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Beitrag: Gastbeitrag von Marina Weisband: Warum Dialog mehr sein muss, als nur der stete Dialog der Eliten

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30. November 2018

Gastbeitrag von Marina Weisband: Warum Dialog mehr sein muss, als nur der stete Dialog der Eliten

Kommunikation ist eine der wichtigsten Anpassungsleistungen des Menschen gewesen. Es sind besonders die Schwellen der Veränderung, unerwartete Umstände und Anpassungen, die viel Kommunikation erfordern. Ein altes Ehepaar kann sich 20 Jahre lang in seiner Kommunikation auf Routinesätze verlassen, bis signifikante Veränderungen anstehen. Dann müssen sie sich hinsetzen und ernsthaft reden.

Unsere Gesellschaft ist immer irgendwie im Wandel und erfordert kontinuierlich Dialog. Doch der Wandel, den wir jetzt erleben, ist besonders. Er schreitet unvergleichbar schnell und verändert relativ viele Gebiete auf einmal. Der Wandel, von dem ich spreche, ist der Übergang von der Industrie- in die Informationsgesellschaft. Alle Phänomene wie Digitalisierung, Automatisierung, Globalisierung, Wertewandel usw. usf. eingeschlossen.

„Nur wenn alle mitsprechen, werden alle die Ergebnisse mittragen“

Ein so gravierender Wandel erfordert besonders viel Kommunikation der ganzen Gesellschaft zur Beantwortung der verschiedenen Fragen: Welche Normen und Werte gelten im Informationszeitalter? Wie bewahren wir Klima und Erde so, dass sie bewohnbar bleiben? Wie sollen unsere Gesellschaften aussehen? Haben wir eine Kultur? Oder haben wir viele Kulturen? Und wie leben die zusammen?

Diese Fragen sind deshalb empfindlich, weil sie alle betreffen. Komplett alle. Der Versuch, diese Fragen zu beantworten unter Auslassung signifikanter Bevölkerungsgruppen ist zum Scheitern verurteilt. Nur wenn alle mitsprechen, werden alle die Ergebnisse mittragen. Und nur dann haben wir überhaupt genug Expertise, um diese komplexe Problematik zu lösen. Und ich spreche nicht von der Expertise von WissenschaftlerInnen. Ich spreche zum Beispiel von der Expertise von ImmigrantInnen, wie gute Integration gelingen kann. Von der Expertise von PflegerInnen zu notwendigen Bedingungen für bessere Pflege. Von der Expertise von KunstpädagogInnen darüber, wie schrecklich wir in unseren Schulen kreative Bildung und Entfaltung vernachlässigen.

„Ohne Hartz-IV-Empfänger ist ein Zukunftsdialog vergeblich“

Als jemand, der viel auf Konferenzen auftritt, bekomme ich mit, wie Stiftungen solche gesellschaftlichen und kulturellen Dialoge anstoßen. Wie sie in Veranstaltungsräumen Platz dafür schaffen und VertreterInnen unterschiedlicher Disziplinen einladen. Sie wählen aktuelle Titel, zahlen Rednerhonorare und geben am Ende Tagungsbände in Hochglanz aus.

Ich bin gern auf diesen Veranstaltungen, sie erweitern meinen Blick und ich lerne viel Neues. Doch es gibt Menschen, die ich dort nie sehe. Hartz-IV-EmpfängerInnen. Normale LehrerInnen von Regelschulen. Jugendliche. Geflohene. MechanikerInnen. Kurzum – ein Abbild unserer Gesellschaft! Diese Menschen fehlen dort, an den Orten der Begegnung und des Zukunftsdialogs. Wir müssen daher aus dem Kulturdialog einen KulturENdialog machen. Denn dieses Land besteht schon immer aus vielen Kulturen, die es nur gemeinsam am Laufen halten. Ein Dialog der Eliten reicht nicht aus, um Akzeptanz und Teilhabe an den großen Weichenstellungen der Zukunft zu schaffen!

Wie kann man diesen allgemeinen Dialog herstellen? Kommunikation über so große gesellschaftliche Themen verläuft ja normalerweise in zwei Richtungen – top down und bottom up. Top down haben früher Massenmedien unseren Diskurs angetrieben, zusammengefasst, in die Breite getragen. Noch immer sind Talkshows eines der wichtigsten Instrumente politischer Meinungsbildung – leider. Denn Massenmedien haben heute zwei Probleme. Erstens neigen sie durch ihre eigene kapitalistische Logik zu unzulässiger Vereinfachung und Emotionalisierung und einem Fokus auf klamaukige Bagatellen, statt große, langweilige aber wichtige Zusammenhänge in den Blick zu nehmen. Zweitens ist ihre Durchdringung der Bevölkerung enorm gesunken. Nicht zuletzt wegen des Aufstiegs sozialer Medien. Aus „der Öffentlichkeit“ sind zunehmend diverse Öffentlichkeiten geworden, die zum Teil nicht nur kaum miteinander reden, sondern auch völlig verschiedene Vorstellungen davon haben, was in der Welt passiert. Sie zum Dialog miteinander zu bewegen, ist die wahre Herausforderung.

„Kulturendialog via Social Media – das klappt nicht“

Bottom up haben das früher Parteien übernommen: Sie haben an ihren lokalen Stammtischen Meinungsaustausch betrieben, die Meinungen dann auf die Landesebene getragen, von dort auf die Bundesebene. Doch auch sie verlieren an Bedeutung, gerade im Bereich der Meinungsbildung. Die unmittelbare und ungehinderte Äußerung über soziale Medien gewinnt wenig überraschend an Popularität – wird aber bisher kaum für organisierten Kulturendialog gebündelt oder genutzt.

Aus dem, was potentiell eine Verbindung von Menschen und Kulturen sein könnte, wird oft ein Herumschreien vor den eigenen Freunden. Das liegt einerseits an der kapitalistischen Logik dieser Plattformen, die hauptsächlich Werbung und Daten verkaufen wollen. Andererseits an der Vernachlässigung der Nutzung des Internets als Werkzeug der Meinungsbildung durch Akteure der Zivilgesellschaft. Und nein, auf seiner Facebookseite nach Meinungen zu fragen, das ist noch kein Kulturdialog. Die Schaffung offener Plattformen, die speziell diesem Zweck dienen und Menschen online und lokal miteinander in Kontakt bringen, die sonst nie etwas miteinander zu tun hätten – das wäre eine sinnvolle Nutzung des Internets.

„Warum Stiftungen hier eine so wichtige Rolle spielen (müssen!)“

Was mich zu meinem wichtigsten Punkt bringt. Es gibt nicht den einen Ort für Kulturendialog. Kulturendialog wird immer dezentral sein. Weil verschiedene Menschen sich nunmal an verschiedenen Orten treffen. Wenn man alle mitnehmen will – und das muss man! – dann ist der geeignete Start dort, wo Menschen sich täglich begegnen: in der Kommune. Der Dialog über die größten und globalsten Themen beginnt ganz klein im Lokalen, wo Menschen sich von Angesicht zu Angesicht im realen Alltag begegnen und Anlass und Plattform haben, miteinander über wichtige Themen zu sprechen. Die Dialoge in den Kommunen müssen dann aber gebündelt, sortiert und in einer sinnvollen Einordnung weiter getragen werden. Dies ist im Besonderen eine Aufgabe von Stiftungen.

Es reicht nicht, die 50. Veranstaltung zu machen, auf der PolitikerInnen, PhilosophInnen und andere gesellschaftlich Tätige sich untereinander austauschen. Die neue Aufgabe von Dialogorganisationen ist die Schaffung offener, nicht-kommerzieller Plattformen, die keine Werbung und keine Daten verkaufen wollen. Die in einer Mischung aus Online- und Offline-Formaten Menschen zusammenbringen, die einander inspirieren, weil sie ihre gegenseitigen Filterblasen zum Platzen bringen. Die bei lokalen Fragen wie der energetischen Sanierung vor Ort beginnen und beim Klimawandel enden. Erst dann wird es uns gelingen, eine längst überfällige Debatte zu initiieren, wie wir in 30 Jahren leben wollen und können.

Das schöne an der Idee des Kulturendialogs: Jeder kann mitmachen (sogar ohne Facebook-Account!). Suchen Sie sich einen Menschen, von dessen Leben sie überhaupt nichts wissen – und reden Sie mit ihm. Das ist dann echter Kulturendialog!

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Kategorien: Allgemein und Kultur
Schlagwörter: Digitalisierung, Energiebildung, Kultur und kulturelle Bildung


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