird und Partikularinteressen wieder stärker.

PFEIFFER-POENSGEN: Ich sehe das etwas positiver. Sicher wirken im Ruhrgebiet – durch Kommunalverfassungen und Selbstbewusstsein der Städte – starke partikularistische Kräfte. Die Stadtmauern in den Köpfen existieren noch immer, obwohl es gar keine sichtbaren Stadtgrenzen mehr gibt. Aber die Kulturhauptstadt hat viel bewegt.

Ich finde vor allem bemerkenswert, wie viele Unternehmen und Stiftungen nach wie vor Kultur unterstützen. Das gibt es in vielen anderen Regionen in Deutschland nicht.

 

Interview: NRW-Kulturministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen und Stephan Muschick

Die Manifesta 2024 im Ruhrgebiet? Sowohl NRW-Kulturministerin Pfeiffer-Poensgen als auch innogy Stiftung-Geschäftsführer Muschick befürworten die Idee.

 

„Bemerkenswert, wie viele Unternehmen und Stiftungen im Ruhrgebiet Kultur unterstützen“

 

MUSCHICK: Was Stiftungen angeht, bin ich absolut bei Ihnen. Kultur spielt hier für viele Stiftungen eine ganz wichtige Rolle. Das vor zwei Jahren gegründete Stiftungsnetzwerk Ruhr ist das beste Beispiel und bringt Akteure ganz unterschiedlicher Größe zusammen. Wir tauschen uns über das ganze Ruhrgebiet hinweg aus.

Und was auch stimmt, ist, dass Partikular-Interessen und Kirchturmdenken in anderen Bereichen noch weitaus stärker ausgeprägt sind als in der Kultur und auch weitaus größere Folgen haben. Nehmen Sie die Mobilitätsplanung – das ist ja ein Wahnsinn. Wenn man Metropol-Region sein will, dann darf die Straßenbahn von Essen nach Oberhausen nicht an der Stadtgrenze Essen mit dem Prellbock enden.

PFEIFFER-POENSGEN: Worunter auch der Kulturbereich leidet, denn wir haben eine große Attraktivität von Museen, Theatern und freier Szene – wenn man aber nach dem letzten Vorhang nur noch im Taxi nach Hause kommt, ist das nicht zeitgemäß.

MUSCHICK: Die Urbanen Künste Ruhr versuchen ja jetzt sogar, das Thema Mobilität mit aufs Tapet zu bringen, indem sie Führungen organisieren, die dann mit dem öffentlichen Nahverkehr und per Fahrrad stattfinden.  

PFEIFFER-POENSGEN: Sie sagen es: Es gibt auch außerhalb der Kultur viel zu tun, um Kultur zu stärken.

 

IBA Emscherpark, Ruhr.2010 – jetzt ist wieder ein Jahrzehnt vergangen. Was kommt als nächstes?

MUSCHICK: Was ich spannend fände, wäre, ein Festival wie die Manifesta ins Ruhrgebiet zu holen. 2018 in Palermo waren wir ja schon Unterstützer, nun ist sie 2020 in Marseille, dann eventuell in Kiew – aber 2024, das wäre doch eine Perspektive.

PFEIFFER-POENSGEN: Das klingt definitiv spannend. Ich erinnere mich an die Zeit der Kulturhauptstadt-Bewerbung. Diese profitierte damals stark von der IBA, die schon eine erste Einigungsidee vorgelebt hatte. Ein ähnliches Fundament besteht ja auch heute, so dass wir die Akteure rasch zusammen hätten, um eine Manifesta anzugehen.

 

„Die Manifesta 2024 im Ruhrgebiet, das wäre doch eine Perspektive“

 

Eine Manifesta 2024 wäre also eine Idee, die Ihnen auch gefällt?

PFEIFFER-POENSGEN: Ohne dass wir jetzt im Land schon darüber gesprochen hätten, ist das an sich ein sehr interessantes Format.

MUSCHICK: Vor allem kuratorisch finde ich es für das Ruhrgebiet spannend. Die Manifesta Foundation in den Niederlanden erarbeitet das Konzept kooperativ mit den Menschen vor Ort. Das verbindet Außen- und Innenperspektive und würde uns helfen, die hier im Ruhrgebiet ja sehr beliebte Tendenz zur Nabelschau zu vermeiden.

 

Konkreter als eine Manifesta 2024 ist die Ruhr-Konferenz 2019 mit der Leitfrage, wie ein lebenswertes und wirtschaftlich starkes Ruhrgebiet aussieht. Kultur ist eine Facette, aber wenn man sich das Online-Voting ansieht, bei dem Menschen die für sie wichtigsten Themen wählen können, dann sind das vor allem der Kampf gegen Clan-Kriminalität und bessere Mobilität. Enttäuscht Sie das?

PFEIFFER-POENSGEN: Nein, das kann ich sehr gut verstehen, da es der Lebenswirklichkeit entspricht – auch wenn es kein spezielles Ruhrgebiets-Thema ist. Ich habe lange in Berlin gelebt, da stünde die Clan-Kriminalität sicher auch ganz oben. Wir sollten die Sorgen der Menschen ernst nehmen, ohne aber andere Felder zu ignorieren.

 

Was heißt das für die Kultur?

PFEIFFER-POENSGEN: Wir müssen stärker Künstlerinnen und Künstler fürs Ruhrgebiet interessieren, die woanders keine Heimat mehr finden. Hier gibt es noch günstige Ateliers und ausreichend Flächen, während etwa Berlin ja mittlerweile sehr – um bewusst diesen „Kampfbegriff“ zu nehmen – „durchgentrifiziert“ ist. Um es klar zu sagen: Wir leiden nicht unter zu wenig Künstlerinnen und Künstlern im Ruhrgebiet, aber mich würde es freuen, wenn wir den Zustrom noch verstärkten – gerade mit Blick auf neue Themen wie digitale Entwicklungen in der Kunst.

 

Was können hier Stiftungen beitragen?

MUSCHICK: Auf der einen Seite können sie helfen, Zukunftsthemen zu besetzen. Daher fördern wir als innogy Stiftung auch viele Projekte jenseits der Kultur, die sich den Auswirkungen der Digitalisierung widmen. Auf der anderen Seite können sie als Vernetzer wirken und komplexere Herausforderungen angehen. Dann geht es um Mobilität, um Bildungsarbeit, um die Entwicklung ganzer Quartiere. Stiftungen tun sich vielleicht leichter, ganzheitlich zu denken.

PFEIFFER-POENSGEN: Stiftungen sind ganz wesentlich, wenn gute Ideen entstehen sollen – wie jetzt bei der Ruhr-Konferenz. Öffentliche Apparate stecken nun mal voller Wenns und Abers. Stiftungen können einfach mal etwas ausprobieren und einer Idee zur Realisierung verhelfen. So habe ich Stiftungen auch immer verstanden: Als eine Art Stachel im Fleisch der Öffentlichen Hand nach dem Motto: „Guckt mal, so kann es gehen. Jetzt setzt Euch doch mal in Bewegung.“ Und wenn sich Stiftungen dann noch, wie hier im Ruhrgebiet, vernetzen, werden sie noch wirkungsvoller. Das sollten wir fördern.

„Die Kultur muss die eigene Bedeutung noch stärker nach vorne stellen.“

 

Die Menschen in der Region sehen den Bedarf offenbar weniger, um nochmals die Online-Umfrage zu zitieren. Sie denken nach über Clans und Stau. Ist der Bedarf wirklich da, oder ist es eine Konstruktion von uns Kulturinteressierten?

PFEIFFER-POENSGEN: Der Bedarf ist da – wenn Sie gute Leute ins Ruhrgebiet holen und damit die Region wirtschaftlich entwickeln wollen, gelingt das nicht, wenn Sie isoliert den Nahverkehr verbessern. Da zählt das ganzheitliche Angebot. Das habe ich sehr stark gemerkt in Gesprächen, wo es darum ging, Wissenschaftler für das geplante Max-Planck-Institut für Cybersicherheit und Schutz der Privatsphäre zu gewinnen. Laut Gründerszene hat Bochum bei Cybersec Berlin schon den Rang abgelaufen. Amerikanische oder asiatische Wissenschaftler haben aber keine Vorstellung vom Ruhrgebiet – anders als von Berlin, von München und vielleicht noch von Heidelberg. Und um solch ein Renommee aufzubauen, brauchen Sie auch ein hochwertiges Kulturangebot.

Ich erinnere mich daran, wie der damalige britische CEO der Deutschen Bank gefragt wurde, ob im Rahmen des Brexit nun nicht viele Firmen aus London nach Frankfurt kämen. Dann müsse die Stadt doch bitte zunächst einmal ein paar gute Theater bauen, sagte er. Dieser Zusammenhang ist in vielen Köpfen noch nicht so drin, und deswegen ist es an der Kultur, die eigene Bedeutung noch stärker nach vorne zu stellen.

 

Muss Kultur offensiver werden?

PFEIFFER-POENSGEN: Sie kann es auf jeden Fall. Nur reicht das nicht. Den Bedarf müssen auch die Träger von Kultureinrichtungen verstehen, denn es braucht Vermittlungsarbeit, und die braucht Geld und Manpower. Da ist noch viel Luft nach oben.

Übrigens auch im Vergleich zu anderen Teilen Deutschlands: Wir haben ein starkes Süd-Nord-Gefälle, was die Bedeutung der Kultur angeht. Bayern oder Baden-Württemberg waren traditionell stark höfisch geprägt, samt der Kulturangebote. Die gingen dann vielfach direkt von der höfischen in die Landesverantwortung über, und das Land hat ganz andere Mittel zur Verfügung gestellt. Durch die starke Kommunalisierung hier in NRW sind die Strukturen und auch die Finanzierung ganz andere. Das Land hat genau ein Museum, das es selber trägt, und ein „halbes“ Schauspielhaus in Düsseldorf. Das ist auch eine Chance, was die Vielfalt angeht, verkompliziert aber oft  Finanzierung und Orchestrierung der Interessen.

 

Lassen Sie uns zum Schluss über die Ruhrtriennale sprechen – 2019 ist ein Jahr, wo es gilt, Scherben zusammen zu kehren, nach dem, was 2018 mit dem Ärger um die Ein- und Ausladung der als antisemitisch kritisierten Band „Young Fathers“ passiert ist.

PFEIFFER-POENSGEN Das ist eine zu enge Betrachtung. Die Kommunikation hätte man sich sicher geschickter vorstellen können. Aber unabhängig davon hat es großartige Produktionen gegeben. Meine Erwartung ist natürlich, dass es auch in diesem Jahr künstlerisch so weitergeht. Künstler wie Christoph Marthaler – dessen Arbeiten ich 2018 wirklich sehr beeindruckend fand – sind weiter an Bord. Oder auch Sasha Waltz. Sehr beeindruckend, oder wie sagt man heute: sehr immersiv. Ich bin sicher, dass Frau Carp mit ihrem weltweiten Netzwerk auch dieses Jahr wieder ein exzellentes Programm auf die Beine stellen wird.

 

„Wir müssen beim Thema Antisemitismus – und das schließt eben auch ein deutliches Bekenntnis zum Staat Israel ein – sehr klar sein.“

 

Inwiefern wirft 2018 trotzdem noch einen Schatten?

PFEIFFER-POENSGEN: Das tut es sicher. Aber solche Debatten sind auch extrem schmale Gratwanderungen, die inzwischen viele Veranstalter bewegen. Denn wir wollen ja auch Diskussionen zulassen. Nur haben wir eben in Deutschland eine Geschichte, die uns bei bestimmten Themen äußerst sensibel macht und machen muss. Dennoch sollte es möglich sein, über israelische Politik zu diskutieren. Diese Gratwanderung ist eine Herausforderung. Darauf war die Ruhrtriennale 2018 nicht genügend vorbereitet.

MUSCHICK: Keine Frage, die künstlerischen  Aufgaben hat die Ruhrtriennale 2018 in vielen Produktionen exzellent umgesetzt. Dennoch muss man von einem aus öffentlichen Geldern finanzierten Festival auch eine gesellschaftliche – oder sagen wir: staatsbürgerliche – Verantwortung und Sensibilität erwarten. Unser Engagement als Stiftung haben die Diskussionen der vergangenen Spielzeit überschattet. Es ist doch so: Wir alle in Deutschland müssen beim Thema Antisemitismus – und das schließt eben auch ein deutliches Bekenntnis zum Staat Israel ein – sehr klar sein.

 

Interview: NRW-Kulturministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen und Stephan Muschick
Die Kulturministerin von NRW und innogy Stiftung-Geschäftsführer Stephan Muschick sind sich einig: Stiftungen sind ein wichtiger Bestandteil, um gute Ideen zu finden.

 

Warum hat sich die innogy Stiftung entschieden, Förderer zu bleiben?

MUSCHICK: Wir sind ja irgendwie auch Überzeugungstäter und waren schon mehrere Jahre Förderer der Triennale mit dem Festivalzentrum. Denn wir sind überzeugt von der künstlerischen Qualität des Festivals, das eine Schnittmenge von dem zeigt, was Kunst und Kultur im Ruhrgebiet  bewegen können. Und davon, dass das Festival der richtige Ort ist, um auch gesellschaftspolitische Themen zu verhandeln.

PFEIFFER-POENSGEN: Das unterscheidet auch die Arbeit einer Stiftung vom reinen Sponsoring. Einem Sponsor aus der Industrie geht es um Marketing-Aspekte. Und wenn die Veranstaltung von negativen Schlagzeilen überschattet wird, dann zieht er sich zurück. Eine Stiftung hat noch andere Ambitionen.

MUSCHICK: Das heißt aber auch: Wir müssen genau hinschauen und viel miteinander reden. Das haben wir getan.

Aber Sie sagten es: Es gibt ganz viele Gründe, sich auf die kommende Ruhrtriennale zu freuen, wie Christoph Marthalers neue Produktion „Nach den letzten Tagen“. Dort geht es um die Frage, wie eine Gesellschaft sich zunehmend radikalisiert und wie rassistische und antisemitische Tendenzen entstehen. In erster Linie unterstützen wir aber wieder den Third Space, das Festivalzentrum – als Ort des Innehaltens, für Debatten und gemeinsame Erlebnisse.

 

Um nun noch einmal den Finger in die Wunde zu legen: Gerade hat in Berlin eine weitere Diskussion stattgefunden über den Umgang von Kultur mit politischen Tendenzen. Die Broschüre „Alles nur Theater“, die eigentlich Orientierung liefern sollte zum Umgang mit rechten Strömungen, wurde im Feuilleton der ZEIT beispielsweise massiv kritisiert. Mit dem Vorwurf, dass die Kultur es nicht verstehe, sich von Politik zu emanzipieren und vieles zu schnell als rechts abtäte.

MUSCHICK: Die Broschüre enthielt fachliche Fehler. Die Debatte hat gezeigt, dass etablierte kulturelle Institutionen eine große Verantwortung haben, sich gesellschaftlichen Strömungen gegenüber zu öffnen. Sonst agiert man schnell nur noch in seiner eigenen Blase – das passiert schon viel zu oft, und meine Überzeugung ist, dass Kultur auch Brücken bauen muss.

PFEIFFER-POENSGEN: Theater haben da genau die gleichen Probleme wie die Politik. Wenn Sie sich mal einen Tag in den Bundestag setzen – wo es ja eine große Fraktion der rechten Partei gibt, dann merken Sie schnell, dass es oft eine Herausforderung ist, sich mit denen auseinanderzusetzen. Wir haben im Bundestag die unterschiedlichsten Reaktionen erlebt: Von völligem Ausrasten eines Abgeordneten bis zu Hilflosigkeit. Es ist ein sehr schwieriger Prozess, in dem wir uns befinden, und da tun sich Künstlerinnen und Künstler genauso schwer wie alle anderen Teile der Bevölkerung.

 

Wieso ist der Prozess so schwierig?

PFEIFFER-POENSGEN: Zum einen sind die Anhänger dieser Strömungen sehr gut organisiert, sie agieren zum Beispiel stark über soziale Medien. Zum anderen waren wir es im Westen 70 Jahre lang nicht gewohnt, dass wir für einen grundlegenden gesellschaftlichen Konsens plötzlich wieder neu kämpfen müssen. In Ostdeutschland ist das ja leider schon länger der Fall. Ich erinnere mich an Gespräche vor über zehn Jahren, wo die Direktorin der Chemnitzer Kunstsammlungen sich im Stadtrat immer wieder sehr unangenehmen Konfrontationen mit der NPD gegenübersah.

MUSCHICK: Und wie man beim Dessauer Bauhaus gesehen hat, wo die linke Band „Feine Sahne Fischfilet“ ausgeladen wurde, haben diese rechten Strömungen durchaus Einfluss. Direktorin Claudia Perren hat eine Entscheidung gefällt nach Protesten der AfD im Stadtrat.

PFEIFFER-POENSGEN: Wobei sie wirklich eine sehr respektable Person ist; der Druck muss gewaltig gewesen sein. Das zeigt aber auch, welche Bedeutung Kunst bei der Frage hat, wie wir eine weitere Spaltung der Gesellschaft vermeiden.

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Kategorien: Allgemein und Kultur
Schlagwörter: Interview, Isabel pfeiffer-poensgen, Kulturhauptstadt, kulturministerin, muschick, NRW-Kulturministerin, Ruhr-Konferenz, RUHR.2010, und Ruhrgebiet


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  • „Stiftungen sind der Stachel im Fleisch der Öffentlichen Hand“ und „Kultur ist nicht die Sahne auf dem Kuchen, sondern die Hefe im Teig (der Gesellschaft)“. Wie kriegen wir diese beiden Metaphern im Ruhrgebiet unter einen Hut? Vielleicht durch die gezielte Förderung von Kreativität: Kreativität bedeutet Zukunftsfähigkeit und ist damit eine wichtige Voraussetzung für Innovation, beides brauchen wir noch viel stärker. Mit Kreativität lassen sich nicht nur die Poller zwischen Oberhausen und Essen abbauen, sondern auch in den Köpfen. Dabei haben wir unglaublich viel kreative + innovative = zukunftsfähige Menschen im Ruhrgebiet, allerdings meistens außerhalb der öffentlichen Hand. Ein aktuelles Beispiel abseits von Ruhr-Triennale-Kabale und Kulturhauptstadtmelancholie ist die kürzlich mit einer tollen Resonanz veranstaltete Kunstaktion „AnDerRuhr“ in der Luftschiffhalle am Flughafen Essen/Mülheim. Über 5000 Menschen sind nur an wenigen Wochenenden in Kunst eingetaucht, teilweise war die Ausstellung wegen Überfüllung geschlossen! Eine Kunst-Sensation – nicht in New York, London oder Paris – sondern im Ruhrgebiet. Daher mein Appell an Stiftungen: unterstützt und fördert die Kreativität der Menschen. Und keine Institutionen.