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Beitrag: Wie gelingt Nachhaltigkeit? Interview mit Britta Acksel über Ideenlabore und die Vielfältigkeit „weicher Instrumente“ zur Umsetzung

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22. Januar 2019

Wie gelingt Nachhaltigkeit? Interview mit Britta Acksel über Ideenlabore und die Vielfältigkeit „weicher Instrumente“ zur Umsetzung

Spätestens seit letztem Sommer ist der Klimawandel in den Köpfen angekommen. Bilder aus dem All vom verdorrten Deutschland – alle grünen Flächen braun verbrannt – zeigten die dramatischen Ausmaße der langen Hitzewelle. Lösungsvorschläge für das Dilemma gibt es viele, mit dem Ziel der Emissionsreduktion und Transformationen zur Nachhaltigkeit. Aber mit welchen Mitteln und Methoden wird die Nachhaltigkeit gesellschaftlich und politisch umgesetzt? Die Kulturanthropologin Britta Acksel hat sich die Protagonisten und ihre Aktionen genauer angeschaut. Sie promoviert derzeit an der Goethe-Universität Frankfurt zum Thema „Wie wandeln? Kulturanthropologische Einblicke in den Werkzeugkasten gegenwärtiger Nachhaltigkeitsbemühungen“. Mit uns spricht sie über Ihre Arbeit.

Frau Acksel, Sie sprechen von einem Werkzeugkasten für Nachhaltigkeitsbemühungen. Was ist damit gemeint?

Britta Acksel: Es gibt sowohl „weiche“ als auch „harte“ Werkzeuge, um Nachhaltigkeit zu fördern. Erstere sind beispielsweise Aktionswochen, Ideenlabore, Nachhaltigkeitspreise, Master- oder Aktionspläne. Die „harte“ Seite ist staatlich festgelegt: Regierungen, die Gesetze erlassen, deren Einhaltung aktiv überwachen und Verstöße ahnden. Ein Beispiel wäre das kommende EU-Verbot von Plastikstrohhalmen und Einweggeschirr. In meiner Arbeit beschäftige ich mich mit dem „weichen“ Werkzeugkasten und habe für dessen Inhalt den Begriff „Transformationsinstrumente“ entwickelt. Sechs dieser Instrumente erforsche ich konkret.

Welche sechs sind das?

Für meine Forschung habe ich jeweils zwei Nachhaltigkeitsbemühungen in drei post-industriellen europäischen Städten untersucht. Das Ideenlabor „Kommendanthuset“ im schwedischen Malmö, das die Bildung für nachhaltige Entwicklung fördern soll, und ein Nachhaltigkeitsfestival. In Almada, einer Stadt in Portugal, forschte ich zur „European Mobility Week“, die immer im September stattfindet, sowie zum „Strategic Energy Action Plan“ der Stadt. In Deutschland habe ich Essen ausgewählt, weil der Ort 2017 zur „Grünen Hauptstadt Europas“ gewählt wurde. Ein Jahr zuvor habe ich dort auch die „Klima-Woche Ruhr“ untersucht.

Nachhaltigkeit
Kulturanthropologin Britta Acksel

Essen wurde 2017 zur „Grünen Hauptstadt Europas“ gewählt

Warum genau diese drei Städte?

Alle drei haben etwas gemeinsam: Sie waren ehemalige Schwerindustrie-Städte und wollen trotz ihrer industriellen Vergangenheit etwas für die Nachhaltigkeit tun. In Malmö gab es eine riesige Werft, nach deren Schließung viele Menschen ihre Arbeitsplätze verloren. Das führte zu einem starken Strukturwandel. Genauso erging es Essen, dem Zentrum des Ruhrgebiets, als die Schwerindustrie ab Mitte der 1960er Jahre massiv zurückging. Almada hatte zeitweise sogar die größte Werft weltweit, auf der riesige Schiffe und Öltanker repariert wurden. Auch dort führte die Schließung zu hoher Arbeitslosigkeit und sorgte für einen fundamentalen Umbruch. Kriterium für die Auswahl dieser Städte war jedoch nicht, ob sie besonders nachhaltig sind, sondern ob sie sich um Nachhaltigkeit bemühen. Meine Fragestellung war: Welche Akteure fördern mit welchen Mitteln Nachhaltigkeit in den drei Städten?

Was sind das für Akteure?

Die Akteure in den jeweiligen Städten waren völlig unterschiedlich. In Portugal habe ich hauptsächlich mit der Stadtverwaltung und dem Umweltamt geforscht, als auch Interviews mit Verkehrsunternehmen geführt. Zwei Wochen lang durfte ich in einer Energieagentur den Mitarbeitern von morgens bis abends über die Schulter schauen. Ich ging mit zu ihren Terminen und erlebte ihre Arbeitsweise in der Praxis. Dadurch erfuhr ich viel mehr, als wenn sie mir einfach nur davon erzählt hätten. In Essen sprach ich mit dem Regionalverband Ruhr, dem zentralen Akteur für die Klimawochen. Ich führte Interviews mit Menschen vom Umweltamt, aber auch mit Bürgern, die sich beispielsweise für die Nachhaltigkeitsinitiative „Transition Town – Essen im Wandel“ engagierten. Ebenfalls ließen mich die Mitarbeiter der „Grünen Hauptstadt Agentur“ an zahlreichen, auch nicht öffentlichen Veranstaltungen teilnehmen. Beim Nachhaltigkeitsfestival in Schweden waren vor allem NGOs und zivilgesellschaftliche Initiativen die Hauptakteure.

Also eine Vielzahl aus allen Bereichen …

Absolut, das ist das Interessante. Es gibt sowohl Akteure aus der Politik, der Verwaltung, der Zivilgesellschaft, aber auch aus der Wissenschaft und der Wirtschaft. Politische Akteure sind Stadträte bis hin zu Verantwortlichen der EU. Obwohl alle aus so unterschiedlichen Bereichen stammen und durchaus sogar unterschiedliche Absichten verfolgen, empfinden sie dennoch scheinbar dieselben Instrumente für ihre Nachhaltigkeitsbemühungen als zweckmäßig. Spannend finde ich auch, dass die Begriffe der Transformationsinstrumente nicht einmal einheitlich verwendet werden.

„Unterschiedliche Akteure mit unterschiedlichen Absichten benutzen die selben Instrumente“

Inwiefern?

Masterplan ist nicht gleich Masterplan – der Begriff kann national unterschiedlich sein, aber auch innerhalb eines Projektes variieren. Das führt zu einer großen Skepsis. Ebenso, dass die Auswirkungen der Instrumente nicht messbar sind. Es lässt sich nicht feststellen, ob nun mehr Leute den Bus statt das Auto nehmen, nachdem sie ein Nachhaltigkeitsfestival besucht haben. Dieses Spannungsfeld fasziniert mich.

Wie sind Sie als Anthropologin auf so ein Thema gestoßen?

Schon während meiner Masterarbeit habe ich mich mit Umwelt und Nachhaltigkeitsbemühungen befasst. Wie leben Menschen in ihren Städten und was tun sie konkret, um Nachhaltigkeit zu fördern, das fand ich unglaublich interessant. Es bietet sich auch sehr gut als anthropologisches Thema an.

Letzte Frage: Begehen Sie selbst im Alltag kleine „Nachhaltigkeits-Sünden“?

Das lässt sich leider nicht ganz vermeiden. Für meine Forschung musste ich ja irgendwie nach Portugal kommen. Während es nach Schweden noch relativ einfach mit dem Zug geht, ist das nach Portugal keine Option. Daher musste ich den Flieger nehmen. Generell vermeide ich es aber zu fliegen und fahre privat auch kein Auto.

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Kategorien: Bildung
Schlagwörter: Energiebildung, Energiepolitik, Energiesparen, Energiewende, Interview, kulturelle Bildung, Nachhaltigkeit und Umweltpolitik


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