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5. März 2019

„Das Format der Wittenberger Energieakademie funktioniert auch im siebten Jahr.“

Dass die Energiewende nur als Gemeinschaftswerk funktioniert, war stets ein wichtiger Untertitel der Energieakademie des „Wittenberg Zentrums für Globale Ethik“. Nun schwinden laut einer Studie der Stiftungskooperation „dynamis“ die Zustimmungswerte für das Projekt dramatisch. Grund genug, dem aktuellen siebten studentischen Stakeholder-Wettbewerb der „Akademie für Energie & Akzeptanz“ die  Frage zu stellen, wie sich „die soziale Nachhaltigkeit der Energiewende“ gestalten und verbessern lässt.

Eröffnet wurde das aktuelle Akademie-Finale in der Hörsaalruine der Berliner Charité mit einer klaren Keynote von Prof. Ortwin Renn. Dessen Potsdamer Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) hat die aktuellen Akzeptanzwerte der Energiewende erforscht. Der Wissenschaftler öffnete den studierenden Stakeholdern den Blick auf die Kluft zwischen sehr hohen Zustimmungswerten für die Energiewende an sich und einer wachsenden Kritik an der aktuellen Umsetzung. Wenn große positive Erwartungen an ein gesamtgesellschaftliches Projekt nicht erfüllt würden, so Ortwin Renn, schlage euphorische Zustimmung schnell um in strikte Ablehnung: „Die Bürger erwarten Fairness und eine Kompensation für die soziale Ungleichheit in der Verteilung finanzieller Belastungen, wenn das EEG nur die Bürgerschaft und damit auch sehr kleine Einkommen belastet aber bestimmte Industrien davon verschont bleiben. Die Vision ist angekommen, wird in der Wahrnehmung vieler aber schlecht umgesetzt.“

„Beteiligung, wenn bereits entschieden ist, ist keine Beteiligung, das ist Kommunikation.“

Zudem sei die aktive Teilnahme an Entscheidungsprozessen gewünscht: „Beteiligung, wenn bereits entschieden ist, ist keine Beteiligung, das ist Kommunikation.“

Damit war Ursula Weidenfeld als Landrätin Sonja Smart mitten im Thema. Sie sollte Energieversorger, Verbraucher- und Naturschützer von einem digitalen Pilotprojekt überzeugen, um das strukturschwache Wendefeld vom absteigenden Ast zu holen. Entscheidende Frage dabei: „Was muss getan werden, um 80 Prozent der Stromkunden im Kreis mit einem Smart Meter auszustatten?“

Wie stets hatten sich die neunzehn Studierenden mit Fachrichtungen von Lateinamerikastudien über Physik bis Soziologie tags zuvor mit vier Expertinnen und Experten intensiv auf das Thema vorbereitet. Dr. Daniel Weiß von den Schwarzwälder Elektrizitätswerken Schönau hat mit der Akzeptanz einer erfolgreichen Umsetzung der Wärmewende in seinem Versorgungsgebiet gar kein Problem. Eine ausführliche dezentrale Datenerfassung ermöglicht die Fernwartung und -steuerung von Heizungsanlagen übers Netz: „Da sind alle froh, das nicht selber erledigen zu müssen.“

Dass für mehr Akzeptanz und aktive Teilhabe in der digital vernetzten Stromversorgungszukunft der Datenschutz dringend geklärt sein muss, forderte Anett Ludwig vom Verbraucherzentrale Bundesverband. Zwar stimmten 70 Prozent der einkommensschwachen Haushalte der Energiewende zu, finden aber, dass die Kosten dafür ungerecht verteilt sind.

Für die innogy-Tochter Westnetz arbeitet Lothar Ahle am Projekt „DESIGNETZ“. An einer „Route der Energie“ durch drei westliche Bundesländer füttern Stromverbraucher, -erzeuger und -speicher sekündlich die Flexibilitäts-Algorithmen eines „Systemcockpits“. Dort wird mit Daten von heute die Energiewelt im Jahr 2035 simuliert. Dass Lothar Ahle über heutige Smartmeter nur noch milde lächelt, wundert da nicht.

Irmela Colaço, Projektleiterin Energieeffizienz beim BUND, schätzt die Strom- und Wärmesparpotenziale digitalisierter Wohnungen und Häuser, stellte jedoch die Smartness aktueller Haushaltselektronik in Frage, wenn zwar das LED-Leuchtmittel erfreulich wenig Strom verbraucht, die smarte Standby-Elektronik samt Sprachsteuerung jedoch ein Vielfaches davon.

Nach 80 Minuten intensiver Debatte über den Smart Meter-Konsens versprachen die Stromerzeuger schließlich spürbare Preisnachlässe für Geräte und die Montage der Smart Meter. Der Natur- und Umweltschutz sinnierte über einen Beirat, Auszeichnungen von Stromsparideen und Klimaworkshops in Schulen. Die „Verbraucherfreunde“ wollten bei der „aggregierten“ Datenerfassung pro Quartier auf ein hartes Opt-in der Kunden verzichten.

Gleichzeitig fällten auch die drei Jurymitglieder ihre Kollektiventscheidung um die drei Favoriten für die Wendefelder Energiezukunft. Gewonnen hat schließlich knapp das Team „Verbraucherfreunde“. Professor Suchanek: „Sie haben als einzige Gruppe zu Beginn Ihre Punkte auf den Tisch gelegt.“ Stephan Muschick, Geschäftsführer der innogy Stiftung, in seiner Schlussbemerkung zur Jury-Entscheidung: „Mag sein, dass der soziale Aspekt ein wenig zu kurz gekommen ist. Ich fand aber sehr gelungen, wie die Verknüpfung der technischen Aspekte eines Smart Meter-Rollouts mit relevanten gesellschaftlichen Fragestellungen gelungen ist.“

„Stimmen aus dem Kreis der Teilnehmer bestätigten einmal mehr die fächerübergreifende Kraft des Spielformats der Wittenberger Akademie im siebten Jahr.“

Ursula Weidenfeld war aufgefallen, dass es in Jahren zuvor mehr Polarisierung und harte Konflikte in den Energieakademie-Debatten des Wittenberg Zentrums gab. „Ich spüre deutlich mehr Willen zum Konsens“, sagt sie. Zudem habe sich die Rolle der Stromerzeuger verändert, „die heute auf Augenhöhe mit Verbraucher- und Umweltverbänden sprechen und wohl die einzigen Nutznießer von Smart Metern sind“.

Stimmen aus dem Kreis der Teilnehmer bestätigten einmal mehr die fächerübergreifende Kraft des Spielformats der Wittenberger Akademie im siebten Jahr. Sie fanden es „sehr spannend, als Wissenschaftler das Problem von der Theorie auf eine konkrete kommunale Ebene zu bringen“ dabei „stets auf den Punkt kommen zu müssen“, um „ein übergeordnetes Ziel zu erreichen, ohne die eigenen Interessen aufzugeben“. Gerade die ausführliche Vorbereitung habe geholfen, Begriffe zu klären: „Was heißt eigentlich flächendeckend genau für das eigene Unternehmen, für den eigenen Spielraum?“ Noch einmal Sephan Muschick dazu: „Dieses Format der Wittenberger Akademie für Energie & Akzeptanz funktioniert auch im siebten Jahr. Das war heute eine tolle Erfahrung.“

Fotografie und Text: Frank Vinken | dwb

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Kategorien: Allgemein und Bildung
Schlagwörter: Akademie, Akademie für Energie und Akzeptanz, Energie & Akzeptanz, Energieakademie, Energiewende, Stakeholder Dialog, und Wittenberg-Zentrum


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