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26. November 2018

„Ohne Bildende Kunst kann ich mir die Zukunft gar nicht vorstellen“ – Kasper König

… über die „Manifesta“ in Palermo und den Zusammenhang zwischen Döner- und Theaterpreisen.

Denkt man an Kasper König, treten viele Assoziationen auf einmal in den Vordergrund. Natürlich fällt einem zunächst seine Rolle als international bedeutender Kurator und Aussteller ein, als renommierter Museumsdirektor und Kunstprofessor und als Freund bedeutender Akteure der zeitgenössischen Kunst. Seine langjährige Verbindung zu Joseph Beuys wie auch zu den Künstlerinnen Rosemarie Trockel und Katharina Fritsch ist dabei ebenso bekannt wie seine Vorliebe für Hosenträger und sein Humor, der ihn trotz seiner enormen Expertise im Gespräch erstaunlich nahbar macht. Kurzum: Der ideale Gesprächspartner, wenn es um Themen geht wie die diesjährige Kunstbiennale „Manifesta 12“ in Palermo, die wir als Stiftung unterstützt haben – schließlich hat er selbst reichlich Erfahrung mit der Kunstbiennale gemacht. Wir haben Kasper König im Vorfeld der von uns mitorganisierten Panel-Diskussion mit dem Motto „Was macht Kunst mit der Stadt?“ in Düsseldorf gesprochen.

Sie haben 2014 die „Manifesta 10“ in der Eremitage in St. Petersburg kuratiert. Wie war diese spezielle Erfahrung für Sie?

KASPER KÖNIG: Das war eine extreme Herausforderung, die ich aus heutiger Sicht nicht missen möchte. Der Ausgangspunkt war relativ ungewöhnlich für die „Manifesta“. Es ging dabei um den 250. Geburtstag der Eremitage, die schon allein im Blick auf ihre Sammlung ein hochkarätiges Museum ist. Aber es ging eben auch um den Winterpalast, in dem die Eremitage beheimatet ist und der eine enorme Bedeutung für Russland hat. Die Handhabung dieses Ortes und auch die Erwartungshaltungen an eine solche Veranstaltung mussten im Kontext des Palasts und seiner Gewichtung verstanden werden. Letztlich war es für mich eine großartige und interessante Arbeit, bei der natürlich auch einiges schiefgegangen ist. Die Erfahrung selbst würde ich als absolut märchenhaft beschreiben, schon allein weil der Palast sehr chaotisch ist. Der Besucher findet nie das, was er sucht; gleichzeitig stolpert er aber ständig über Außergewöhnliches, das er nicht gesucht hat.

„Palermo ist großartig und ideal für junge Leute: sehr aufgeklärt, sehr politisch.“

Wie hat Ihnen die diesjährige „Manifesta“ in Palermo gefallen?

Im Hinblick auf die ausgestellte Kunst gab es meines Erachtens nach schon bessere. Aber Palermo ist großartig und ideal für junge Leute: sehr aufgeklärt, sehr politisch. Sehr klug fand ich, dass es thematisch viel um urbanistische Fragen ging. Mein Gesamtfazit ist also ein gutes. Und darüber hinaus war beispielsweise der Besuch des Botanischen Gartens eine grandiose Erfahrung. Einmal eingetreten, sind Sie gewissermaßen in Afrika und allen anderen Kontinenten zugleich.

Der Schwerpunkt der diesjährigen „Manifesta“ liegt auf Kunst im öffentlichen Raum. Was halten Sie davon?

Ich bin da generell eher skeptisch. Entweder es ist gute Kunst oder eben nicht. Kunst im öffentlichen Raum ergibt in Palermo Sinn, weil es eine wunderschöne Stadt mit vielen leerstehenden Palazzi ist. Hier wirken Kunst und Stadtbild einfach gut zusammen.

Das Thema des Panels lautet ja „Was macht Kunst mit der Stadt?“, wie ist Ihre Haltung dazu?

Das zeigt sich immer erst im Nachhinein. Wenn man etwas Bestimmtes zeigt, dauert es nach meiner Erfahrung etwa vier oder fünf Jahre bis man entscheiden kann, welchen Effekt das hatte. Wer Kunst also als Stadtwerbung mit unmittelbarer Wirkung einsetzen möchte, kann es auch gleich sein lassen. Wer es damit jedoch ernst meint, der muss den Verantwortlichen den nötigen Handlungs- und Interpretationsspielraum geben. Also keine netten, verbindlichen Zugeständnisse machen, damit man die entsprechenden Förderungen erhält. Das wäre fatal.

Was erwarten Sie sich somit von dem Panel?

Für das Panel erhoffe ich mir eine gute und lebendige Moderation und dass auch die lokale Szene ihren Weg dorthin findet. Aktive Künstler aus der Stadt und dem Umland sowie Verbände und Organisationen, die selbst etwas auf die Beine stellen und Ausstellungen organisieren – beispielsweise den Düsseldorfer Künstlerverein „Malkasten“. Einige von ihnen werden sich vermutlich kritisch äußern: „Wofür brauchen wir das? Gebt uns lieber mehr Ateliers!“ Aber auch diese Meinungen brauchen wir dort. Nur so kann meines Erachtens ein produktiver Diskurs stattfinden.

„Wir sollten Kunst nicht ausschließlich als das verstehen, was auf Auktionen hohe Summen erzielt.“

Warum brauchen wir als Gesellschaft – auch in Zukunft – die Kunst, egal ob im öffentlichen oder geschlossenen Raum?

Ohne Poesie, ohne Musik und ohne Bildende Kunst kann ich mir die Zukunft gar nicht vorstellen. Vor allem, weil hier, wie auch im Sport und anderen Bereichen, Leidenschaften kanalisiert werden. Und die können ganz spezielle Ausprägungen, abseits des Mainstreams, annehmen. Daher sollten wir Kunst nicht ausschließlich als das verstehen, was auf Auktionen hohe Summen erzielt. Vielmehr sollte auch Kunst einbezogen werden, die nicht in den Mainstream passt, die man so noch nicht kennt, die ungewöhnlich scheint und mit der man auch in gewisser Weise scheitern kann – möglichst interessant und intelligent natürlich.

Eine geschlossene Gesellschaft gibt es nach meiner Auffassung nicht, sondern eine Vielzahl von partikularen Interessen. Entsprechend vielseitig sollte auch die Kunst aufgefasst werden, um möglichst viele verschiedene Strömungen zu aggregieren. Der eine interessiert sich für Pornografie, der andere für Bildende Kunst, der nächste für Sport. Ich zum Beispiel bin ein absoluter Föderalist, der zwar in Berlin lebt, aber gleichzeitig universell und regional agiert. Und diese beiden Komponenten, das Massenwirksame und das Spezielle, machen auch die Kunst so interessant – sowohl heute wie in der Zukunft.

Zum Schluss würden wir gern noch von Ihrer jahrzehntelangen Expertise als Kunstförderer profitieren: Wie kann der zweifellos wichtige Dialog in der Kultur künftig besser funktionieren?

Man muss dem Publikum den Zugang erst einmal so leicht wie möglich machen. Wer sich angesprochen fühlt, wird sich für das Gezeigte interessieren, und dann wird auch der Dialog relativ einfach. Aber als Veranstalter sollte ich Menschen nicht unter falschen Voraussetzungen und mit falschen Argumenten locken, denn dann enttäusche ich rasch ihre Erwartungshaltungen. Stattdessen sind hier intelligente Strategien wichtig, um eine passende Publikumsansprache zu ermöglichen, die auch Widersprüche aufdeckt. Ich kann mich beispielsweise an eine Kampagne für ein Theaterfestival in Köln, Duisburg, Oberhausen und Bonn erinnern, bei dem die Theaterpreise nach den Dönerpreisen der jeweiligen Stadt ausgerichtet wurden. Wenn also ein Döner in Bonn im Mittel vier Euro, in Duisburg aber nur zwei Euro kostete, wurden auch die Kartenpreise für Theatervorstellungen dementsprechend angepasst. So wurde der Zugang für die jeweilige Zielgruppe zumindest aus finanzieller Sicht erleichtert.

Was Kunst mit der Stadt macht, darüber diskutiert Kasper König im Rahmen einer Panel-Diskussion am 27.11.2018 im Düsseldorfer Stadtmuseum, unter anderem zusammen mit Hedwig Fijen, Direktorin der „Manifesta“, und Marcus Ambach, Künstler, Kurator und Organisator zahlreicher Projekte im öffentlichen Raum.

 

Foto: Stephen Wilks

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Kategorien: Kultur
Schlagwörter: Bildende Kunst, Düsseldorf, Kasper König, Kunst, Manifesta und Palermo


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