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Beitrag: „Uns geht die Fähigkeit verloren, Erfolgsgeschichten zu sehen“

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26. November 2018

„Uns geht die Fähigkeit verloren, Erfolgsgeschichten zu sehen“

Können Metaphern das schaffen, was die Staatenlenker dieser Welt seit 30 Jahren recht ergebnislos versuchen? Nämlich die Erde vor der Klimakatastrophe zu bewahren. Wenn es die richtigen Metaphern sind, dann ja, zumindest können sie einen großen Beitrag leisten, sagt der FAZ-Redakteur und Fachbuchautor Jan Grossarth im zweiten Teil des Interviews mit Stiftungs-Geschäftsführer Stephan Muschick.

STEPHAN MUSCHICK: Herr Grossarth, im ersten Teil unseres Gesprächs über Klimawandel und Metaphern hatten Sie vom Empfinden des Bürgers als „Kompass zur Orientierung“ gesprochen. Eine interessante These angesichts der vielschichtigen Herausforderungen unserer globalisierten Welt: dass der gesunde Menschenverstand der Laien – trotz dieser Komplexität – noch etwas Ordnendes für die Gesellschaft beisteuert …

JAN GROSSARTH: Den Begriff vom „gesunden Menschenverstand“ finde ich schwierig, der klingt so populistisch nach „gesundem Volksempfinden“. Ich setze lieber auf die Wahrnehmung: ästhetische Wahrnehmung, auch moralische Wahrnehmung. Das ist auch das eigentlich Politische daran: zu sagen, dass die moralische Wahrnehmung der Bevölkerung – also damit meine ich: von Laien, nicht von technischen Experten – in entscheidenden Fragen der zuverlässige Kompass ist.

Wenn das der Kompass ist, werden wir aber zum Beispiel viele Windräder wieder abbauen müssen – zumindest wenn wir die Anwohner im Hunsrück fragen oder in Brandenburg.

Vielleicht stehen dort ja auch zu viele. Aber ich sage auch nicht, dass es der alleinige Kompass sein kann. Man braucht auch die Experten, die die Widersprüche und Zielkonflikte besser durchschauen als die Allgemeinheit. Diese beiden Seiten müssen miteinander im Gespräch bleiben. Das ist mühsam, aber auch eine Erfolgsgeschichte: Wenn ich heute mit Chinesen spreche, bei denen ein marxistisch begründeter Turbokapitalismus herrscht – wie nehmen die Europa wahr? Als globales Unikat, das wunderbar wertebasiert ist. Sie kaufen unsere Biosäfte und unser Milchpulver, weil das für sie für ökologische Sauberkeit steht. Ohne unser plurales, demokratisches System bestünde diese Wahrnehmung nicht. Es gibt hier in Europa und gerade in Deutschland so viele Erfolgsgeschichten: Die Tierhaltung zum Beispiel verbessert sich seit etwa zehn Jahren, wenn auch langsam. Es gibt hier keine Legehennen mehr, die in engen Volieren leben müssen. Bald werden keine männlichen Küken am Fließband mehr getöten, wie es seit Jahrzehnten üblich ist und aus den Konzepten der Ingenieure hervorgegangen. Das sind Erfolge, die hat die moralische Wahrnehmung der Bürger erst ermöglicht. Das strahlt in die Welt hinaus, möchte ich etwas pathetisch sagen.

„Es herrscht bisweilen eine erschreckende Inhaltsverweigerung“

Wenn Sie von Erfolgsgeschichten sprechen, denke ich an den Sozialwissenschaftler Harald Welzer. Der stellt den vielen Bildern und Erzählungen, was nicht funktioniert und was katastrophal ist, seine sogenannten „Geschichten des Gelingens“ gegenüber. Was halten Sie davon?

Viel. Die Frage ist ja: Wieso sind wir hier in Europa und insbesondere in Deutschland so intensiv aufs Misslingen fixiert? Liegt es an den Medien, die mit Vorliebe über das Negative berichten, weil nur das vermeintlich ein Nachrichtenwert ist? Natürlich ist das ein Faktor – und gerade deswegen sollten wir uns bewusst sein, wie stark er verzerrt: Darum lesen wir etwas über den einen katastrophalen Verkehrsunfall vom Vortag, aber nicht über die vielen Orte, wo gestern nichts Schlimmes passiert. Was mich nachdenklich macht: Uns scheint angesichts dieses Überangebots an Negativem zunehmend die Fähigkeit verloren zu gehen, Erfolgsgeschichten im Blick zu behalten – nicht zuletzt die der deutschen und europäischen Politik und auchder Umweltpolitik.

Erfolgsgeschichten Klima

FAZ-Redakteur und Fachbuchautor Jan Grossarth (links) im Gespräch mit Stiftungs-Geschäftsführer Stephan Muschick

Der Zeitgeist ist aber ein anderer: Wir lesen keine „Geschichten“ mehr – Die Mehrheit liest bei einem Text nur noch die ersten paar Wörter, und alles, was mehr als 280 Zeichen hat, ist ohnehin nicht mehr salonfähig. Wie sehen Sie als Journalist diese radikale Verknappung der Sprache?

Mit einiger Sorge: Es herrscht bisweilen eine erschreckende Inhaltsverweigerung. Ich habe neulich einen kritischen Kommentar über Gen-Scheren und die Notwendigkeit von deren Regulierung geschrieben – was übrigens sogar die Erfinderin der Technologie vom Max-Planck-Institut fordert. Da kam als Replik: „Ja, ja die Grünen und Technologie: Die hätten damals ja auch Mendel verboten, dann wäre die Biologie jetzt noch im 19. Jahrhundert!“ Das ist das manchmal das Niveau. Hier ging es dabei gar nicht um Verbote und auch nicht um die Grünen. Das war eine dogmatische Deutung, die letztlich auf der Metapher der Grünen als „Verbotspartei“ beruht. So reden irgendwie alle aneinander vorbei, solche Metaphern sind gefährlich.

Also gibt es gute und böse Metaphern?

Nicht gute und böse, aber lenkende Metaphern, die Bestandteil sind von Ideologie und das Denken und Argumentieren abkürzen – oder gar verhindern. Auf der anderen Seite fehlen oftmals auch kraftvolle Bilder. Beispielsweise gab es nie eine Metapher, die für die Verarmung der Böden Aufmerksamkeit geschaffen hat. Es gibt inzwischen alarmierende Verarmungen in den Böden, weniger Pilzgeflechte, weniger Mikrolebewesen. Daraus ist nie ein großer Diskurs geworden, obwohl es wissenschaftlich gut dokumentiert ist und in der Krisenhaftigkeit dramatisch. Wer hat das erstmals einem Millionenpublikum nahegebracht?

Warum der Zusammenbruch von Lehman dem deutschen Wald geholfen hat

Ich rate mal: Peter Wohlleben – der Förster, der seit Jahren an der Spitze der Bestsellerlisten steht?

Genau! Dabei hat er gar nicht direkt auf und unter den Boden geschaut, sondern auf die Bäume. Da sind wir wieder bei der Lebenswelt: Wir haben keinen bildlichen Bezug zu Bakterien und zu Mikroben, aber über Bäume lesen wir gerne. Auf dem Weg erfahren wir bei Wohlleben etwas über die vielfältigen Kooperationen im Wald – und damit auch die Bedrohung der Mikrolebewesen. So begreifen dann auch die meisten etwas von der Krise, denn es geht um ein erfolgreiches Miteinander von Bäumen und dem Leben im Boden.

Das heißt: Auch wer im Klimadiskurs etwas erreichen will, sollte auf das Miteinander setzen?

Ein zentrales Ergebnis meiner Arbeit lautet: Es werden nur die ökologischen Krisenmetaphern von der Masse gehört, die zugleich lebensweltlich und kulturell anschlussfähig sind. Darum hat auch die Debatte um die Gemeinwohl-Ökonomie nach 2008 so verfangen, also während und nach der Lehman-Pleite. Viele Bücher dazu waren Bestseller, zum Beispiel „Das Ende der Welt, wie wir sie kannten“ von Harald Welzer oder Niko Paechs Ideen zur „Postwachstumsökonomie“. Auch das Buch von Wohlleben über die Bäume, über den Wald, aber letztlich die Böden, ist überaus und auch international erfolgreich gewesen, weil es ein tiefes kulturelles Bedürfnis der Menschen trifft und adressiert; es weckt Sehnsucht nach Verbindungen – jenseits des im Alltag von ganz vielen von uns Tag für Tag erlebten Gegeneinander.

Dann hat die Lehman-Krise zumindest dem deutschen Wald geholfen …

Sie hat jedenfalls den Weg zur Besserung geebnet, weil sie ihm Aufmerksamkeit beschert und Millionen von Menschen für eine ökologische Notlage sensibilisiert hat.

 

Sie haben Teil 1 des Interviews verpasst? Sie finden es hier bei uns im Blog.

 

Weiterlesen:

  • Jan Grossarth: „Die Vergiftung der Erde. Metaphern und Symbole agrarpolitischer Diskurse seit Beginn der Industrialisierung“. 512 Seiten. 2018. Campus Verlag, 39,95€
  • Jan Grossarth: „Die Erde ist krank, aber nicht vergiftet“. Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 03.06.2018
  • Jan Grossarth: „Vom Aussteigen und Ankommen. Besuche bei Menschen, die ein einfaches Leben wagen“, 320 Seiten. 2012. Goldmann Verlag, 9,95€.

 

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Kategorien: Bildung
Schlagwörter: Energiesparen, Energiewende, Klimaschutz, Nachhaltigkeit und Stephan Muschick


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