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Beitrag: Gastbeitrag von Harald Welzer: Transformation und das Problem der kognitiven Dissonanz

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24. Januar 2019

Gastbeitrag von Harald Welzer: Transformation und das Problem der kognitiven Dissonanz

Change klappt vor allem dann nicht, wenn der Status quo als schön und wünschenswert verklärt wird – und gerade nicht seine Veränderung. In seinem Gastbeitrag meint Soziologie Harald Welzer dazu: „Was die Klima- und Nachhaltigkeitskommunikation anzubieten hat, ist ja schon deshalb nicht sexy, weil sie Veränderung nur negativ begründet und damit paradox mitteilt: Wenn es nicht diesen verdammten Klimawandel gäbe, könnten wir so weiter machen, wie schön wäre das denn!” Mehr zum Thema „Transformation” lesen Sie in unserem aktuellen Newsletter. 

Von Harald Welzer

Eine beständig wiederkehrende klagende Frage in der Klimapolitik und in der Nachhaltigkeitsszene lautet: „Wieso verändern die Menschen ihr Verhalten nicht, obwohl doch klar ist, dass…“. Jetzt kann man einsetzen: „das Klima kippt“, „die Insekten sterben“, „die Ozeane voller Plastik sind“ usw. Die Antwort auf diese Frage ist einfach: Weil Verhalten eher wenig mit Wissen zu tun hat. Raucher rauchen ja auch nicht, weil sie irrigerweise glauben, dass Rauchen gesund sei, und PS-Protzer fahren keine SUV, weil sie noch nie etwas vom Klimawandel gehört haben. Sie haben nur Gründe, solche und viele andere schädliche Dinge in Absehung von ihrem Wissen zu tun.

Das umweltpolitische Zentralproblem ist, dass es in der real existierenden Wirklichkeit unendlich viele Gründe gibt, sich eben nicht klima- oder umweltgerecht zu verhalten. Dass man etwas wissen und das Gegenteil tun kann und nicht selten auch muss, lernen Kinder von Beginn an – schließlich wachsen sie in Gesellschaften heran, in der die Menschen viele unterschiedliche Rollen mit jeweils unterschiedlichen Anforderungen beherrschen müssen, um klar zu kommen. Diese Anforderungen können sich durchaus widersprechen – ein Job fordert Wettbewerb, die Erziehung der Kinder gerade nicht. Jemand, der unter allen Bedingungen stets dasselbe macht, landet in modernen Gesellschaft gerade deshalb in der Psychiatrie, weil er Widersprüche nicht aushalten und leben kann.

Also kann man alles über den Klimawandel wissen und völlig problemlos einen riesigen carbon footprint haben, was übrigens nicht zuletzt für Klimaforscher gilt, die ja zur Gruppe der Vielflieger zählen. Sie würden zu diesem Widerspruch sagen: Ich muss ja, mein Beruf erfordert diese Fliegerei. Sie haben also Gründe. Gesamtgesellschaftlich gibt es übrigens einen nahezu absoluten Grund, weshalb Wissen und Handeln besonders in Sachen Umwelt so extrem auseinander klaffen: Wir leben in einer wachstumsökonomischen Konsumgesellschaft, und das erste Gebot lautet hier: Du sollst kaufen! Leider steht dieses Gebot nicht in Einklang mit Nachhaltigkeit, weshalb genau jene kognitive Dissonanz (Psychologensprech) entsteht, die man bewältigt, indem man Gründe hat, das Gegenteil zu tun: „Ich weiß ja, aber…“

„Wenn man change will, dann müssen Menschen die Veränderung selbst wollen, es für wünschenswert halten, ein anderes Leben zu führen, als sie es tun.“

Deshalb ist der Wunsch, „die Menschen mitzunehmen“, ihr Verhalten zu verändern, sie zu „change agents“ zu machen, zwar fromm, aber nicht zielführend. Wenn man change will, dann müssen Menschen die Veränderung selbst wollen, es für wünschenswert halten, ein anderes Leben zu führen, als sie es tun. Was die Klima- und Nachhaltigkeitskommunikation anzubieten hat, ist ja schon deshalb nicht sexy, weil sie Veränderung nur negativ begründet und damit paradox mitteilt: Wenn es nicht diesen verdammten Klimawandel gäbe, könnten wir so weiter machen, wie schön wäre das denn! Und man bemerkt: Genau auf diese Weise wird der Status quo wünschens- und schützenswert, und gerade nicht seine Veränderung.

Menschen tun dann etwas gern, wenn sie sich davon persönlich etwas versprechen: ein besseres Leben, eine positive Aufregung, etwas Neues, was sie weiterbringt und wo sie sich als aktiv und wirksam erleben. Alles Fehlanzeige, wenn wir die Klimakommunikation anschauen. Also muss man doch endlich mal die Sache umdrehen und sagen: Eine autofreie Stadt ist auch ohne Klimawandel die bessere Stadt – freundlicher, gesünder, sicherer, sozialer, und mehr Flächen für Wohnungen und Begegnungen hat sie auch! Lasst uns bessere Städte, schönere Urlaube, befriedigendere Jobs, mehr Autonomie haben, weil es für unser Leben gut ist! Dass dies mit weniger Verkehr, weniger Kreuzfahrtschiffen, weniger Frustkäufen, weniger Energieverbrauch durch „smarte“ Geräte verbunden ist: auch schön. Aber im Vordergrund steht das attraktive Projekt, ein anderes, besseres Leben führen zu können, oder anders gesagt: Eine andere Geschichte über sich selbst erzählen zu können. Und zwar eine positivere als dieses ewige: Eigentlich weiß ich ja, aber…

Kurz: Menschen sind gern veränderungsbereit, wenn sie sich mit ihren Wünschen und ihrem Können in etwas einschreiben können, was sie als positiv und sinnvoll für sich und die Welt empfinden. Heißt: Wir müssen Change nicht als eigentlich blödes, aber leider notwendiges Projekt entwerfen, sondern als versprechendes. Attraktionen anbieten, Visionen vom guten Leben erzählen. Mahnen allein genügt nicht, man muss auch etwas anzubieten haben!

Photo: Martin Kraft – Opus proprium, CC BY-SA 3.0


Harald Welzer, geboren 1958, ist Direktor von Futurzwei – Stiftung Zukunftsfähigkeit und Professor für Transformationsdesign an der Universität Flensburg. Daneben lehrt er an der Universität St. Gallen. Er hat unter anderem Bücher wie ›Selbst denken‹ (2013), ›Autonomie. Eine Verteidigung‹ (zus. mit Michael Pauen, 2015), ›Die smarte Diktatur. Ein Angriff auf unsere Freiheit‹ (2016) und zuletzt ›Wir sind die Mehrheit. Für eine offene Gesellschaft‹ (2017). Seine Bücher sind in 21 Ländern erschienen.


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Kategorien: Allgemein und Kultur
Schlagwörter: Energiewende, Kultur, Nachhaltigkeit, transformation, und Umweltpolitik


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