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Beitrag: „Die Klimakatastrophe ist bisher nicht im Kühlschrank angekommen“

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21. November 2018

„Die Klimakatastrophe ist bisher nicht im Kühlschrank angekommen“

In Deutschland wird es immer heißer und trockener, um nachhaltige politische Konsequenzen wird heftig gerungen. Im Gespräch mit Stephan Muschick, Geschäftsführer der innogy Stiftung, erklärt der FAZ-Redakteur und Fachbuchautor Jan Grossarth, weshalb drastische Bilder über eine Klimakatastrophe wenig Gutes bewirken und wie ein Förster bei Millionen von Menschen das Umweltbewusstsein steigern konnte.

STEPHAN MUSCHICK: Herr Grossarth, wir haben jetzt diesen Beinahe-Jahrhundertsommer erlebt, der vielerorts der trockenste seit Beginn der Aufzeichnungen war. Es wurde und wird wieder viel diskutiert über den Zusammenhang zwischen Wetter und Klima – was denken Sie: Hat der Sommer dem Klimaschutz eher genutzt oder eher geschadet?

JAN GROSSARTH: Wer interessiert ist, mehr Klimaschutz zu verhindern, klassifiziert und definiert ja gern alles als Wetterphänomen. Die Gegenseite spricht dagegen sehr schnell von dauerhaften Klimaänderungen. Und wenn ich den Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber richtig verstehe und sein jüngstes Buch „Selbstverbrennung“ …

… in der er die Dreiecksbeziehung zwischen Klima, Mensch und Kohlenstoff aufzeigt – eines der eindringlichsten Werke zur globalen Erwärmung, finde ich …

… genau, darin beschreibt Schellnhuber einen Zusammenhang zwischen dem Abschmelzen der Polkappen und globalen Veränderungen der Luftströme. Das heißt: Man kann kaum eindeutig definieren, was ein Wetter- und was ein Klimaphänomen ist. Manche kurzfristigen Wetterphänomene sind letztlich auch durch klimatische Langzeitveränderungen bedingt.

Das ist die naturwissenschaftliche Ebene. Aber wie wirkt die gesellschaftspolitisch?

Ich denke, um Ihre Eingangsfrage zu beantworten, dass der Sommer 2018 den Anliegen des Klimaschutzes genutzt hat. Denn die Jahrhundert-Trockenheit ist in der Lebens- und Erfahrungswelt von uns Bürgern angekommen: im Garten und auf dem Balkon, auch auf den dörren Getreidefeldern, die wir bei Fahrradtouren gesehen haben. Es war auf jeden Fall – und darauf kommt es ja an in unserer Mediengesellschaft – ein sehr bildreiches Erleben.

Es gibt auch Stimmen, die das anders sehen – und auf 1540 verweisen…

Das stimmt, ich habe in der FAZ einen Artikel geschrieben über den Jahrtausend-Sommer 1540. Da gibt’s es einen Schweizer Wissenschaftler, der dem Thema sein Lebenswerk gewidmet hat und aus Quellen aus ganz Europa rekonstruiert, dass es damals elf Monate quasi keinen Niederschlag gegeben hat und Millionen von Tote in Europa. Ein Drama sondergleichen!

Es gibt Stimmen, die den Vergleich ziehen und diesen Sommer im Kontext der aktuellen Klimadebatte ganz anders bewerten: als Entwarnungssignal! Es wäre doch vor 500 Jahren viel schlimmer gewesen als heute, es gebe diese Klimaerwärmung doch gar nicht. Das ist absurd, aber wahr.

„2018 wird uns als Klimakatastrophe in Erinnerung bleiben“

Welche Stimmen haben sich durchgesetzt?

Die Mahner. Die Dürre 2018 wird den Menschen als Katastrophenereignis in Erinnerung bleiben, so wurde sie wahrgenommen, so wurde sie medial besprochen, etwa die Missernten oder Waldbrände. Allerdings ist die Katastrophe bisher nicht im Kühlschrank oder im Magen der Leute angekommen. Daher frage ich mich, wie viel sich durch die Ereignisse 2018 langfristig ändert.

Sie selbst schreiben in Ihren Artikeln, dass wir Menschen gerne Warnungen ignorieren. Dabei ist die Erde, wie sie sagen, krank. Was sind denn die Krankheiten der Erde?

Die Erde ist ja keine Person, aber die Metapher der Krankheit taugt. Durch das beispiellose Menschheitsprojekt Industrialisierung, auch der Landwirtschaft, kommt es zu diversen und gut dokumentierten Schadwirkungen. Nehmen Sie die Felder und die Böden: weniger Insekten, weniger Würmer, eine Reduktion von Leben – und klar zurückzuführen auf die Stickstoffkonzentration und den Pflug. Man macht aus Erdgas Stickstoffdünger, was die Nitrat- und Nitrit-Konzentration im Oberflächenwasser verändert: Für Wissenschaftler wie Schellnhuber gibt es viele  deutliche Indizien, dass der Klimawandel menschengemacht ist. Natürlich gibt es keine hundertprozentige Sicherheit, aber vier oder fünf wissenschaftlich fundierte Erklärungsansätze, auf welche Weise der Mensch eine entscheidende Ursache ist für den Klimawandel.

Dennoch scheint ein allzu starker Alarmismus oder die übermäßige Zuspitzung in der Debatte wenig hilfreich. Schellnhuber hat für das Reden von der „Selbstverbrennung“ viel Kritik erfahren – und auch Sie für das Bild der „kranken, vergifteten Erde“.

Schellnhuber entschuldigt sich im ersten Kapitel von „Selbstverbrennung“ sogar, dass er die wissenschaftliche Sprache verlässt. Er sagt am Anfang sinngemäß den bezeichnenden Satz, er erinnere sich melancholisch zurück an die Zeit als Kind in seinem bayerischen Dorf und das sei die schöne alte heile Welt  gewesen. Das Bild von der „vergifteten Erde“ kommt ja nicht von mir. Ich habe ein wissenschaftliches Buch darüber geschrieben, dass es letztlich seit 150 Jahren benützt wird – und dass dies unter sehr unterschiedlichen politischen, kulturellen und ideologischen Vorzeichen geschehen ist. In diesem Sinne differenziere ich auch stark und versuche, ökopolitische Ideologisierungen von sehr wichtigen Anliegen dieser drastischen metaphorischen Redeweise zu trennen.

Darf ein Wissenschaftler das: melancholisch sein?

Das ist eine gute Frage. Schellnhuber kehrt danach ja wieder zurück in die Sprache der Physik für den Rest seines Buchs. Für mich zeigt die anhaltende Debatte, wie wichtig gerade bei solchen Themen die Sprache ist. Denn nur mit den richtigen Metaphern kann ich breitenwirksam sein.

Müll Klimakatastrophe

Das Ausmaß der Umweltverschmutzung zeigt sich überall: Vermüllte Natur vor Windmühlen.

„Im schlimmsten Fall werden Metaphern zum Mittel von Demagogie und Lenkung“

Bilder haben gerade in Zeiten von Social Media  eine enorme Wirkung – siehe die Tweets von „unserem Mann im All“ Alexander Gerst über das verdorrte Mitteleuropa. Auch die „Plastikteppiche“ im Ozean haben so viel Betroffenheit verursacht, dass nun international diskutiert wird, wie viel Müll jeder von uns produziert – mit der Androhung von Verboten seitens der EU. Auf der anderen Seite stumpfen wir Menschen schnell ab; wenn ich etwas zum dritten Mal gesehen habe, vermag das kaum mehr zu schockieren. Wie ist es bei Ihnen, welche Bilder der Klimakatastrophe wirken noch?

Es sind definitiv nicht mehr die drastischen Bilder, sondern eher die ungewohnten wie die aus dem All: Da grünt nichts mehr, da wächst nichts mehr – alles ist braun. Das war das ganz neue, und deswegen haben diese Bilder so verfangen.

Glauben Sie, dass auch das Bild der kranken, vergifteten Erde als neues Bild verfängt?

Die Vergiftung ist nicht nur ein Bild, sie ist in mancher Hinsicht auch erwiesen: Das Verschwinden von Mikroorganismen im Boden zum Beispiel, das ist eine Art Vergiftungserscheinung und wissenschaftlich belegt. Allerdings ist diese Metapher der Vergiftung der Erde gerade nicht neu, sondern überstrapaziert seit vielen Jahrzehnten – und damit wohl ziemlich wirkungslos.

Das klingt ernüchtert. Welche Bilder der Klimakatastrophe bräuchte es denn stattdessen?

Ich habe keine konkrete Antwort. Aber wir sollten Bilder finden, die vermitteln: Wir sollten uns die Frage stellen, wie die Energiewende nicht nur für den wohlhabenden Tesla-Fahrer attraktiv ist, sondern auch für normale Menschen. . Solche Bilder müssen konkret sein und zugleich tiefgreifend in der realen Lebenswelt gründen. Denn was sind Metaphern überhaupt? In erster Linie ordnende Konzepte, und in der Hinsicht sind sie zwiespältig. Im schlimmsten Fall können sie Mittel von Demagogie und Lenkung sein. Aber im besten Fall – und das gilt auch für manche Metaphern von einer Zerstörung der Erde, von einer Vergiftung der Umwelt – haben sie einen kulturkritischen Gehalt und das Potenzial, über Vieldeutigkeit neugierig zu machen und das Nachdenken zu fördern.

Das Empfinden eines einfachen Bürgers, der nicht Experte ist, zählt viel in diesem Diskurs. Leider wird das viel zu oft ignoriert. Wir sollten diese Stimmen ernst nehmen, als Kompass zur Orientierung.

 

Teil 2 des Interviews über Sprache, Klimaschutz und die Frage, wieso der Zusammenbruch von Lehman Brothers dem deutschen Wald geholfen hat, ist inzwischen ebenfalls hier im Blog erschienen.

Weiterlesen:

  • Jan Grossarth: „Die Vergiftung der Erde. Metaphern und Symbole agrarpolitischer Diskurse seit Beginn der Industrialisierung“. 512 Seiten. 2018. Campus Verlag, 39,95€
  • Jan Grossarth: „Die Erde ist krank, aber nicht vergiftet“. Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 03.06.2018

 

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Kategorien: Bildung
Schlagwörter: Energiesparen, Energiewende, Klimaschutz, Nachhaltigkeit und Stephan Muschick


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