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Beitrag: „Der Besucher wird in meinem Werk zum Akteur“ – Lia Sáile über ihre Ausstellung beim Jazzfestival Berlin

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31. Oktober 2018

„Der Besucher wird in meinem Werk zum Akteur“ – Lia Sáile über ihre Ausstellung beim Jazzfestival Berlin

Das Jazzfestival Berlin vom 1. bis 4. November steht diesmal nicht nur im Zeichen der Musik. Künstlerin Lia Sáile stellt ihre Werke in den Fluren und Treppenhäusern des Hauses der Berliner Festspiele aus. Das Besondere: Die Besucher des Festivals werden darin mit einbezogen. So soll sich die Distanz zwischen Zuschauer, Bühne und Kunstwerk auflösen. Die Theater-, Film und Medienwissenschaftlerin erklärt, wie das mit ihrer Arbeit TRANS LUCENT funktioniert.

Frau Sáile, was hat es mit dem Namen TRANS LUCENT auf sich?
LIA SÁILE: Translucent bedeutet halbdurchlässig, halbdurchsichtig, halb durchscheinend. Das an sich suggeriert schon politische Dimensionen. Neu an dem Jazzfestival dieses Jahr ist ja die spürbar politische Ausrichtung. Schon in den Gesprächen mit der neuen Festivalleiterin Nadin Deventer über unsere Zusammenarbeit merkte ich schnell: Das Jazzfestival wird völlig revolutioniert. Ich bin gespannt auf die verschiedenen Konzerte, aber auch auf die Interaktionen und Berührungspunkte zwischen Musik und Kunst, zwischen Publikum und Kunstobjekten.

Lia Saile Trans Lucent

Lia Sáile vor ihrer Arbeit „Trans Lucent“. „Das Bild ist um drei Uhr morgens entstanden, als wir mit dem Aufbau fertig waren“, sagte die Künstlerin. „Um fünf war ich erst im Bett.“ Wir sagen: Die Mühe hat sich definitiv gelohnt!

Wie empfinden Sie das Verhältnis zwischen Mensch und Energie?
Ich glaube, nie zuvor war Energie so wichtig wie heute. Wir verbrauchen weltweit Massen an Energie, Strom und Licht. Unsere westliche Arbeitswelt und unsere gesamte Produktionswelt hängt davon ab. Auch die Mobilität – ohne Energie gäbe es keine Flughäfen und nachts keine beleuchteten Straßen. Ebenso ist die digitale Kommunikation, die Menschen verbindet, energieabhängig. Energiegewinnung ist allerdings das Dilemma unserer Zeit – es muss von großen Energiekonzernen ethisch, nicht nur kommerziell betrachtet werden. Das Thema Energie sollte in seiner gesamten Tragweite angegangen werden. Jeglicher Eingriff in die Natur, in endliche Ressourcen, in Lebensräume und Lebensweisen der Zukunft muss verantwortungsvoll geschehen.

„Die Objekte behandeln jeden Menschen gleich“

Was erwartet die Besucher beim Jazzfestival, wenn sie auf Ihre Werke treffen? Erleuchtung?
Meine Arbeit TRANS LUCENT besteht aus Lichtbögen, durch die jeder Besucher auf dem Weg zu den Veranstaltungsräumen kommt. Der Kraft des Lichtspiels kann sich niemand entziehen. Wir nennen es bewusst eine “Lichtintervention”. Genau darin liegt der Reiz: Jeder Gast des Festivals wird so zum Akteur und tragenden Teil des Kunstwerkes. Die Installation beleuchtet Übergänge und Zwischenräume in ihrer Konstruktion und Funktion. Das Werk greift die politische Ausrichtung des musikalischen Festivalprogramms thematisch auf und führt sie auf einer weiteren Ebene fort. Es spielt auf Fragen der Grenzziehung, der Differenz, Transparenz und Mobilität an.

Haben Sie Ihre Installationen eigens für das Jazzfestival im Haus der Berliner Festspiele entworfen?
Ja. TRANS LUCENT ist sowohl thematisch eigens für das Berliner Jazzfestival entwickelt, als auch räumlich auf das Haus ausgerichtet worden. Die Konstrukte aus Stahl und Licht, die im Foyer des Erd- und Obergeschosses angebracht wurden, sind eigentlich Störobjekte. Sie sind Fremdkörper, die regelrecht an den Innenraum des Festspielhauses andocken, sich anschmiegen, aber ein autonomes, verfremdendes, eingreifendes Objekt bleiben.

Welche Message möchten Sie beim Jazzfestival Berlin mit TRANS LUCENT vermitteln?
Das Werk macht auf den Raum selbst aufmerksam und beleuchtet das Bewegungsverhalten innerhalb des Raumes. Es wühlt Fragen zu Mobilität, Freiheit, gar zu Freiwilligkeit auf. Die Besucher werden durch eine bewusste Provokation auf sich selbst und auf ihre Körperlichkeit und Präsenz im Raum aufmerksam gemacht. Wesentlich ist: Die Objekte behandeln jeden Menschen gleich. Es gibt viele Parallelen zu aktuellen Weltthemen wie Einwanderung oder Postkolonialismus. Dennoch ist das Werk offen gestaltet. Wichtig ist mir, neben den Ebenen des Denkens, Verknüpfens und Verstehens auch eine emotionale Erfahrung zu schaffen.

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Kategorien: Kultur
Schlagwörter: Berlin, Kunst und Musik


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